Sylter Geschichte : „Der Dicke“ und der Dolch

Hermann Göring mit dem im Text beschriebenen Jagddolch
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Hermann Göring mit dem im Text beschriebenen Jagddolch

Bei einem Spaziergang durch die Morsumer Heide verlor Hermann Göring einst seinen Jagddolch / Gefunden wurde er schließlich von einem jungen Sylter

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17. Januar 2018, 05:37 Uhr

Es gibt Ereignisse und Fakten, die muss man wirklich nicht kennen. Zum Beispiel die Tatsache, dass Hermann Göring vor 85 Jahren – am 25. Januar 1923 – die Schwedin Carin von Kantzow, geb. Freiin Fock heiratete. Diese Heirat gehört definitiv in das Arsenal der zu vergessenden Gedenktage. Trotzdem ist diese Ehe für eine besondere Sylt-Geschichte verantwortlich, auch wenn „der Dicke“, wie einer seiner Spitznamen lautete, später hier auf Sylt ausschließlich mit seiner zweiten Frau, Emmy Sonnemann, in Erscheinung trat.

Für Göring, der aus dem 1. Weltkrieg als hochdekorierter Jagdflieger hervorging, gab es damals in der Weimarer Republik keinen passenden Job mehr. Kurzentschlossen ließ er sich in Schweden von der frisch gegründeten „Svenska Lufttrafik“, Vorläufer der heutigen SAS, einstellen. Und hier stand im Februar 1920 im Stockholmer Büro der Fluggesellschaft der exzentrische Graf von Rosen, der just von einer Weltreise aus Südamerika heimgekehrt war. Und indigniert feststellen musste, dass es kurz vor zu Hause nicht weiterging. Ihm gehörte das knapp 100 Kilometer entfernt liegende Schloss Rockelstad und keiner der Piloten war bereit, in dem heulenden Schneesturm sein Leben auf’s Spiel zu setzen, um den Grafen zu seiner Familie zu bringen. Aber der deutsche Kollege Göring, der wieder einmal knapp bei Kasse war, wollte es wagen. Mit dem Tapferkeitsorden „Pour le Mérite“ in der Tasche hat man vermutlich größeren Mut, der ihm allerdings auf der Strecke abhanden kam. Göring soll später immer wieder erzählt haben, es sei der schrecklichste Flug seines Lebens gewesen, denn er verlor nicht nur die Orientierung. Letztendlich konnte er nur mit Glück auf dem Eis der Bavensee vor dem Schloß mit seiner Maschine aufsetzen.

Graf von Rosen wurde schon sehnsüchtig von seiner Frau Mary erwartet, die ihre Schwester Carin zu Besuch hatte und der Rest der Geschichte ist jetzt klar: Hermann und Carin verliebten sich. Eine Beziehung, die übrigens traurig endete, denn Carin starb nach nur achtjähriger Ehe an Tuberkulose.

Hermann Göring und Eric von Rosen verband allerdings seit diesem Flug eine lebenslange Freundschaft, die durch vielerlei Geschenke von Seiten des Millionärs und Sammlers von historischen Kunstschätzen bekräftigt wurde. Dazu gehört ein mit Wikingermotiven reich verzierter Jagddolch mit vergoldetem Griff und rotem Saffianleder auf der Scheide. In Sammlerkreisen derartiger Devotionalien wird erzählt, der Dolch sei eine Spezialanfertigung und trage eine Widmung von Eric an Hermann.

Warum Göring just diesen Dolch bei einem Spaziergang über die Morsumer Heide im Sommer 1937 dabei hatte, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Und auch, warum er ihn trug, als er am 8. Mai 1945 gefangengenommen wurde. Aber dass er ihn auf seinem Weg in die Gefangenschaft überhaupt dabei haben konnte, ist dem Morsumer Boy Thiessen (1921-2009) zu verdanken. Denn damals auf Sylt verlor Göring jenen Jagddolch – der, wie in mehreren Sylt-Veröffentlichungen zu lesen ist, weder ein Geschenk von Mussolini war noch ein Dolch der faschistischen Miliz – während des Spaziergangs in der Nähe des Restaurants Nösse. Eine ganze Kompanie von Soldaten soll daraufhin die Heide durchforstet haben, um den Dolch zu finden, der allerdings verschwunden blieb.

Der zu diesem Zeitpunkt 17jährige Boy Thiessen versuchte auf eigene Faust sein Glück und er wusste, die Sonne muss schräg stehen, damit man hier einen blinkenden Gegenstand finden kann. Und so war es dann auch. Kaum hatte man in Wenningstedt, wo die Familie Göring seit 1935 ein Ferienhaus besaß, angerufen, um den Fund zu melden, bewegte sich eine Staubwolke aus dem Westen auf Morsum zu. Boy Thiessen hat der Autorin gegenüber glaubhaft versichert, dass die damals noch unverbaute Insel und die trockenen Feldwege den Morsumern anzeigten, dass sich ein Auto mit hoher Geschwindigkeit auf den Weg in den Inselosten gemacht hatte. Glauben muss man auch, dass der Finderlohn noch am selben Abend in Hochprozentiges umgesetzt wurde und fast jeder im Dorf dieses Ereignis mitfeierte – und dafür sorgte, dass die hundert Mark so schnell verschwanden, wie sie gekommen waren.

Nicht verschwunden ist jedoch Görings Jagddolch. Er befindet sich heute in den USA, im nördlich der Stadt New York gelegenen West Point Military Museum. Dort liegt er in einer Vitrine in trauter Nachbarschaft mit Görings Reichsmarschallstab, seinem Trommelrevolver und Gästebuch sowie der goldenen Liliput-Pistole von Adolf Hitler.






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