Neue Statue in Wenningstedt : Der besondere Blick des Fischers

Blick Richtung Masuren: Am 22. August wird sein Pendant in Sorquitten aufgestellt.

Vor der Friesenkapelle steht eine Figur ungewöhnlichen Ausmaßes und schaut aus Richtung Osten – aus bestimmtem Grund.

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29. Juni 2018, 05:53 Uhr

Das ältere Ehepaar bleibt am Dienstagnachmittag auf seinem Weg in die Wenningstedter Friesenkapelle abrupt stehen. Etwas ist hier anders als sonst. Auf der Rasenfläche vor dem Gotteshaus steht eine Figur ungewöhnlichen Ausmaßes. Starr und reglos steht dieser vermeintliche Goliath da. Seine Rechte hält er beschattend über beide Augen, während sich die Linke lässig und energisch zuglich in die Hüfte stemmt. Vor allem ist es der Blick dieses Ruhe und Gelassenheit verströmenden Mannes, der innehalten lässt. Keineswegs schaut er die Vorübergehenden an. Sein Blick schweift vielmehr in die Weite. Aber nicht ziellos. „Die Blickrichtung dieser Figur, ein an seiner Kleidung und dem daneben stehenden Holztrog voller Fische unschwer als Fischer zu erkennen, zielt exakt in östliche Richtung,“ erzählt Pastor Rainer Chinnow. „Und diese Richtung haben wir mit dem Kompass genau ausgelotet.“

In der ehemaligen deutschen Provinz Ostpreußen, besungen als das „Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen“, liegt Wenningstedts kirchliche Patengemeinde Sorquitten in herrlicher Landschaft, umgeben von Wäldern und Seen. Fritz Hermann, über 46 Jahre Küster der Friesenkapelle, gebürtiger Ostpreuße aus Mohrungen und immer noch in „seiner“ Kirchengemeinde engagiert, verstand es, Kontakte zum dortigen evangelischen Pfarrer Krzystof Mutschmann zu knüpfen. Mit Umsicht und Geschick entwickelte sich im Laufe der Zeit ein Hilfsprojekt für die masurische Gemeinde, das vom Ausbau des Pastorates, dem Bau eines Seminar- und Tagungshauses sowie einer Übernachtungsstätte mit 16 komfortablen Zimmern reichte. Runde 32 Jahre besteht mittlerweile diese Partnerschaft, die mit vielen Hilfstransporten, Spenden und tatkräftigen handwerklichen Einsätzen von Syltern lebendig gehalten wurde und noch wird. „Masylta“, Masuren und Sylt, so der Name des lichtdurchfluteten, mit Hölzern und Materialien aus der Region errichteten Domizils in Sorquitten, ist ein „der Versöhnung und dem Frieden gewidmetes“ Gästehaus. In dem „Menschen aus aller Welt sich begegnen, sich austauschen und bereichern können und sich nicht mehr fremd fühlen.“

Bis zur Enthüllung blieb die Figur verhüllt. Künstlerin Christel Lechner, Edgar Kirschniok und Pastor Rainer Chinnow.
Foto: Nieß
Bis zur Enthüllung blieb die Figur verhüllt. Künstlerin Christel Lechner, Edgar Kirschniok und Pastor Rainer Chinnow.

Auf einer Reise in das ferne Masuren erklärte sich Edgar Kirschniok („Ich möchte gerne etwas tun!“) im Beisein von Pastor Rainer Chinnow und Fritz Hermann spontan bereit, für alle 16 Gästezimmer die Kosten der Einrichtung zu übernehmen. Der Kampener und sich der Kirchengemeinde Wenningsstedt verbunden fühlende Kirschniok wusste auch Rat, als es darum ging, die Verbundenheit zwischen den beiden Kirchengemeinden in Ost und West augenfällig durch eine künstlerische Darstellung zu dokumentieren. Christel Lechner, Bildhauerin aus Witten/Ruhr, Ehefrau des Kampeners und bekannt für ihre „unverkennbaren Alltagsmenschen aus Beton“, entwarf für beide Standorte jeweils die überlebensgroßen Figuren „Blick nach Sorquitten“ und „Blick nach Sylt“. Sinn und Zweck: über Ländergrenzen hinweg das Augenmerk aufeinander richten.

Christel Lechner griff dabei das Thema des Fischers auf, galt und gilt doch Fischfang in beiden Regionen bis heute als wichtiger Erwerbszweig und Nahrung. Und vor allem: „Fischer und ihr Fischfang greifen nicht zuletzt christliche Symbole auf.“

In seiner Predigt anlässlich der Einweihung der Skulptur stellte Pastor Chinnow insbesondere Geduld und Gelassenheit des Fischers bei der Kunst des Fangens heraus sowie die Bereitschaft, „sich verbunden zu fühlen mit jenen, die an anderen Ufern wohnen.“ Konkret bedeutet das für die Wenningstedter christliche Gemeinde, „dass die Worte der Nächstenliebe nicht hohl, sondern durch die Tat gefüllt sind.“ So wurden aus dem reinen Augenmerk für Sorquitten schließlich viele Transporte und Begegnungsreisen ins ferne Ostpreußen. Und aus ihnen erwuchs im Laufe der Jahre schließlich gar eine Gemeinschaft, die, so der Wenningstedter Geistliche, „der Heilige Geist erbaute – aus einer tiefen Sehnsucht nach Frieden, Respekt und Anerkennung“ füreinander.

Die Bildhauerin entwarf die Figur aus Beton.
Foto: Lorkowski
Die Bildhauerin entwarf die Figur aus Beton.

Nun also steht der Fischer mit seinem Blick gen Masuren vor Wenningstedts Fiesenkapelle. Per Sprinter-Fahrzeug hat er seine Reise vom Atelier der Künstlerin an der Ruhr an die Brandung der Nordsee angetreten und hier seine Heimat gefunden. Am 22. August wird sein Pendant in Sorquitten aufgestellt. Beides Symbole, „dass wir aus der Enge unserer kleinen Welt, die uns Heimat ist, immer wieder den Blick hinaus wenden,“ so Rainer Chinnow in seiner Predigt. Deshalb blicken wir nach Masuren, und die Masuren zu uns. Möge Gott diese Freundschaft erhalten und weiterhin seinen Segen auf dieser Partnerschaft ruhen lassen!“

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