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Fallschirmtandemsprung : Der abenteuerlichste Weg, auf Sylt zu landen

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Sylt aus der Luft: Das Rantumbecken bezaubert mit Bronzetönen - der Hindenburgdamm ist ein dunkles Band. Cornelia Pfeifer hat einen Fallschirmtandemsprung 4000 Meter über der Insel gemacht - ein Erlebnisbericht.

shz.de von
erstellt am 05.Aug.2013 | 02:28 Uhr

Sylt | Schneller, als es mir lieb ist, sitze ich in der offenen Luke des Flugzeugs. 4000 Meter unter mir liegt die schmale Silhouette der Insel Sylt. Für das beeindruckende Panorama mit weißen Schäfchenwolken und dunkelblauer Nordsee habe ich im Moment kein Auge. Stattdessen denke ich daran, dass ich gleich im freien Fall mit 200 Stundenkilometern auf die Erde zurasen werde - und nichts außer einem 120 Quadratmeter großen, sehr dünnen Stück Stoff bewahrt mich vor dem tödlichen Aufprall.
Fast automatisch folge ich den Anweisungen meines Tandem-Masters Tobi Scherrinsky, schiebe die Beine unter den Rumpf des Flugzeugs, verschränke die Füße und lege den Kopf in den Nacken . Es ist eine Wohltat, nicht länger in die Tiefe schauen zu müssen. Und dann ist es so weit. Tobi stößt sich ab und wir befinden uns im freien Fall. Die Luft rauscht vorbei, aber das verrückte Gefühl im Magen, das man aus der Achterbahn kennt, bleibt aus. Tobi hat es mir vorher erklärt - das Gefühl wird durch die zunehmende Geschwindigkeit verursacht, aber wir beschleunigen nur von den 125 Stundenkilometer, mit denen das Flugzeug unterwegs ist, auf unsere Fallgeschwindigkeit. Es ist angenehm, denn es ist nicht besonders kalt, das Adrenalin pumpt durch meine Adern und vertreibt alle Angst. Bald merke ich aber, dass ich nur schlecht Luft bekomme - das liegt an dem Fahrtwind, hat mich Tobi vorher gewarnt. Wenn man etwas Übung hat, mache einem das gar nichts aus.

Hindenburgdamm als dunkles Band

Ein paar Minuten vorher saß ich noch auf dem Boden des kleinen Flugzeugs, wie eine Sardine eingequetscht zwischen den Beinen von Tobi und dem Rücken eines anderen Fallschirmspringers. Insgesamt sind wir 15 Leute und zehn Fallschirme und passten so gerade in das kleine, unmöblierte Flugzeug. Noch war ich relativ gelassen. Während die kleine Maschine immer höher stieg, konnte ich durch die Fenster die Umrisse der Insel erkennen. Dann zeichnet sich in dem dunklen Blau des Wattenmeeres ein dunkles Band ab - der Hindenburgdamm.
So langsam begann ich, den Flug zu genießen und zu vergessen, dass ich gleich aussteigen sollte - auf einer Höhe von 4000 Metern. Aber dann wurde meine Aufmerksamkeit von einer kleinen roten Lampe abgelenkt, die am anderen Ende des Flugzeugs angefangen hatte zu leuchten. "Setz dich auf meinen Schoß", forderte mich Tobi auf. Vor diesem Moment hatte ich mich gefürchtet - jetzt gab es kein Zurück mehr und in meinem Magen baute sich der unangenehmer Druck auf. Während Tobi in aller Ruhe die Gurte festzog und uns über mehrere Haken und Schnallen miteinander verband, beobachtete ich nervös, wie das erste Team in Richtung Ausgang robbte. Mittlerweile war die Rolltür geöffnet worden und ich konnte draußen den blauen Himmel sehen. Dann stießen sich die ersten beiden Springer vom Flugzeug ab und verschwanden blitzschnell aus meinem Blickfeld und meine Nervosität steigert sich. Während sich das nächste Paar auf den Weg machte, sagte Tobi, dass es jetzt losgehe. Seine Stimme klang ganz ruhig. Er kann ja auch gut reden - der 35-Jährige ist schon über 7400 Mal Fallschirm gesprungen.

Schöner Blick aufs Rantumbecken

In diesem Moment beruhigte mich das nicht wirklich, denn in einer hilflosen Position rutschte ich vor ihm über den Boden des Flugzeugs, immer näher auf den Ausgang zu. Fürs Nachdenken blieb w in meinem Kopf nicht mehr viel Platz, das Gehirn war zu sehr damit beschäftigt, die Information zu verarbeiten, dass ich gleich im freien Fall aus einem Flugzeug springen würde. Tobi hatte mir vor dem Flug erzählt, dass dies der Moment ist, vor dem die Leute in der Regel am meisten Angst haben. Ich konnte das gut nachvollziehen. Andererseits kam ich auch nicht auf die Idee, es dem Mann nachzumachen, der sich am Tag zuvor geweigert hatte, zu springen. Jetzt, wo ich schon so weit gekommen war, wollte ich auch hinaus!
Während ich noch mit meinen Gedanken beschäftigt bin, bemerke ich Thorsten Burkhardt, der vor mir in der Luft hängt und mir offenbar bedeuten will, dass ich irgendetwas mit meinen Armen machen soll. Er soll mich während des Sprungs fotografieren und stürzt vor uns der Erde entgegen. Dann packt Tobi meine Arme und zieht sie zur Seite. Ach ja richtig, da war ja was in der Einweisung. Jetzt reicht mir der Fotograf die Hand. Ich schüttele sie und er dreht ab. Plötzlich spüre ich einen Ruck, die Gurte um meine Schultern ziehen sich zusammen und ich hänge an Tobi und der wiederum muss am Fallschirm hängen, denn unsere Geschwindigkeit hat sich drastisch reduziert. Mit knapp über 15 Stundenkilometern gleiten wir dahin. Es ist ganz ruhig geworden, der Wind hat aufgehört zu pfeifen und zum ersten Mal nehme ich meine Umgebung richtig war. Ich sehe Westerland unter mir liegen, sehe den Strand und die weiße Brandung, ja sogar das Kurzentrum, wo irgendwo die Kollegen in der Redaktion sitzen müssen. Am schönsten ist aber der Blick auf das Rantumbecken, das wie eine große Mischung ineinander gelaufener Ölfarben in sanften Bronzenuancen daliegt.

Lange fünf bis sieben Minuten

lle Aufregung ist verschwunden und ich genieße die Aussicht, das sanfte Fliegen, die angenehme, warme Luft. Jetzt kann ich sogar Tobi verstehen, als er mich fragt wie es mir geht. Wie es mir geht? Großartig - was für eine Frage! Tobi erklärt mir, was ich tun muss, wenn wir landen. Landen? Aber wir sind doch noch so hoch - es muss doch noch ewig dauern, bis wir am Boden ankommen.
Fünf bis sieben Minuten soll der Flug am Fallschirm insgesamt dauern. Mir kommt es länger vor. Schnell lasse ich noch einmal den Blick über das Wattenmeer und seine faszinierenden Schattierungen, die grünen Wiesen rund um Tinnum, den weißen Strand und das azurblaue Meer schweifen. Dann beginnt Tobi, unseren Schirm leichte Drehungen beschreiben zu lassen. Zum ersten Mal bekomme ich wieder ein etwas mulmiges Gefühl im Magen, das diesmal aber nichts mit der Aufregung zu tun hat. Dann soll ich die Knie anziehen und die Füße nach vorne strecken und plötzlich ist der Boden ganz nahe. Wir sind gelandet und der blau-rote Fallschirm sinkt hinter uns auf den Boden. Ich brauche noch ein paar Minuten, dann geht es zu den kleinen Bussen, wo die anderen Springer schon mit leuchtenden Augen warten. "Das war der Hammer", sagt die 18-jährige Carlotta. Und ich kann ihr nur aus ganzem Herzen zustimmen.

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