Mit der Bibel am Ball : Demut – eine wahrlich große Gabe

Rainer Chinnow ist Pastor der Norddörfer Kirchengemeinde.
Rainer Chinnow ist Pastor der Norddörfer Kirchengemeinde.

In unserer WM-Kolumne notiert Pastor Rainer Chinnow nach der Niederlage der deutschen Mannschaft seine Gedanken über Spiel und Glauben

shz.de von
04. Juli 2018, 04:50 Uhr

Wir haben es einfach nicht verdient gehabt. Wir sind dafür verantwortlich. Das ist ganz bitter und einfach auch erbärmlich“, sagte Manuel Neuer nach der Niederlage im letzten Vorrundenspiel gegen Südkorea.

Der Kapitän knüpft mit seiner Analyse der Auftritte seines Teams bei der WM 2018 an biblische Erfahrung an: „Wo Hochmut ist, da ist auch Schande; aber Weisheit ist bei den Demütigen.“ (Sprüche 11,2.) Leider besinnt er sich erst nach dem Ausscheiden auf diese biblische Weisheit...

Hochmut ist Menschen eigen, die ihren eigenen Wert, ihren Rang und ihre Fähigkeiten unrealistisch hoch einschätzen. Beispielsweise, weil sie Weltmeister sind. Im Fußball ist es wie im richtigen Leben: Der Hochmütige sonnt sich an seinen Erfolgen. Er hat ein Idealbild von sich selbst entworfen und ist bestrebt, allen, denen er begegnet, nur seine Glanzseiten zu zeigen. Er hält sich für perfekt und unbesiegbar. Für Kratzer auf seinem Image und Niederlagen sind meist andere verantwortlich – im Fußball der Schiri, die unfaire Gangart des Gegners oder der Platz. Im Leben sind es widrige Umstände, böse Menschen wie falsche Freunde und Kollegen oder Missverständnisse. Der Hochmütige sammelt Jasager um sich und ist beratungsresistent. Es ist gut und ein erster Schritt aus der Krise, dass Jogi und seine Buben dieses Mal nicht hochmütige, sondern demütige Töne anstimmen.

Demut kommt vom althochdeutschen „dimuoti“ und bedeutet „dienen“ – wörtlich: Läufer sein für jemanden. Im Lateinischen heißt die Demut „humilitas“. Darin stecken die Worte Erdverbundenheit und Humor, abgeleitet von Humus. Der Demütige versteht sich als ein Teil eines größeren Ganzen. Das schützt vor Arroganz und Überheblichkeit. Er weiß, dass er wichtig ist, dass der Einzelne aber seine Fähigkeiten nur ausspielen kann, wenn er die anderen Teile des Ensembles achtet. Jeder Mensch ist wichtig. Der Demütige dient und ist bereit sich einzusetzen. Er ist nicht perfekt. Deshalb baut er kein Idealbild von sich auf, das er um jeden Preis verteidigen muss. Er kann auch den Humus, den Dreck seines Lebens anschauen. Der Demütige hat die Kraft, sich mit seinen dunklen Seiten und Niederlagen auseinander zu setzen. Ja, mehr als das: Er kann über seine eigenen Unzulänglichkeiten lachen. Das ist eine wahrlich große Gabe. Denn Menschen ohne Humor machen sich selbst und anderen das Leben schwer.

Zur Demut gehört Mut: Der Demütige macht sich nicht klein und verbiegt sich nicht. Im Gegenteil: Der Demütige hat ein gerades Kreuz und lässt sich nicht verbiegen. Er umgibt sich mit aufrechten Menschen und nimmt Kritik an. Nicht aus Selbstzweck, sondern um diese Welt lebenswerter machen. Voraussetzung ist, dass wir uns nicht für besser halten als den Rest der Welt. Das gilt für den Fußball genauso wie für unseren Alltag und in diesen Tagen besonders für die Politik.

Was bedeutet dies für die anstehenden Aufgaben von Jogis Buben? Wenn Jogi nicht einfach so weiter macht wie seit 2014, wenn die Buben ehrliche Fragen stellen und demütig Antworten auf dem Platz geben, wenn die Fans weniger pfeifen und mehr applaudieren, dann werden wir alle wieder lächeln und bald vor Freude lachen.







zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen