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Milchboykott : Dem Boykott zum Trotz: In Morsum fließt weiterhin Milch

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Aus Protest gegen die Milchpreise kippen derzeit überall in Deutschland Bauern literweise frisch gemolkene Milch auf ihre Äcker. Nicht so in Morsum. Da nimmt das hochwertvolle Gut der Kühe weiterhin seine gewohnten Wege zum Kunden. Ein Besuch bei Sylts einzigem Milchbauern Jens Nielsen.

shz.de von
erstellt am 05.Jun.2008 | 05:54 Uhr

Morsum | Nicht, dass ihn das alles nichts anginge, was dieser Tage auf deutschen Bauernhöfen geschehe. Aber wenn er sieht, wie die Bauern zwischen Flensburg und Konstanz scharenweise ihre Milch auf die Äcker kippen, dann verspüre er keine Emotionen, sagt Jens Nielsen, der einzig verbliebene Milchbauer der Insel. "Wie sollen sie sich denn auch anders wehren?", fragt seine Frau Sabine. Jeder müsse hier seinen eigenen Weg finden, sprudelt es fast zeitgleich aus beiden heraus.

So wie sie selbst im Jahr 2000. Da wurde in Tinnum die Meierei geschlossen und die Nielsens mussten fürchten, die Milch ihrer Kühe nicht mehr absetzen zu können. Wollten sie überleben, konnte es für sie nur heißen, die Produktion und Verteilung der Milch selbst in die Hand zu nehmen - auf ihrem Hof in Morsum.
Das Festland steht nicht auf der Route

Sieben Tage in der Woche, jeden Tag das gleiche Prozedere: Morgens um sechs Uhr werden die etwa 30 Kühe gemolken. "Anschließend kommt die Milch in den Pasteur, einen großen Bottich, in dem die Flüssigkeit auf exakt 62 Grad erhitzt wird", erklärt Jens Nielsen. Nach 32 Minuten bei dieser Temperatur kühlt der Bauer die Milch dann - je nach Menge (bei 300 Litern dauert das etwa 40 Minuten) - im Pasteur auf sechs Grad herunter. Nun ist es kurz vor Zehn, die Milch kann jetzt abgefüllt und dann verteilt werden. Eine Arbeit, die sich Nielsen mit seiner Frau teilt. Sabine Nielsen liefert die Ware im Kühlauto an die Lebensmittelhändler der Insel - das Festland steht nicht auf ihrer Route. "Aus gutem Grund", sagt Jens Nielsen. "Nur so können wir unseren Kunden garantieren, dass unsere Milch nie älter als 24 Stunden ist, wenn sie ins Regal einsortiert wird."

Während viele Menschen sich hierzulande über eine 40-Stunden-Woche beklagen, verbringt Bauer Nielsen allein mit der Milchverarbeitung etwa sieben, bis acht Stunden pro Tag. In dieser Zeit hat er für den normalen Hofbetrieb noch keinen Finger bewegt. "Das ist mein zweiter Job, der kommt nochmal oben drauf."

Mit 180 000 Litern Milch pro Jahr zählen die Nielsens zu den Kleinsterzeugern. Der Milchbauer aus Morsum erzielt einen Milchpreis von 30 Cent pro Liter – diesen hält er bereits seit 2000 konstant.In Konkurrenz zum Markt stehen sie eigentlich nur bei der Belieferung von Großküchen und Kinderheimen. "Die achten natürlich auf jeden Cent - um dort mitzumischen, müssen wir schon in etwa den Preis der großen Meiereien treffen", so Nielsen. Mit dem Absatz in Lebensmittelläden hätten sie aber keine Probleme "denn die Händler wissen, dass gerade die Urlaubsgäste verstärkt einheimische Produkte nachfragen". "Die Käufer unserer Milch sind in gewisser Weise auch Idealisten", erzählt der Bauer schmunzelnd.

Zu dieser Kategorie Mensch zählen Sabine und Jens Nielsen ebenso. Doch auch bei ihnen ist irgendwann Schluss mit Arbeit. Ganz nebenbei noch einen Hofladen zu führen, wie es sich einige ihrer Kunden wünschen, das sprenge eindeutig ihre Kapazitäten. Die Kühe wollen schließlich auch abends gemolken werden.

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