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Die Friesenkapelle in Wenningstedt : „Das Wohnzimmer Gottes“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In der Serie über die Geschichte und Architektur der Gotteshäuser der Insel geht es heute um die Friesenkapelle in Wenningstedt.

shz.de von
erstellt am 18.Dez.2013 | 06:00 Uhr

Idyllisch liegt die Friesenkapelle aus rotem Ziegelstein am Wenningstedter Dorfteich. Sie ist die Kirche der Norddörfer. Dieser Begriff stammt noch aus jener Zeit, als List dänisch war und Wenningstedt, Braderup und Kampen somit die nördlichsten Dörfer Deutschlands waren. Die Friesenkapelle gehört mit der St. Jürgen Kirche in List und der Thomas Kirche in Hörnum zu den jüngsten Kirchen der Insel, denn ihr Grundstein wurde erst 1914 gelegt. Trotzdem hat die kleine Kirche eine abwechslungsreiche Geschichte, die sich auch im Kirchenführer der Friesenkapelle nachlesen lässt.

Möglicherweise besaß bereits der ursprüngliche Ort „Winningstädt“, der den großen Sturmfluten des 14. Jahrhunderts zum Opfer fiel, eine Kirche. Denn alte Bischofslisten aus dem 13. Jahrhundert verzeichnen dort eine „capella“.

Sicher ist aber, dass eine solche Kapelle im 16. Jahrhundert nicht mehr existierte. Denn zu jener Zeit gehörte Wenningstedt zum Kirchspiel Eidum, dem heutigen Westerland. Als die Eidumer 1635 beschlossen, an der Ostgrenze des Ortes eine neue Kirche, die heutige alte Dorfkirche St. Niels, zu bauen, standen die Wenningstedter dem Projekt sehr kritisch gegenüber. Ein solcher Neubau hätte erhebliche Kosten nach sich gezogen. So schlossen sich die Wenningstedter dem Kirchspiel Keitum an.

Eine Wende im Inselleben vollzog sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auf Sylt kamen die ersten Sommergäste an. Viele von ihnen waren es gewohnt, sonntags den Gottesdienst in einer Kirche zu besuchen. Nach der unbequemen und beschwerlichen Anreise wollten die Wenningstedter Badegäste aber nicht auch noch den langen Weg zum Gottesdienst nach Keitum zu Fuß zurücklegen. Deshalb kam der Keitumer Pastor Riewert nach Wenningstedt und feierte die Gottesdienste zunächst in den Wohnzimmern einiger kirchlich gesinnter Einheimischer. Später, als die Gästezahl stieg, wurde ein größerer Raum benötigt.

Um die Jahrhundertwende traf man sich deshalb am Sonntagnachmittag im Saal des Friesenhofs. Der Besitzer, Wirt Sperle, beklagte sich nach einigen Jahren allerdings darüber, dass die Gottesdienstbesucher die konsumwilligen Gäste blockierten. So wurde der Ruf nach einem Gotteshaus in Wenningstedt laut und erreichte den Keitumer Kirchenvorstand.Als 1902 Teile der Wenningstedter Heide zur Bebauung freigegeben worden waren, hatte der Keitumer Kirchenvorstand vorausschauend Interesse angemeldet und schließlich eine Kaufoption auf die Parzelle 445 erhalten. Heute heißt dieses Grundstück nahe dem Hauptstrand „Kapellenplatz“.

Doch der Kirchenvorstand Keitum tat sich schwer, eine Kirche in Wenningstedt zu bauen. Erst als Wirt Sperle ankündigte, dass er seinen Saal nur noch ein Jahr für Gottesdienste zu Verfügung stellen werde, beschloss er den Bau einer Kapelle in Wenningstedt. Für die Finanzierung erhoffte man sich Zuschüsse aus Westerland. Die Hoffnungen erfüllten sich jedoch nicht. Dadurch ließ sich der Kauf des Kapellenplatzes nicht realisieren. Es fand sich aber ein Grundstück am Dorfteich, gestiftet von der dort ansässigen Familie Teunis.

In Keitum allerdings befürchtete man weiterhin Konkurrenz durch den neuen Kirchbau. Deshalb fasste der Kirchenvorstand den Beschluss, dass St. Severin weiterhin die Hauptkirche der Norddörfer bleiben sollte und in Wenningstedt nur eine Kapelle gebaut werden dürfe. Außerdem entschied der Kirchenvorstand, keinen Badpastor nach Wenningstedt zu entsenden. Vielmehr verpflichteten sich die beiden Keitumer Pastoren, die Saison-Gottesdienste zu übernehmen.

Für den Bau der neuen Kapelle wurden 12 500 Mark bewilligt. Mit Entwurf und Ausführung des Kapellenbaus wurde das Berliner „Architekturbüro Müller und Brodersen“ beauftragt. Im Dezember 1914 erfolgte die Grundsteinlegung durch Pastor Reinhardt. Trotz des Ersten Weltkriegs wurde zügig gebaut, so dass schon im Februar 1915, keine drei Monate nach der Grundsteinlegung, der Rohbau abgenommen wurde. Am 20. Juni fand die feierliche Einweihung der Norddörfer Kapelle statt.

Die neue Kirche wurde 30 Jahre lang fast ausschließlich zur Feier von Gottesdiensten in den Sommermonaten genutzt. Erst mit dem Flüchtlingsstrom nach dem Zweiten Weltkriegs wurde in der Friesenkapelle an jedem Sonntag Gottesdienst gefeiert. Seit 1948 haben die Norddörfer auch einen eigenen Pastor und seit 1991 ist die Kirchengemeinde Norddörfer selbstständig.

Das Kirchengebäude wurde mit ortsüblichen roten Nordstrander Handstrichziegeln gebaut, die Dächer sind mit holländischen Pfannen gedeckt. Im roten Backstein, in Reichweite des nach Osten blickenden Eingangs, sind viele Initialen als Kratzspur, auch Namen zu entdecken. Die ältesten dieser Signaturen sind über 60 Jahre alt und der ehemalige Küster Fritz Hermann, fast 50 Jahre „Hausherr“ der Norddörfer Kapelle, hat eine lapidare Erklärung, wie es dazu kommt, dass sich die Menschen im kirchlichen Gemäuer verewigen. „Wenn der Wind von West kommt,“ sagt er, „suchen die Leute bei Regen Schutz an der Ostseite der Kapelle. Und wenn’s länger regnet, kommen sie auf dumme Gedanken.“

Hermann muss nicht lange überlegen wenn es um die Besonderheiten der Friesenkapelle geht. „Das ist ganz klar die Halbtonnendecke.“ Das Gewölbe ist mit biblischen Bildern und Symbolen im Bauernmalerei-Stil bemalt. Die einzelnen Motive sollten insulares Lokalkolorit festhalten.So zeigt das erste Bild des Deckengewölbes Christus im Segelboot mit seinen Jüngern bei der Stillung des Sturmes. Ein Thema, dass sich für die Friesenkapelle aufdrängte.

Als weitere Besonderheit hebt Hermann die Delfter Kacheln hervor, die die Friesenkapelle in Anlehnung an traditionelle Sylter Friesenhäuser zu einem Ort des Wohlfühlens, dem Wohnzimmer Gottes, machen sollen. Damit besitzt die Kapelle ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Die Kacheln wurden nach alten Vorlagen in Delft handgefertigt. Im Kirchenführer heißt es: „Das ist also die Erklärung, warum die Friesenkapelle durchaus auch als Fliesenkapelle durchgeht, obwohl es sich natürlich in Wirklichkeit um Kacheln handelt, Fliesen gehören auf den Fußboden.“

 

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