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Sylter Rundschau

17. Dezember 2017 | 05:52 Uhr

Bezahlung : Das Trinkgeld-Dilemma

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Zwischen Almosen-Gebern, Trinkgeld- Verweigerern und Prozent-Rechnern: Eine Auseinandersetzung mit einem heiklen Thema.

von
erstellt am 17.Jan.2014 | 18:54 Uhr

Trinkgeld ist ein heikles Thema: Es ist Charakterprobe, Profilierungsmöglichkeit und Peinlichkeit in einem. Vor allem für denjenigen, der finanziell darauf angewiesen ist. Aber gelegentlich auch für den, er es gibt.

Der materielle Wert ist für den Gebenden dabei in der Regel verhältnismäßig gering – wer sich ein Essen für 30 Euro leisten kann, den machen drei Euro Trinkgeld auch nicht arm. Und hier fängt die Krux an: Sind drei Euro der richtige Betrag? Laut Knigge ist alles ganz einfach: Ja, zehn Prozent Trinkgeld sind die Norm, drei Euro sind demnach angemessen und richtig.

Dass sich die drei Euro, die der Bedienung oder der Taxifahrerin in die Hand gedrückt und dem Friseur ins Sparschwein gesteckt werden, manchmal ganz unangemessen falsch anfühlen können, könnte auch daran liegen, dass Trinkgeld-Geben nicht mehr zeitgemäß ist. In seiner „Kleinen Geschichte des Trinkgeldes“ beschreibt der Historiker Winfried Speitkamp, dass das Trinkgeldgeben der Statusabgrenzung zwischen Herr und Knecht dient. Während sich gesellschaftliche Grenzen tendenziell eher auflösen – der Gast zumindest in seiner Jugend auch gekellnert hat und die Taxifahrerin im Zweifelsfalle in ihrem Heimatland Universitätsprofessorin war – ist das Trinkgeld als gesellschaftlivorhanden. Und weil die meisten Menschen sich nicht wie Gutsherren benehmen wollen, aber auch nicht wie Geizkrägen, fühlt man sich beim Trinkgeldgeben schnell leicht unwohl. Deshalb ist das Internet voll von Seiten mit Tipps zur angemessenen Trinkgeld-Höhe. Die oft nichts bringen, weil das Trinkgeldgeben für beide Seiten ein emotionaler Vorgang ist: Je nach Gemütslage und Sympathie des Gegenübers hätte man dreißig Sekunden nach dem Bezahlen doch lieber ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger gegeben.

Auf Sylt allerdings scheint der Trend offenbar eher in eine ganz andere Richtung zu gehen: Am einfachsten kann man sich natürlich dem Trinkgeld-Dilemma entziehen, indem man einfach keins mehr zahlt. Die Zahl derer, heißt es aus Hotel- und Gastrokreisen, steigt an. Ob es an den steigenden Preisen auf der Insel liegt, wie Ralf Mahr von der Rezeption des Hotels Niedersachsen in Westerland vermutet, oder am schwächelnden deutschen Mittelstand, wie Stephan Beck, Vorsitzender der insularen Dehoga glaubt – früher scheint man auf der Insel beim Trinkgeld deutlich mehr Kasse gemacht zu haben.

Allerdings -– ganz gering klingen die Beträge dann doch nicht, die Sylter Kellnerinnen in den Sommermonaten nach Hause tragen: Wenn es gut läuft seien das locker 700 bis deutlich über 1 500 Euro im Monat heißt es aus Betrieben in Westerland. Immer noch überdurchschnittlich viel. Allerdings ist das Leben auf der Insel ja auch überdurchschnittlich teuer.

Wer zusätzlich zahlt, der will mit dem Trinkgeld als freiwillige Zugabe einer guten Leistung Anerkennung zollen – oder jemanden unterstützen, von dem man weiß, dass er wenig verdient, also auf Trinkgeldgeber angewiesen ist.

Zur letzteren Gruppe gehören vor allem diejenigen, die selbst wissen, wie wichtig das Zubrot für den Lebensunterhalt sein kann: „Auf Sylt geben die, die beispielsweise in der Gastronomie arbeiten, fast alle Trinkgeld – und zwar gutes“, erzählt eine 29-Jährige, die lange als Friseurin auf der Insel gearbeitet hat. Und wer es nicht tut, über den werde zwar nicht viel geredet – „aber es wird schon von allen registriert“. Ansonsten gebe es wenig Regeln, die man aufs Gebe-Verhalten anwenden könnte. Wie spendabel jemand sei, könnte man nicht an der Dicke des Geldbeutels fest machen.

Klar, findet die Friseurin, wenn ein Kunde nicht zufrieden sei, sollte er logischerweise auch nichts zusätzlich zahlen. „Ich sehe das nicht als selbstverständlich an. Aber ich habe mich gelegentlich schon dabei ertappt, dass ich mich geärgert habe, weil so ein reicher Fuzzi am Ende gar kein Trinkgeld gegeben hat.“ Noch unangenehmer sei es aber, wenn das Trinkgeld wie Almosen verteilt würde – „Da fühlt man sich richtig bescheuert. Einer hat mir mal 20 Cent in die Hand gedrückt und ganz herablassend gesagt, ich könne mir ja davon ein Eis kaufen. Dem hab’ ich das Geld zurück gegeben.“

Abgesehen vom Almosengeber und dem Typus des generellen Verweigerers können drei verschiedene Trinkgeld-Typen unterschieden werden: Der Aufrunder, der auch mal nur zehn Cent gibt, wenn die Taxifahrt 9,90 Euro gekostet hat, der Prozent-Rechner und der Individual-Zahler. Wenn bei Letzterem Bedienung und Essen muffig waren, gibt er nichts, ansonsten legt er nach Bauchgefühl drauf. Jeder, der sich klar einem dieser Typen zuordnen kann, hat noch relativ wenig Probleme in der Trinkgeld-Welt.

Wer aber schon einmal friedlich lächelnd ein paar Münzen in das Kästchen beim Friseur geworfen hat, auf dem die Vornamen der Angestellten stehen, um zwei Minuten später in der Fußgängerzone die krampfhaft unterdrückten Tränen rauszulassen,weil die neue Frisur so grausig aussieht, der weiß, dass es nicht immer so einfach ist. Genauso unangenehm ist die Erkenntnis beim Blick ins versteinerte Gesicht des Taxifahrers, dass die gefühlt angemessene Höhe zumindest vom Empfänger als zu niedrig angesehen wird. Da hilft es auch nichts, sich zu sagen, dass der Taxifahrer dreist sei – ein blödes Gefühl bleibt. Das kennen übrigens auch die, die selbst vom Trinkgeld leben – die von uns befragte Frisörin ist sich häufig auch nicht sicher, wie viel sie geben soll.

Werner Mannheims, seit fünf Jahren Leiter der Sylter Funktaxenzentrale, würde das blöde Gefühl dagegen wahrscheinlich unberechtigt finden. Seiner Erfahrung nach kann sich jeder Taxifahrer sein Trinkgeld verdienen – mit Hilfsbereitschaft und dem persönlichen Gespür, wie viel Small-Talk der Fahrgast wohl wünscht. Was Mannheim noch erzählt, lässt Sorgen über die angemessene Trinkgeldhöhe neurotisch-nichtig erscheinen. Denn egal wie nett ein Taxifahrer ist – höchstens die Hälfte der Fahrgäste auf Sylt geben ihm Trinkgeld, und wenn, dann „im Schnitt etwas weniger als einen Euro“. Einer der am schlechtesten verdienenden Branchen in Deutschland – auch auf der Insel der Reichen und Schönen verdient ein angestellter Taxifahrer im Schnitt lediglich fünf Euro brutto pro Stunde – wünscht man spendablere Kunden. Zumindest der Legende nach gibt es die auf der Insel auch, erzählt Mannheims und berichtet von Touren von einem Kampener Nobel-Nachtclub in den nächsten, für die es 100 Euro Trinkgeld gab. Doch ob solche Geschichten stimmen, da ist er sich nicht sicher: „Taxifahrer erzählen viel“.

Es zu zahlen ist also nicht mehr zeitgemäß, es zu lassen dagegen schlechter Stil:

Friederike Reußner

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