"Das Schreiben war ein Befreiungsschlag"

Beim Silvesterball 1968/69 in Westerland tanzte Carla Petersen mit dem späteren Bundeskanzler Willy Brandt.  Foto: Fotos: privat (2), Steinhardt
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Beim Silvesterball 1968/69 in Westerland tanzte Carla Petersen mit dem späteren Bundeskanzler Willy Brandt. Foto: Fotos: privat (2), Steinhardt

Carla Petersen, Grande Dame des Sylter Journalismus, wird morgen 90 Jahre alt / Ein Rückblick auf ihre 55-jährige Laufbahn als Lokaljournalistin

shz.de von
30. Juli 2013, 03:59 Uhr

Westerland | 1945 war eine Zeit, die nicht gerade den Nährboden für eine journalistische Karriere bot. Schon gar nicht für eine Frau. Und doch begann in diesem Jahr Carla Petersens Karriere als Lokaljournalistin. Das reizvolle an ihrer journalistischen Laufbahn, die über 55 Jahre umspannt, ist: Sie offenbart sich einem nicht durch ein paar Klicks bei Facebook oder Google, ihre Texte lassen sich nicht konsumieren wie Fastfood. Man muss schon eintauchen in ihre Welt, Archive durchforsten, mit Zeitzeugen sprechen - oder aber mit der Journalistin selbst. Anlässlich ihres 90. Geburtstags hat die Sylter Rundschau ihre ehemalige Mitarbeiterin besucht und ist mit ihr auf eine Zeitreise gegangen. Mit ihren 89 Lebensjahren versprüht die Inselfriesin ein Charisma, das sich manch jüngere Frau nur wünschen kann, fasziniert mit ihrer feingeistigen Art zu erzählen: über ihre Anfänge als Journalistin, ihre Begegnung mit Willy Brandt und darüber, was ihr der Journalismus bedeutet.

"Ich weiß noch, als ich über meine erste Sitzung in Keitum schrieb. Der Bürgermeister sagte danach zu mir: Carla, das hast du aber nicht richtig geschrieben, so ist das nicht gewesen! Damals wusste ich noch nicht, wie man einen Bericht aufbaut. Das musste ich erst lernen", erinnert sich Carla Petersen lächelnd. Es war das Jahr 1945, Carla war 22 Jahre jung und hatte gerade beim Flensburger Tageblatt angefangen. Dort nahm sie die Chefredakteurin Hilda des Arts, die erste weibliche Redakteurin des Nordens, unter ihre Fittiche. Sie ermutigte sie, ihren Weg im Journalismus zu finden. "Eine Frau als Vorgesetzte zu haben, war für mich ein großes Glück. Hilda des Arts hat mir mit liebevoller Aufmerksamkeit vermittelt, was ich über die Zeitungsproduktion wissen musste." So begann ihre journalistische Karriere. Vorgezeichnet war sie keineswegs.

Im Krieg absolvierte die Inselfriesin eine Lehre im Kolonialwarengeschäft ihres Vaters. Ihr Interesse lag jedoch auf ganz anderen Gebieten. Carla hatte ein Faible für die schönen Künste: Musik, Literatur. Gerne hätte sie das Abitur gemacht, aber "dazu hätte man nach Niebüll fahren müssen, für 56 Mark im Monat. Das konnte mein Vater nicht bezahlen. Außerdem war ich zum Arbeitsdienst gezwungen. Ein Jahr lang habe ich nur geschrubbt. Es war furchtbar." Der Tristesse und dem Grauen des Krieges entfloh sie durch Lesen. Sie verschlang meterweise Bücher: Shakespeares Dramen nahmen sie mit auf eine Reise in ihre eigene Fantasiewelt. Als der Krieg endete, waren Carlas erste zaghafte Schritte im Journalismus wie ein Befreiungsschlag. "Durch das Schreiben habe ich mir Luft verschafft. Nach all den Jahren des Zwangs war das eine großartige Erfahrung für mich."

Carla Petersen berichtete über alles, was ihr "vor die Füße kam": das Geschehen in den Vereinen, Gemeindevertretersitzungen, Kirchenkonzerte. Der journalistische Alltag war oft steinig. Vor allem ein männlicher Kollege machte ihr das Leben schwer. Eine Frau als Kollegin, das konnte er nicht akzeptieren. "Ich war wirklich froh über Hilda des Arts, die mir immer den Rücken gestärkt hat." Trotz aller Schwierigkeiten - in einer Zeit, in der die Sylter Bevölkerung völlig demoralisiert war, genoss Carla ihre nebenberufliche Tätigkeit als Symbol einer neu gewonnenen Freiheit. 1957 ging sie als freie Journalistin zur Sylter Rundschau, widmete sich vor allem dem Feuilleton. Der Spitzname "Carla Kultur" war geboren. Ihr Mann Hans Petersen "Hansi Pe" war zu dieser Zeit Kurdirektor in Westerland, wodurch sie zur First Lady avancierte. Carla Petersen war eine beeindruckende Erscheinung: schön, groß, das lange blonde Haar stets zu einem üppigen Knoten gebändigt, mit dunklen Augen und forschendem, neugierigem Blick. Carla und Hansi Pe - zu feierlichen Anlässen stets im obligatorischen weißen Smoking gekleidet - gaben ein glamouröses Paar auf dem gesellschaftlichen Parkett ab. "Ihre Schönheit und ihre Souveränität haben mich fasziniert. Sie war geistreich und gebildet, hatte eine hervorragende Schreibe. Eine wunderbare Repräsentantin unserer Insel", sagt Maike Ossenbrüggen, Vorsitzende der Sölring Foriining.

Carla Kultur genoss die 50er Jahre: endlich wieder schillernde Feste, endlich wieder kulturelle Ereignisse! Zwar konnten sie das Grauen des Krieges, quälenden Hunger und Geldsorgen nicht vergessen machen, aber sie entschädigten ein wenig und nährten den Intellekt der Journalistin. "Das waren wirklich glanzvolle Feste", schrieb sie 2003 im "Sylter Spiegel" über das erste internationale Tanzturnier 1955 in Westerland und dessen große Bedeutung für die Völkerverständigung nach dem Krieg. Konzerte, Theateraufführungen: Ihre einfühlsamen, mit großer Sachkenntnis geschriebenen Texte machten Carla Kultur zu einem Synonym für substanziellen Journalismus. Rezensionen komplexer Werke wie Bachs "Kunst der Fuge" oder Beethovens letzter drei großer Klaviersonaten schrieb sie mit so viel Hingabe und Feinsinnigkeit, dass sie dem Leser unweigerlich ein Gefühl vermittelten, selbst dabei gewesen zu sein. Dabei waren ihre Texte keineswegs belehrend. Peter Schnittgart, heute Bürgervorsteher der Gemeinde Sylt, schätzte das sehr. "Mit ihrer charmanten, eloquenten Art und ihrer Sachkenntnis hat sie uns Syltern auf eine motivierende Art ihre Begeisterung für Kultur vermittelt. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Den Ökelnamen Carla Kultur trägt sie völlig zu Recht."

Carla Petersen begegnete zahllosen Persönlichkeiten aus Politik, Medien, Wirtschaft und Showbusiness. "Ich traf Menschen, die ich normalerweise nie kennengelernt hätte." Sie hatte beste Kontakte. Etwa zu Karlchen Rosenzweig, dem legendären Barkeeper der Kampener Bars Trocadero und Bei Karlchen, der ihr oft Interviews vermittelte, oder zu Werner Höfer, Journalist und Fernsehmoderator. "Ich hatte einen reichen Fundus, aus dem ich schöpfen konnte." Helmut Schmidt und seine Loki, Gunter Sachs, Jens Feddersen, Axel Springer - Carla lernte sie alle kennen. Eine Anekdote blieb ihr besonders im Gedächtnis. Axel Springer rief einst ihren Mann an. "Hansi dachte, es sei unser Bürgermeister Springer und begrüßte ihn mit den Worten Na, du alte Schlaftüte! Wir haben so gelacht, als sich der Verleger zu erkennen gab." Manchmal wurde es auch abenteuerlich: als sie Wind davon bekam, wo die Publizistin und spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof ihren Urlaub auf Sylt verbrachte. Zusammen mit einem Kollegen legte sie sich hinter einem Wall auf die Lauer, in der Hoffnung, wenigstens einen Blick auf Meinhof und ihren Mann Klaus Rainer Röhl zu erhaschen - jedoch vergebens.

Von all ihren Begegnungen beeindruckte sie keine so sehr wie die mit Willy Brandt. Mit ihm schwebte Carla Kultur zum Jahreswechsel 1968/69 auf dem Silvesterball über das Tanzparkett. "Er war ein unglaublich interessanter Mann", schwärmt die damals 46-jährige. Die beiden unterhielten sich angeregt, auch darüber, was das neue Jahr ihnen bringen würde: Willy Brandt sollte es den Posten als Bundeskanzler einbringen, Carla Petersen eine feste Stelle als Redakteurin bei der Sylter Rundschau. Keine Selbstverständlichkeit in den 70er Jahren, als Ehefrau und Mutter zweier Kinder. "Den richtigen Einstieg ins Berufsleben hatte sich meine Mutter wirklich verdient. Sie war immer zielstrebig und mutig, niemals wehleidig. Sie ist eine bewundernswerte Frau", sagt ihr Sohn Jan. Trotz des Glamours in ihrem Beruf blieb Carla Petersen stets bodenständig auf ihrem geliebten Sölring Lön. Sie hing an ihrer Insel, setzte sich auf vielfältige Art für sie ein. Für ihr unermüdliches Wirken wurde sie 1996 schließlich mit dem C.-P.-Hansen-Preis für besondere Verdienste um die friesische Kultur, Sprache und Geschichte der Insel Sylt geehrt. "Darüber habe ich mich sehr gefreut", sagt sie bescheiden.

Mit 60 Jahren, in einem Alter, in dem sich andere schon längst den Ruhestand herbeisehnen, startete Carla Petersen noch einmal durch. 1983 wechselte sie als freie Mitarbeiterin zur gerade neu gegründeten Wochenzeitung "Sylter Spiegel". Längst eine journalistische Institution, gestaltete sie mit ihrer Erfahrung den Erfolg der Zeitung nachweislich mit. Zu ihrem 80. Geburtstag schrieb ihre inzwischen verstorbene Kollegin Barbara Kunze: (….) "Sie ist unsere Instanz für das alte Sylt, das langsam aber sicher Mensch für Mensch, Haus für Haus verschwindet und das sie in unzähligen Geschichten verewigt und durch ihre Erinnerungen lebendig gehalten hat." Hätte nicht ein Schlaganfall die Bewegungsfähigkeit ihres rechten Arms stark eingeschränkt und ihr Computer zeitgleich nach 28 langen Jahren seinen Dienst verweigert, Carla würde noch heute schreiben. "Das war ein Schicksalsschlag in zweifacher Hinsicht, ein Wink Gottes. Er wollte, dass ich aufhöre", beendet die engagierte Christin ihre Erzählung.

Die Begegnung mit der Grande Dame des Sylter Journalismus habe ich als große Bereicherung empfunden. Sie hätte allen Grund, ein wenig divenhaft, ein bisschen schwierig zu sein - doch ihre Bescheidenheit, ihre Höflichkeit, ihre Klugheit und ihre Grandezza beeindruckten mich zutiefst. Carla Petersen ist ein Mensch, den ich gerne als Kollegin gehabt hätte. Auf die abschließende Frage, welchen Wunsch sie zum Geburtstag habe, sagte sie: "Dass alles bei guter Gesundheit noch ein bisschen weitergeht." Dass es noch möglichst lange weitergeht und sie noch viele Geschichten erzählen kann, das wünscht die Sylter Rundschau ihrer ehemaligen Mitarbeiterin von Herzen.

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