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Sylter Rundschau

19. August 2017 | 19:29 Uhr

Das Reetdach

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Reet, Reet, nichts als Reet. Ich sehe nur Reet. Riesige Reetrollen. Tonnen an Reet. Und das schon seit Wochen. Immer, wenn ich am Fenster sitze, sehe ich es. Darüber freue ich mich. Und bin aufgeregt, wie’s wohl weiter geht. Aber fangen wir von vorne an.

Jeden Morgen, wenn ich auf Sylt beim Frühstück sitze, schaue ich auf wunderschöne Reetdachkaten. Sie glauben nicht, wie häufig ich Carsten mit Nutella-Toast in der einen und Kaffee-Tasse in der anderen Hand schon seufzend gesagt habe: „Ich würde so gerne mal sehen, wie ein Reetdach neu eingedeckt wird.“ Das hat nicht nur Carsten gehört und irgendwann die Augen verdreht, sondern offenkundig auch der Reetdach-Gott, denn ich bin nun seit Wochen tagtäglich morgens live und in Farbe dabei, egal ob’s stürmt oder regnet. Ich sitze allmorgendlich bei mir im Trockenen und bekomme tatsächlich nach und nach alle Fragen beantwortet, die ich bis dato hatte, denn das Haus unserer Nachbarn direkt gegenüber wird neu eingedeckt. Spannend, wie ein Krimi. Haben Sie sich nicht auch schon immer gefragt, wie das so geht mit dem Reet? Bei so vielen wunderhübschen Reetdachhäuser muss man sich das doch irgendwann mal fragen, oder?!

„Senior, Geselle 1 und Geselle 2“, so nenne ich die Arbeiter, die ich tagtäglich beobachte. Mittlerweile sind mir deren Arbeitszeiten in Fleisch und Blut übergegangen. Von früh morgens bis 8.30 Uhr wird gerackert, dann ist erstmal Ruhe angesagt: Frühstückspause (mit Stulle und Thermoskanne in ihrem Arbeitsfahrzeugen) und danach Toilettengang (Dixie-Klo auf der Auffahrt).

Hinterher geht’s weiter. Der Senior der Truppe ist quasi das „Bodenpersonal“, die beiden Gesellen hingegen sind die „Dachturner“. Ungesichert! Meine größte Sorge seit Beginn der Arbeiten ist, dass einer der beiden „den Adler macht“. Aber auch darauf bin ich vorbereitet: mein Handy (zum Rufen des Notarztwagens) liegt direkt auf der Fensterbank.

„Guck mal, Carsten, einer wirft ein Bündel meterweit zum anderen hoch...und der fängt es sogar mit einer Hand. Wahnsinn.“ „Aha.“ „Diese Massen an Reet...das muss doch irre teuer sein, oder?“ „Keine Ahnung“ „Guck mal, die nehmen das alte Reet ab – und kaum ein Halm wirbelt über die Strasse - trotz des Windes“ „Aha“. Carsten guckt nicht so oft aus dem Fenster. Er hat seine Nase mal wieder ganz tief in die Tageszeitung gesteckt.

Was ich bis jetzt beim Zuschauen gelernt habe? 1. Ein Reetdach einzudecken dauert irre lange. Bei meinen Nachbarn sind sie mindestens schon seit vier Wochen dabei und es sind erst zwei Seiten neu eingedeckt. Und die Männer arbeiten wirklich zügig. Ich dachte vorher, dass das schneller geht. Übrigens müssen die fleißigen Herren auch bei Sturm und Regen raus.
2. Auch das alte Reet, das entfernt wurde, hatte eine helle Farbe. Es wirkte so, als hätte sich nur die obere Schicht, die an der Luft liegt, verfärbt. Das Reet darunter sah irgendwie aus wie neu.
3. Wenn ich das richtig gesehen habe, dann hält das Reet auf dem Dach, weil es mit dünnen Drähten an Dachlatten gebunden wird.
4. Auf ein Dach passt so viel Reet, dass es vorab nicht komplett auf dem Grundstück gelagert werden kann. Ein monströs großer Laster mit riesiger Greifkralle (wie die Dinger auf dem Jahrmarkt, mit denen man sich „I love you“-Teddys aus einem Haufen anderer hässlicher Stofftiere greifen kann, nur eben in groß) bringt Nachschub. Er versperrt (zum Ärger diverser Nachbarn) für den Abladevorgang (der dem ungeduldigen Syltern natürlich nicht schnell genug geht) die komplette Straße.
5. Die Reetdachdecker sind bereits Anfang Mai so gebräunt im Gesicht, wie ich am Ende der kompletten Sommersaison.

Carsten findet, dass ich wegen meines täglichen Beobachtungsrituals ein Stalker bin. Ich finde, dass er wegen seines täglichen Leserituals ein Zeitungsjunkie ist. Dass, was ich über Reetdächer gelernt habe, findet man für gewöhnlich nicht in Tageszeitungen. Außer heute und hier in dieser Ausgabe der Sylter Rundschau. Winke, winke vom gegenüberliegenden Platz unseres Frühstückstisches, lieber Carsten. Und übrigens: Guten Morgen.


Jeden Sonnabend beschreibt Miriam Köthe exklusiv für die Sylter Rundschau, was ihr auf Sylt so auffällt und gefällt. Die Kieler Journalistin besucht mit ihrem Mann, dem R.SH-Morningman Carsten Köthe, in jeder freien Minute die Insel.

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von
erstellt am 15.Mai.2014 | 16:59 Uhr

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