Casino Westerland : Das Monte-Carlo des Nordens

Spielbank-Werbung aus den 70er Jahren.
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Spielbank-Werbung aus den 70er Jahren.

Seit seiner Gründung im Jahr 1949 hat das Casino in Westerland eine wechselhafte Geschichte durchlaufen. Im Jahr 2014 wird es 65 Jahre alt.

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23. November 2013, 06:00 Uhr

Noch bevor sich das Roulette in der Spielbank Sylt das erste Mal drehte und Politiker, Industriebosse, Frauen und Glücksritter im alten Kursaal ihre Jetons auf die roten und schwarzen Zahlen setzen konnten, regte sich auf der Insel noch moralischer Widerstand gegen die Casino-Gründung: „Gegen die Eröffnung einer Spielbank in Westerland auf Sylt wenden sich die Inselpastoren der Inselgemeinden, da ’der zersetzende Einfluss’ einer Spielbank die sozialen Spannungen ins Untragbare steigern würde“, meldete das Hamburger Abendblatt am 4. April 1949. Als die Sylter Spielbank dann – fast genau zwei Monate später – am 3. Juni 1949 im denkmalgeschützten Rathaus ihre Tore öffnete, drängten sich Reporter an den Spieltischen Schulter an Schulter: Rundfunk und Fernsehen übertrugen das Eröffnungsspiel an Tisch zwei. Die erste geworfene Zahl war die schwarze vier.

Obwohl die Inselgeistlichen ihre Fäuste in den Hosentaschen geballt haben müssen, verwandelte sich das Casino nicht in das vermeintliche Sündenpfuhl, sondern zu einer Attraktion, die bald weit über die Inselgrenzen hinweg ausstrahlen sollte.

Als erster geschäftsführender Direktor des Casinos verwaltete Dr. Karl Wegler den Sylter Glücksspieltempel. Die schwerste Prüfung seiner Dienstzeit ließ nicht lange auf sich warten und ereilte Dr. Wegler in der Nacht zum 29. Dezember 1950: Der Himmel über Westerland war hell erleuchtet – das Dach des Rathauses stand in Flammen und der Brand fraß sich auch durch die Räume der Spielbank. Es folgte längere Umbauarbeiten. Aber bereits im folgenden Jahr, rechtzeitig zum Beginn der Saison im Juni, drehten sich die Rouletteräder wieder. In diesen Anfangsjahren erwartete die Besucher ein großen Roulette-Saal mit vier Tischen. Daneben konnten sich die Spieler noch in einen kleineren Roulette-Saal zurückziehen. Zusätzlich gab es eine „mit allen Vorzügen ausgestattete Bar und ein kleiner Empfangssaal“, wie das Flensburger Tageblatt am Tag vor der Eröffnung offenbar nach eingehenden Recherchen mitteilte.

Ab diesem Zeitpunkt übergab Karl Wegler die Leitung des Casinos an Ernst Lojewski, der das Haus bis in die späten 70er-Jahre führen sollte. Unter Lojewskis Ägide erlebte die Spielbank ihre vorläufige Blütezeit: Der umtriebige Direktor dekorierte die Säle mit zeitgenössischer Kunst und verlieh dem Ort des kurzweiligen Spiels einen kultivierten Charakter. „Damals waren Vergleiche mit Monte Carlo nicht ungewöhnlich“, erinnert sich Carla Petersen. An der Seite ihres Mannes, der über viele Jahre als Kurdirektor in Westerland wirkte, war sie Gast zahlloser Inselgesellschaften und eleganter Abende in der Sylter Spielbank. „Man zog sich immer schick an – es war sehr exklusiv.“ Denkt die heute 90-Jährige zurück, so verbindet sie mit dem Sylter Casino noch immer viele besondere Erlebnisse. „Einmal habe ich sogar 500 Mark am Roulettetisch gewonnen. Das war mein persönlicher Rekord.“

Während die Croupiers in den Sälen der Spielbank mit zugenähten Taschen an den Spieltischen standen – jede Versuchung, die wertvollen Jetons verschwinden zu lassen, sollte von Beginn an klein gehalten werden – gaben sich die Gäste, besonders während den Jahren des Wirtschaftswunders, spendierfreudig: „Es herrschte ein großzügiges Flair“, weiß Carla Petersen zu berichten. In den Anfangsjahren wurde nur an 100 Tagen im Jahr, zwischen Juli und September, gespielt. Ab Mitte der 60er-Jahre waren die Spieltische dann ganzjährig geöffnet.

Seit ihrer Gründung im Jahre 1949, wurde die Westerländer Spielbank mehrfach umgebaut und modernisiert. Ende der 80er Jahre verkleinerte sich das Casino, das zusätzlich in „Spielbank Sylt“ umbenannt wurde, um die Fläche der heutigen Hof-Galerie. Anfang der 90er Jahre endeten dann auch die Croupier-Kurse, für die sich die Spielbank auch überregional einen Ruf erworben hatte: Seit der Eröffnung wurden in Westerland rund 500 Croupiers ausgebildet.

Seit September 1997 wird die das Sylter Casino unter der Regie der Spielbank SH GmbH geführt. Zu dem Unternehmen gehören auch die Spielbanken in Lübeck, Schenefeld, Kiel und Flensburg. Mit der Übernahme warf die Spielbank Sylt erneut ihren Namen ab und heißt seither „Casino Westerland“. Im letzten Jahr zog es 20 000 Besucher die Spielsäle im Rathaus und die Kugel rollt weiter...


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