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Sylter Archiv : Das lückenhafte Gedächtnis der Insel

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Weil wertvolle Sylter Nachlässe nur zum Teil ins Archiv gelangen, kann die Geschichte der Insel nur stückweise aufbewahrt und dokumentiert werden.

„Den Leuten muss klar sein, wie wichtig das Archiv ist“, sagt Andrea Jahn. Seit 2011 leitet sie die Dokumentensammlung in Westerland. Keine leichte Aufgabe, auch wenn die Archivarin bereits einige Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt hat: Viele Jahre war die Berlinerin zuvor verantwortlich für den Bestand im Stadtmuseum in Berlin-Mitte.

Auf Sylt stellt sie sich nun anderen Herausforderungen. Ein entscheidender Faktor erschwert ihr die Arbeit: Um das „Gedächtnis der Insel“, zu pflegen, brauche es Unterlagen – aber die fehlen, sagt Jahn, Archivarin mit Leib und Seele. Dadurch könne die Sylter Geschichte nicht richtig dokumentiert werden. Die Sylter würden Dokumente und Nachlässe zurückhalten oder diese falsch lagern, sodass die Dinge irgendwann schimmeln und dann unbrauchbar sind, sagt Jahn. Das geschehe keinesfalls mit Absicht, sondern nur aus Unwissenheit, erklärt die Archivarin. „Das Archiv kann aber allein nicht leben – wir sind angewiesen auf die Bürger, und die Bürger auf uns“, weiß die Expertin.


Zahlreiche Dokumente lagern im Obergeschoss des Archivs


Das Sylter Archiv ist zuständig für die Überlieferungen der einzelnen Inselgemeinden sowie des Amtes Landschaft Sylt. Im Obergeschoss der Alten Post, gegenüber vom Rathaus, liegen wertvolle amtliche Unterlagen wie die alten Landvogteiakten aus Tinnum oder Protokolle der Gemeinden. Aber auch nichtamtliches Archivgut wird hier gesammelt: Darunter Papiere von Vereinen, Verbänden, Naturschutzvereinen, der Freiwilligen Feuerwehren oder Sportclubs. Zudem lagern im Sylter Archiv Nachlässe bekannter Persönlichkeiten und es werden Zeitungen sowie Foto, Bild- und Tonaufnahmen gesammelt.

Im Archiv geht es nicht um Quantität, sondern um Qualität: „Das Hauptproblem ist, dass sich die Leute von ihren Akten nicht trennen können“, sagt die Archivleiterin. „Andere schmeißen das Zeug auch einfach weg, wenn Angehörige sterben, weil sie sich dessen Wert oft nicht bewusst sind.“ Auch aus diesem Grund entstünden große Lücken im Archiv. Ihr sei es wichtig, dass die Menschen sich vor Augen führten, dass das Archiv das Gedächtnis ihrer Region ist und Informationen für spätere Generationen aufbewahre, so Jahn. „Wenn das Archiv nicht richtig gefüllt wird, lässt sich in 50 Jahren nur schwer belegen, welche Geschäfte und Häuser heute zum Beispiel in der Friedrichstraße stehen“, sagt die Expertin. Doch wenn Nachlässe einfach verschwinden oder im Container landen, dann kann die Vergangenheit später von Historikern nur bruchstückhaft rekonstruiert werden. Jahn bittet die Menschen auf der Insel daher, Papiere oder Nachlässe, die wichtig sein könnten, rechtzeitig an das Archiv zu geben.

Einfach so ins Regal legen kann Jahn die Unterlagen dann aber nicht: Ob Foto, Metall oder Papier, alle Materialien haben verschiedene Ansprüche. Säurefreies Papier und Pappboxen sowie eine kühle Raumtemperatur schützen die gesammelten Teile zumindest in den nächsten 50 Jahren vor dem Verfall. „Der Archivleiter ist der Hüter der Schätze“, so sieht es Jahn. In ihrer Verantwortung liegt, dass die Stücke gut erhalten bleiben. Teil ihrer Aufgabe ist es aber auch, diese gut verwahrten Dinge der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Neben dem Sichern und Aufarbeiten der Bestände sorgen die Mitarbeiter des Archivs dafür, dass die Dokumente systematisch geordnet einzusehen sind. Rund 400 Besucher haben das Archiv in diesem Jahr besucht. Nach vorheriger Anfrage können Interessierte die entsprechenden Zeitzeugnisse ansehen. In der Freihandbibliothek und zum Teil an Katalogen am PC kann auch selbstständig recherchiert werden.


Viele Menschen schmeißen Nachlässe weg


Gerade arbeiten Jahn und ihr kleines Team daran, eine neue Datenbank mit Informationen zu füttern, damit Archivgäste leichter nach den gewünschten Informationen suchen können. Bauakten, Fotos oder eine Kunstsammlung sollen hier demnächst erfasst werden. Aber auch die Sylter Tagespresse und Wochenzeitungen werden täglich ausgewertet und sollen zukünftig unter entsprechenden thematischen Stichworten in die Datenbank eingepflegt werden. „Es ist wirklich sehr wichtig, dass die Sachen öffentlich zugänglich verschlagwortet werden“, sagt sie. Eine Suche nach speziellen Informationen sei ohne dieses einheitliche System sehr schwierig und extrem zeitaufwändig – selbst für Experten.

Außerdem wird gerade das Personenregister mit Unterlagen zu den verstorbenen Syltern rückwirkend digitalisiert. Eine langwierige und mühsame Arbeit, einiges ist bereits geschafft, aber wirklich zufrieden ist Jahn noch nicht: „Das ist eine sehr gute Entwicklung bisher, aber es muss noch mehr passieren“, sagt sie.

Interesse am Archiv besteht: Regelmäßig kommen Anfragen von angehenden Archivaren oder Studenten, die für eine begrenzte Zeit im alten Klinkerbau forschen wollen. „Hier auf Sylt haben sie große Chancen, wirkliche Schätze zu finden, da Teile des Archivs noch nicht aufgearbeitet sind“, sagt Jahn mit leuchtenden Augen. Die jungen Leute seien herzlich willkommen, so Jahn, problematisch sei jedoch die Unterbringung der Studenten. Sie sucht daher Menschen, die den angehenden Wissenschaftlern für wenige Monate ein Zimmer zur Verfügung stellen. Mit Unterstützung dieser jungen Leute könnte einiges geschafft werden. „Mein größter Traum ist es, dass die Menschen hierher kommen, um zu rekonstruieren, wie Westerland früher und heute war - und dazu die richtigen Mittel am richtigen Ort finden“, sagt Jahn und lächelt.   

Sylter Archiv, Stephanstraße 6a, Westerland. Di., Mi., Do.: 10-13 Uhr. Mi. zusätzlich: 16-18 Uhr. Telefon: 851260, Email: sylter-archiv@gemeinde-sylt.de.

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erstellt am 23.Nov.2015 | 05:27 Uhr

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