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Silke von Bremen

Wiebke Stitz

Nachruf auf eine Italienerin mit Sylter Wurzeln : „Das Leben ist eine Zumutung“

Silke von Bremen erinnnert sich an Claretta Cerio, die am 26. August verstorben ist, und an ihr Buch „Mit Bedenken versetzt“.


von
29. August 2019, 17:32 Uhr

Sylt | Dieser Satz fiel in einem unserer letzten Telefonate und tatsächlich hat das Leben Claretta Cerio, geborene Wiedermann, deren Großmutter eine geborene Wünschmann aus Westerland war, viel zugemutet.

Meine Begegnung mit dieser besonderen Autorin liegt viele Jahre zurück. Damals war mir in kürzester Zeit klar, dass ich mit dem Griff in das verstaubte Bücherregal meiner Schwiegermutter Giesela Jessel einen kleinen Schatz entdeckt hatte. Obwohl Titel „Mit Bedenken versetzt“ und Coverfoto scheinbar Tarnmanöver waren, denn sie verrieten nichts von dem Inhalt, der sich in dem wunderbaren Buch von 1981 verbarg.

Claretta Cerio, die 1927 das Licht der Welt erblickte, hat ihre Biografie aus der Perspektive eines heranwachsenden Kindes geschrieben, das in eine Welt hineingeboren wurde, in der Faschismus und Krieg ungezählte Hoffnungen und Träume vernichtete und Europa komplett umkrempelte.

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Der Vater, der 1934 in Westerland verstarb, war zuvor führendes Mitglied der Sylter SA, bis seine Mitstreiter ihm erklärten, dass ein Vierteljude nicht für diesen Posten geeignet sei, und ihn damit mit einem Familiengeheimnis konfrontierten, von dem er selbst nichts wusste. Als ich vor ein paar Jahren begann, zu der Geschichte des Dritten Reiches auf Sylt zu recherchieren, erinnerte ich mich an die Cerio-Biografie, und schrieb die in der Toscana lebende Autorin an. So durfte ich eine blitzgescheite und mit einem köstlichen Humor gesegnete Person kennen lernen, deren frische Mails niemals verrieten, dass sie aus der Zeit meiner Großmütter stammte.
Bald kam mir der Gedanke, dieses wunderbare Buch, das nur noch antiquarisch erhältlich war, müsse neu aufgelegt werden. Claretta Cerio schrieb 2018 in einem Begrüßungstext für die Lesung im Sylter Heimatmuseum: „Ich wünschte Silke von Bremen Erfolg zu ihrem Vorhaben, ohne selbst daran zu glauben. Sie blieb, ungeachtet der Absagen, beharrlich, und ich bedauerte, dass sie Zeit und Einsatz aussichtslos verschwendete. Aber dann behielt sie doch Recht. Für mich ist die zweite Edition nach 37 Jahren von „Mit Bedenken versetzt“, als sei dieses Buch erst heute und völlig neu erschienen. Dass das auf ziemlich wundersame Weise und ohne mein Zutun gerade auf Sylt geschehen ist, hat mir meine frühen Kindheitsjahre wieder ganz nah gebracht. Damals ging mir die Welt auf und damit die Entdeckung, dass sie voll Bücher ist. In dem kleinen Westerland jener Jahre gab es zwei gut versehene und immer auf den letzten Stand gebrachte Buchhandlungen und ich hatte, zu meinem Glück, Opa. Unentwegt bearbeitete ich unseren grenzenlos gutmütigen Großvater, und er ließ sich überreden, mich abwechselnd zu den Buchhändlerinnen Frau Pflüger und Frau Wendnagel zu begleiten, wo ich mir das möglichst dickste Buch aussuchte – das banausische Kriterium für meine Lektüre in dem Alter.

Damit sich ein Lebensplan vollendet, muss man vielleicht zum Anfang zurückkehren. Für mich ist jedenfalls die unerwartete Neugeburt meines alten Buches auf Sylt, wo mir ein geistiges Bewusstsein vorzuschweben begann, ein Zeichen, ein Symbol: Ein Kreis, der sich schließt.“

In der Nacht auf den 26. August 2019 hat sich Claretta Cerios Lebenskreis im Alter von 92 Jahren endgültig geschlossen. Was bleibt, sind ihre zahlreichen Bücher und für uns Sylter die Neuauflage „Von Bedenken versetzt“. Ein Buch, das in Anbetracht der politischen Eskalationen in Europa erstaunlich aktuell ist und ein Stück Zeitgeschichte der Insel glaubhaft und zugleich unterhaltsam vermittelt.

Silke von Bremen

Wiebke Stitz

Nachruf auf eine Italienerin mit Sylter Wurzeln : „Das Leben ist eine Zumutung“

von 29. August 2019, 17:32 Uhr

Silke von Bremen erinnnert sich an Claretta Cerio, die am 26. August verstorben ist, und an ihr Buch „Mit Bedenken versetzt“.


Sylt | Dieser Satz fiel in einem unserer letzten Telefonate und tatsächlich hat das Leben Claretta Cerio, geborene Wiedermann, deren Großmutter eine geborene Wünschmann aus Westerland war, viel zugemutet. Meine Begegnung mit dieser besonderen Autorin liegt viele Jahre zurück. Damals war mir in kürzester Zeit klar, dass ich mit dem Griff in das verstaubte Büch...

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