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Sylter Vergangenheit : Das Hoffen auf Versöhnung

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In Westerland erinnert eine Mahntafel an den SS-General und späteren Westerländer Bürgermeister Heinz Reinefarth.

Mit einer würdevollen und bewegenden Feierstunde wurde am Donnerstagnachmittag die Tafel zum Gedenken an die Opfer des Warschauer Aufstandes eingeweiht, die mit mahnenden Worten in deutscher und polnischer Sprache neben dem Eingang des Rathauses hängt (wir berichteten). „Nach außen wird mit dieser Mahntafel ein dauerhaftes Zeichen gesetzt, dass die deutsche Gesellschaft ihre fortwährende Erinnerungsverantwortung nicht in spezialisierte Institutionen auslagert, sondern sich dieser Verantwortung vor Ort auch dann stellt, wenn dadurch sorgsam gehegte Erinnerungen an weithin geschätze Persönlichkeiten der Nachkriegsjahrzehnte schmerzhaft gebrochen werden“, sagte Prof. Dr. Michael Ruck, einer der Festredner der Veranstaltung. Damit sprach der Politikwissenschaftler der Europa-Universität Flensburg den zentralen Aspekt an, der im Vorfeld hinsichtlich der Formulierung des Mahntafeltextes für kontroverse Diskussionen in der Öffentlichkeit und im Arbeitskreis „Warschauer Aufstand“ der Gemeinde Sylt gesorgt hatte.

Denn die Mahntafel dokumentiere die „bedrückende Einsicht, dass einer der deutschen Haupttäter von Warschau, SS-General Heinz Reinefarth, nur wenige Jahre nach dieser Mord- und Zerstörungsaktion ausgerechnet hier auf der Insel Sylt (...) als Bürgermeister von Westerland und später als Landtagsabgeordneter (...) über mehr als anderthalb Jahrzehnte hinweg an herausgehobener Stelle den administrativen und politischen Wiederaufbau im Norden der jungen Bundesrepublik aktiv mitgestalten durfte“, so Michael Ruck.

Die damals Verantwortlichen seien, wie wohl die ganze Gesellschaft, nicht in der Lage oder Willens gewesen, die Täter beim Namen zu nennen, beklagte Festrednerin Anja Lochner. „Zu groß war die Schuld, zu viele beteiligt, selbst schuldig geworden. Zu schnell sollte alles wieder beim Alten, wieder in Ordnung sein“, so die Westerländer Pastorin. Die Nähe zum Täter Reinefarth habe den Blick verstellt, und es brauchte die sehr lange Zeit von 70 Jahren, um den Blick endlich dorthin zu richten, wo er sein sollte – bei den Opfern, die in Warschau ermordet wurden. „Gebe Gott, dass unsere späte Entschuldigung gehört wird“, so Pastorin Lochner.

Nach der musikalischen Eröffnung der Veranstaltung durch die Bläsergruppe der evangelischen Kirchengemeinde unter Leitung von Martin Stephan hatte Bürgervorsteher Peter Schnittgard eingeräumt, dass es zwar spät, aber nicht zu spät sei, den historischen Teil der nicht aufgearbeiteten Zeit des Westerländer Bürgermeister Reinefarth ins mahnende Rampenlicht zu stellen. „Weg also mit den jahrzehntelangen Schweigethemen“, sagte Schnittgard und richtete den Blick auch nach vorne: „Es darf nicht sein, dass mit unseren Kindern und Enkelkindern eine fast ahnungslose Generation heranwachsen kann.“ Nur mit aktiver Diskussion kämen Lösungen zustande, deshalb sei die Mahntafel, seien auch die Entscheidungen der Gemeinde zur Versöhnung, zur Vergebung von ganzem Herzen gewollt und ausdrücklich erbeten.

Von großer Symbolik war daher auch die Auswahl derjenigen, die feierlich die Mahntafel enthüllten: neben Bürgermeisterin Petra Reiber und Bürgervorsteher Schnittgard öffneten der 88-jährige Zeitzeuge Ernst-Wilhelm Stojan sowie der mit 19 Jahren jüngste Bürgervertreter Richard Jones aus Archsum das schwarze Band. „Mehr als 150 000 Menschen werden ermordet, unzählige (...) geschändet und verletzt. Heinz Reinefarth war (...) mitverantwortlich für dieses Verbrechen“, so der Text. „Beschämt verneigen wir uns vor den Opfern und hoffen auf Versöhnung“.

Am kommenden Montag reist eine Delegation von Inselrepräsentanten aus Politk, Verwaltung und Kirche nach Warschau, um der Opfer zu gedenken und sich mit Überlebenden des Massakers zu treffen. Reiber, Lochner und Schnittgard werden auch zugegen sein, wenn dort die Ausstellung „Reinefarth in Warschau – Beweise des Verbrechens“ eröffnet wird.

 

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erstellt am 02.Aug.2014 | 06:00 Uhr

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