zur Navigation springen

Neues Fahrradkonzept : Das große Dilemma der kleinen Sylter Radwege

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Ein Fahrradkonzept soll das Radeln in der Gemeinde Sylt attraktiver machen. Bei der Ideenfindung offenbarten sich jedoch gravierende Probleme an den Radwegen.

„Da haben wir ein neues Pferd im Stall, das scharrt schon ordentlich mit den Hufen“, kommentierte der Vorsitzende Peter Erichsen (SSW) in der jüngsten Sitzung des Verkehrsausschusses die vorangegangene Diskussion über „Ideen zum Radverkehr in der Gemeinde Sylt“, wie es auf der Tagesordnung hieß. Das Thema sorgte an dem runden Tisch im Sitzungssaal des Rathauses für Einvernehmen – auch wenn dabei Probleme ans Tageslicht gebracht wurden, die im Publikum Kopfschütteln verursachten.

Aber der Reihe nach: An einem Fahrradkonzept arbeitet die Verwaltung schon lange. Es sei ein wichtiger Bestandteil des Verkehrskonzeptes der Gemeinde Sylt, den Radverkehr verbessern zu wollen, betonte Nikolas Häckel. Ein ausgearbeites Konzept könne er allerdings noch nicht vorstellen, erklärte der Bürgermeister, „da sich die Verwaltung noch mitten in der Ideenfindung befindet“. Und genau hier hätten sich einige gravierende Probleme gezeigt.

In der Lorens-de-Hahn-Straße ist der Radweg nur einen Meter breit anstatt den im Regelwerk gewünschten zwei Metern.
In der Lorens-de-Hahn-Straße ist der Radweg nur einen Meter breit anstatt den im Regelwerk gewünschten zwei Metern. Foto: Boom

Standardwerk und maßgebliches technisches Regelwerk für die Planung, den Entwurf, den Bau und den Betrieb von Radwegen in Deutschland sind die Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA) der Forschungsgesellschaft für das Straßen- und Verkehrswesen. In diesem Regelwerk sind auch die Breiten für Radwege genau bestimmt: Ein normaler Einrichtungsradweg muss demnach mindestens zwei Meter breit sein, ein Zweirichtungsradweg mindestens drei Meter und ein gemeinsamer Geh- und Radweg mindestens zweieinhalb Meter.

„Hier haben wir die erste große Problematik“, erläuterte der Bürgermeister dem Ausschuss. „Die meisten unserer beschilderten und auch benutzungspflichtigen Radwege erfüllen nicht die Mindestbreiten“. Daraus ergebe sich eine klare Rechtsfolge: „Wenn die Radwegbreite nicht den Mindestvorgaben entspricht, entfällt automatisch – auch entgegen aller Beschilderungen – die von uns angeordnete Radwege-Benutzungspflicht.“ Das heißt: Auch ein blaues Schild mit einem weißen Fahrrad bringt nichts , wenn der Radweg zu schmal ist. Der Radfahrer darf dennoch auf der Straße fahren.

Mitarbeiter der Verwaltung, darunter der Tiefbauabteilung, der Stabsstelle und des Ordnungsamtes, hätten „eigentlich alle Radwege“ begangen, erklärte der Bürgermeister. „Wir haben uns sehr intensiv mit diesem Thema beschäftigt und festgestellt, dass die meisten Radwege, die wir haben, zu schmal sind und deshalb de facto keine Benutzungspflicht besteht und wir alle Radwegeschilder eigentlich abbauen können.“


Dilemma betrifft fast alle Radverkehrsanlagen


Einige Beispiele: Auf der Lorens-de-Hahn-Straße in Westerland ist der Radweg nur einen Meter breit anstatt den im Regelwerk gewünschten zwei Metern, ebenso auf der Norderstraße. Auf der Keitumer Landstraße ist der Radweg zwei Meter statt drei Meter breit. „An der Lorens-de-Hahn-Straße ist es besonders ärgerlich, da dort gerade sehr viel gemacht worden ist“, betonte Häckel, aber generell betreffe das Dilemma fast alle Radverkehrsanlagen in Westerland.“ Das bedeutet, dass die Fahrradfahrer, auch wenn es einen Radweg gibt, eigentlich auf der Straße fahren müssten – oder zumindest die Wahl haben, ob sie den Radweg nutzen wollen oder auf der Straße fahren.


Ein Konzept mit klaren Regeln


Um nun eine Lösung zu finden, schlägt der Bürgermeister vor, ein Konzept zu entwickeln „mit ganz klaren Regeln, dass man immer weiß, was eigentlich erlaubt ist.“ Denn ein solches Konzept sei auf Sylt bisher einfach nicht erkennbar: „Wir haben Gehwege, auf denen Rad gefahren wird, radfahrerfreie Gehwege, Einrichtungsradwege, Zweirichtungsradwege, Fahrradstreifen, Fahrradstraßen – also eigentlich haben wir in unserer kleinen Gemeinde alles, was man sich vorstellen kann und keiner blickt mehr durch“, so Häckel. Dieses Konzept müsse auch von außen wahrgenommen werden können – etwa durch Flyer, Broschüren oder auf digitalen Wegen. Ob die vorhandenen Radwege verbreitert werden sollen, muss jedoch erst noch entschieden werden. „Wenn wir die vorhandenen Radwege benutzungspflichtig machen wollen, müssen wir sie auf Breite bringen und das kostet etwa sechs Millionen Euro“, so Häckel. Viel Geld für die Gemeinde, die verantwortlich mit ihren finanziellen Mitteln umgehen muss. Eine preiswertere Möglichkeit wäre es, Radfahrer künftig auch auf der Straße fahren zu lassen.

Die Kommunalpolitiker in der Runde lobten die Arbeit der Verwaltung und auch das Vorhaben, ein Fahrradkonzept zu erstellen. „Diese Insel möchte Vorrang für Radfahrer und nicht Vorrang für Autofahrer“, sagte Lothar Koch (Grüne), der vor allem in der Entwicklung und Beliebtheit von E-Bikes eine große Chance für die Insel sieht, um weg vom motorisierten Individualverkehr zu kommen. „Wir müssen aber intelligente Lösungen finden, dass dieser Trend auch gefahrlos über die Insel fahren kann.“

Geld sei sicherlich ein wichtiger Faktor, sagte der Sylter Biologe und bemerkte, dass die neue Landesregierung zehn Millionen Euro aus Landesmitteln für ein „fahrradfreundliches Schleswig-Holstein“ bereitstellen will. „Und wenn Sylt mit einem tollen Radfahrkonzept nach vorne geht, kann es ja vielleicht mit Jamaika klappen, etwas von dem Geld zu bekommen“, so Koch.

Obwohl eigentlich kein Beschluss zu diesem Tagesordnungspunkt vorgesehen war, wurde am Ende doch abgestimmt: Auf Wunsch von Manfred Ueckermann (CDU), dem alle Politiker nachkamen, wurde die Verwaltung mit der Erstellung eines Fahrradkonzeptes beauftragt, in dem schon vermerkt ist, mit Ministerium und Kreis in Verbindung zu treten und die Möglichkeit einer finanziellen Unterstützung abzuklären. Nikolas Häckel freute sich über den Beschluss: „Jetzt können wir uns schon um die Finanzierung Gedanken machen, können Klinkenputzen gehen und müssen nicht erst warten, bis das Konzept in sechs Monaten entscheidungsreif ist“.

zur Startseite

von
erstellt am 05.Jul.2017 | 05:24 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen