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Sommerreportage : Das Gebirge am Rande der Stadt

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Sie machen einen schmutzigen Job und sorgen damit für Sauberkeit: 32 Müllwerker und 22 Fahrzeuge sind täglich auf Achse, um Tonnen von Abfall zu entsorgen - wobei sich die Müll-Mengen zur Hauptsaison verdoppeln. Ein Besuch im Entsorgungszentrum.

Westerland | Berge. Nichts als Berge. Meterhoch türmen sich Pappe und Papier, Flaschen und Folien, verdreckte Konservendosen und stinkende Essensreste zu einem zerklüfteten, weit ausschweifenden Massiv. Hoch oben, auf den Gipfeln dieses Müllgebirges, thronen die Möwen. Die Müllentsorgungsanlage vor den Toren Westerlands ist ihr Garten Eden. Die Temperatur in der Annahmehalle hat sich zur Mittagszeit auf 30 Grad erhitzt und beflügelt die Ausdünstungen des Abfalls zusätzlich.
Heute ist alles überdacht

"Früher wars mit dem Gestank viel schlimmer", winkt Betriebsleiter Volker Tybussek ab. "Da türmte sich der Abfall im Freien. Heute ist ja alles überdacht und der Müll wird zügig zum Festland abtransportiert." Ähnlich streng roch es bis vor einigen Jahren auf der inzwischen geschlossenen Mülldeponie in Munkmarsch - und das stank besonders den Wenningstedtern. Tybussek: "Bei Ostwind durften wir nichts zur Deponie bringen."

Gerade rollt Nachschub an für die immer hungrigen Möwen. Hans-Christian Lorenzen, seit 27 Jahren in diesem Job am Steuer, kommt aus List zurück. Was sich im Zeltlager Mövenberg in den vergangenen Tagen angehäuft hat, ergießt sich nun in einem großen Schwall aus dem Bauch des Müllwagens, der mühelos 1 200 Kilogramm Abfall schluckt. Den fauligen Dunst in der Halle nimmt Lorenzen schon seit langem nicht mehr wahr. "Höchstens wenn da mal Fischreste bei sind" zucken die Nasenflügel noch.
Im Abfall finden sich einige Kostbarkeiten

Aber meist fährt er ohnehin Bauschutt oder Sperrmüll ab. "Doll, was man da früher alles so in Kampen gefunden hat", erzählt Lorenzen und erinnert sich etwa an eine "erstklassige weiße Couch-Garnitur, die war wie neu". Auch heute findet sich in anderer Leute Abfall noch das eine und andere Schnäppchen - so freute sich ein Mitarbeiter kürzlich über einen einwandfrei funktionierenden Rasenmäher, ein anderer über einen antiken Holzschrank, den er nun daheim aufarbeitet.

Wenn im Sommer die Touristenströme die Insel fluten, dann herrscht auch im Entsorgungszentrum am Rantum-Becken Hochsaison. "Im Juli, August und September ist das Aufkommen jeweils doppelt so hoch wie in einem normalen Monat", weiß Volker Tybussek. Übers Jahr gesehen summiert sich die Menge Müll, den die 22 Fahrzeuge einfahren, auf rund 42 000 Tonnen - was dem Gewicht von 1400 "Boeing 737"-Maschinen entspricht.
Pro Jahr fallen 800 Tonnen Reetabfall an

Ein knappes Drittel des Müllbergs häuft sich aus Restabfällen an, auch Bauschutt und Gartenabfälle rangieren vorn, gefolgt von Papier, Kunststoffen, Holz. Eine regionale Besonderheit und zugleich ein Problem sind die 800 Tonnen altes Reet, die pro Jahr anfallen. Weil es sich schlecht verfeuern lässt, bitten die Verbrennungsanlagen den Entsorger kräftig zur Kasse: 130 Euro pro Tonne kostet das "Remondis" - über 100 000 Euro pro Jahr.

Mit elegantem Schwung steuert Lutz Gingter seinen Gabelstapler in Position. Die mächtigen Gabeln umklammern einen Würfel aus gepresster Pappe, der für den Abtransport bereit gestellt wird. "Was man im Müll so alles findet", darüber staunt Gingter auch nach 16 Jahren noch. "Ausweise haben wir schon entdeckt, einmal eine Dose mit 500 Mark Inhalt, und als jemand aus Versehen sein Portemonnaie weggeschmissen hatte, haben wir auch mal einen ganzen Müllwagen durchwühlt."
Die Kundschaft kommt mit dem Mofa und dem Jaguar

Ein paar Meter weiter steht Kollege Marco Schulz und wartet auf Kundschaft. Plastik und Porzellan, Sperrgut und Sondermüll - ein Container reiht sich hier an den nächsten und Schulz wacht darüber, dass die Selbstanlieferer ihren Müll den richtigen Fraktionen zuordnen. Die Kundschaft kommt dabei mal mit dem Mofa, mal mit dem Jaguar vorgefahren - "hier lernst du einfach alle Automodelle kennen", schmunzelt Schulz.

So unterschiedlich wie die Klientel sind die überflüssigen Utensilien. Ein rotes Damenrad lastet auf einer verrosteten Schubkarre, ein morscher Strandkorb lehnt sich an einen noch ganz passablen, wuchtigen Sessel, ein zerschlagenes Waschbecken schnürt eine Glasscheibe ein, an deren Rand ein Aufkleber haftet: "Lieber Fremdenverkehr als gar keinen."
Sondermüll wird auf dem Festland genauer geprüft

Früher wurden die einzelnen Müllfraktionen noch vor Ort an einer Sortierschleife überprüft, Fremdkörper von Hand ausgesiebt. Heute wird das in den großen Entsorgungsanlagen auf dem Festland erledigt. 2 000 Transporte dorthin kommen übers Jahr zusammen, fast jeden Morgen rollen um 6 Uhr die ersten Containerfahrzeuge vom Westerländer Entsorgungszentrum zum Autozug.

Volker Tybussek streift Handschuhe über und hebt vorsichtig eine Flasche an. Kein Etikett, hinter dem Glas schwappt eine dickliche, rote Flüssigkeit. "Das kommt in den Sondermüll, auf dem Festland wird das dann genauer geprüft."
Das Päckchen enthielt reines Kokain

Ominöse Objekte finden sich in den Müllbergen tagtäglich. Vor einem Jahr nahm ein Mitarbeiter ein kleines Päckchen mit körnigem Inhalt in Augenschein und warf es auf den Restmüll. Erst im Nachhinein stellte sich zufällig heraus: Das Päckchen enthielt reines Kokain. Ein argloser Spaziergänger hatte es am Strand aufgelesen und einfach in eine Mülltonne geworfen.

FRANK DEPPE

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erstellt am 08.Aug.2008 | 07:17 Uhr

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