Kultur auf Sylt : „Das fühlt sich gar nicht wie Schule an“

Das komplette Ensemble von „Maria Stuart“ mit seiner Lehrerin – hinten Oisin Boersma (Mortimer, li.) und Joshua Knote (Nachtwache/Kent), mittlere Reihe von links: David Sprössig (Leicester), Jonathan Herzberg (Burleigh), Davis Sass (Maria), Jannes Bubel (Davison), Marvin Tychsen (Paulet), Nicolas Schrader (Melvil) und Fiete Schulz (Lichttechnik), vordere Reihe von links: Derya Halibryomova (Nachtwache), Cara Marten (Sopran/Bürger), Franziska Claßen (Bürger), Oberstudienrätin Gabriele Berger, Clemens Mauksch (Talbot v. Shrewsbury), Anton Schmidt (Maria) und Tom Schaller (Nachtwache/Kurl)
Das komplette Ensemble von „Maria Stuart“ mit seiner Lehrerin – hinten Oisin Boersma (Mortimer, li.) und Joshua Knote (Nachtwache/Kent), mittlere Reihe von links: David Sprössig (Leicester), Jonathan Herzberg (Burleigh), Davis Sass (Maria), Jannes Bubel (Davison), Marvin Tychsen (Paulet), Nicolas Schrader (Melvil) und Fiete Schulz (Lichttechnik), vordere Reihe von links: Derya Halibryomova (Nachtwache), Cara Marten (Sopran/Bürger), Franziska Claßen (Bürger), Oberstudienrätin Gabriele Berger, Clemens Mauksch (Talbot v. Shrewsbury), Anton Schmidt (Maria) und Tom Schaller (Nachtwache/Kurl)

Die Theatertruppe des Westerländer Gymnasiums wagt sich an einen „echten“ Klassiker: Schillers Schauspiel „Maria Stuart“ am 9. Februar in St. Nicolai

shz.de von
02. Februar 2018, 05:09 Uhr

Auf diesen Theaterabend dürfen wir uns freuen. Nicht nur wegen der in kultureller Hinsicht ereignisarmen Zeit zu Anfang des Jahres. Nein, auch und besonders wegen des Genres: Wann bekommen wir auf der Insel denn schon mal einen „echten“ Klassiker geboten? Es sei denn, die engagierte Theatertruppe um Dr. Gabriele Berger, Oberstudienrätin für Deutsch und Philosophie am Westerländer Gymnasium, nimmt die Sache in die Hand.

Dann allerdings dürfen wir gespannt sein auf die aktuelle „Produktion“, die sich nach Goethes „Faust“ und Brechts „Galileo Galilei“ diesmal einer kühnen Herausforderung gestellt hat. Friedrich von Schillers textlich und spielerisch höchste Anforderungen stellendes Schauspiel „Maria Stuart“ gelangt am Freitag, 9. Februar, um 20 Uhr in Westerlands Stadtkirche St. Nicolai zur Aufführung.

Alle Achtung, kann man sich an diesem Opus doch die Zähne ausbeißen. Das Stück, im Sommer 1800 am Weimarer Hoftheater uraufgeführt, fordert (Deutsch-)Lehrkräfte und Schülerschaft gleichermaßen heraus. In der gymnasialen Oberstufe gehört es zur Abitur-Pflichtlektüre und wird – wie auch immer – Prüfungsthema sein. „Wie aber“, so fragte sich Gabriele Berger, „gelingt eine zeitgemäße Vermittlung? Ist das Stück überhaupt noch aktuell? Und wenn ja: Wo liegen seine Bezüge zur Gegenwart?“

Die Schüler gaben im Unterricht den Anstoß, das Stück aufzuführen. Sechsundzwanzig Mitwirkende, die gesamte Klasse, zeigte sich zum Einsatz bereit. Nicht nur bei der Besetzung der Rollen, auch bei den für eine Aufführung unabdingbaren Erfordernissen wie Beleuchtung, Herstellen der Requisiten oder der Kostüme. Schon hier erwies sich das Unternehmen als ein pädagogisch außerordentlich wertvolles Projekt: Gemeinsames Planen, aufeinander Hören und miteinander Arbeiten förderten die Teamfähigkeit des Einzelnen und sorgten somit für einen guten Zusammenhalt im Klassenverband.

„Jeder brachte sich nach seinem Können ein“, stellt die Deutschlehrerin fest und erwähnt besonders „unsere Reni“, die Tante einer Schülerin. Aufbauend auf einen Fundus vorhandener Garderobenstücke schneiderte sie fleißig und unermüdlich Kostüme für die Mitwirkenden. Daneben findet Christian Bechmann besondere Erwähnung. Der neue Kirchenmusike der Gemeinde St. Nicolai und engagierte Musikpädagoge liefert den musikalischen Part bei der Aufführung. Er begleitet an der großen Kirchenorgel den Sologesang einzelner Akteure und sorgt darüber hinaus für musikalische Einlagen.

Bleibt der Schiller-Text – die eigentliche Materie, um die sich alles dreht. Wie kann hier eine ansprechende, die Besucher mitnehmende Inszenierung gelingen? Kurz und bündig fällt die Antwort Gabriele Bergers dazu aus: „Wir griffen total in den Text ein und verschlankten ihn!“ Manches wurde rigoros gestrichen, anderes mutig neu gestaltet. Und sie erklärt: „Schiller wollte auf ästhetischem Wege, etwa über das Theater, die Menschen zu besseren Zeitgenossen erziehen und verändern. Anhand der beiden Protagonisten, Maria und Elisabeth, präsentierte er seinen Leser und Zuschauern Entwürfe und Beispiele für den eigenen Lebensvollzug.“

Ich staune bei unserem Gespräch am frühen Morgen in der Lehrerbücherei des Gymnasiums nicht schlecht, was ich dazu aus dem Mund zweier Akteure zu hören bekommen. Clemens und Oisin stellen auf Anhieb den Freiheits- und Pflichtgedanken, wie ihn die beiden Frauen im Schauspiel personifizieren, als eine der Kernaussagen heraus. „Zunächst einmal,“ so Clemens, „haben wir beim Umschreiben des Stückes darauf geachtet, dass es nicht so altbacken daher kommt. Dann gewannen wir zunehmend tiefere Einsichten in das Handlungsgeschehen.“

Zwänge, die das Leben des Einzelnen beschneiden, gesellschaftlich und individuell begründete Erwartungshaltungen, die die Freiheit des Menschen einengen – all das kristallisierte sich bei der Arbeit am Text heraus. Vor allem aber auch bei der spielerischen Umsetzung. „Das war ein Gewinn für mein eigenes Leben“, so Clemens. „Ich werde immer wieder darauf achten und mich selber befragen, ob ich nach meinem eigenen Gewissen handele, um keine ethisch verwerflichen Entscheidungen zu treffen!“

Hier ergänzt sein Mitschüler mit dem schönen irischen Namen Oisin die hehren, sich bei allen Belastungen des Lebens erst einmal bewährenden Worte seines Klassenkameraden. Er verweist auf ihre gegenwärtige Situation als Oberstufenschüler, die kurz vor dem Abitur stehen. Pragmatisch fällt sein Urteil aus. „Beim letzten Mal hat uns allen die Mitwirkung großen Spaß bereitet, darum sind wir diesmal wieder dabei. Das fühlt sich nämlich gar nicht wie Schule an, obwohl wir auch an den Wochenenden viel Arbeit hatten. Das Rollenlernen, Vortragen und Spielen ist hilfreich für einen selbst. Zwar kostet es Überwindung, vor großem Publikum zu stehen und zu sprechen. Aber es schafft Selbstvertrauen und ist auch eine gute Vorbereitung für das Abitur.“

Sprach’s und machte sich mit Clemens zurück ins Klassenzimmer auf. Am 9. Feburar gibt es um 20 Uhr ein Wiedersehen mit den beiden. Und mit all den anderen, die die unermüdliche Gabriele Berger für das Schiller-Stück zu begeistern vermochte. Wir freuen uns darauf.

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