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Gesundheitsministerin zur Geburtshilfe : Das Festland als „sicherste Möglichkeit“

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Gesundheitsministerin Kristin Alheit (SPD) spricht im Interview mit der Sylter Rundschau über die Chancen für eine neue Sylter Geburtshilfe. Aus fachlich medizinischer Sicht sei es nicht verantwortbar, eine Geburtshilfe auf Sylt „zwanghaft“ anzubieten, sagt Alheit.

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erstellt am 16.Jan.2014 | 06:00 Uhr

Bevor die seit Jahresbeginn beendete Geburtshilfe auf Sylt heute Thema im Sozialausschuss des Landtages ist, äußert sich Gesundheitsministerin Kristin Alheit (SPD) im Interview zu einigen offenen Fragen zum Ende der Geburtshilfe auf Sylt. Die vielleicht prägnanteste Aussage der Ministerin: Die Chancen, dass es wieder eine Geburtshilfe auf Sylt geben wird, schätze sie als sehr gering ein.

Bundesweit schließen Kliniken zumeist aus Kostengründen ihre Geburtsstationen. Anders als auf dem Festland gibt es auf einer Insel in zumutbarer Entfernung keine Alternativen. Wäre es nicht Aufgabe des Landes, Gelder bereitzustellen, um auf einer Insel mit knapp 20 000 Einwohnern und über 800 000 Urlaubsgästen im Jahr Geburten möglich zu machen?

Das Land hatte bereits zugesagt, sich auch finanziell zu engagieren, als es um die zu tragenden Haftpflichtkosten ging. Ebenso wie die Gemeinde und der Kreis. Fehlendes Geld ist jedoch nicht der ausschlaggebende Punkt: Die Nordseeklinik ist aus der Geburtshilfe ausgestiegen, weil ihr das tatsächliche, medizinische Risiko für werdenden Mütter und Säuglinge zu hoch ist. Dass dies von Asklepios nicht von Anfang an deutlich mitgeteilt wurde, ist schwer nachvollziehbar. Bei den Gründen spielen fachliche Standards und die personelle Situation vor Ort ebenso eine Rolle wie die niedrige Geburtenzahl von etwa 80 bis 90 pro Jahr. Auch die Hebammen hatten ihren Ausstieg aus dem Alternativkonzept mit einem letztendlich zu hohen Risiko begründet. Und zwar bevor die vereinbarten Gespräche mit den Krankenkassen über eine Finanzierung des Alternativkonzeptes überhaupt stattgefunden haben.

Wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, dass es noch zu einer Lösung kommt, um die Geburtshilfe auf Sylt – außerhalb privater Badezimmer – zu ermöglichen?

Die angesprochene Geburt im Badezimmer verdeutlicht, wie sinnvoll die bestehende medizinische Empfehlung an Schwangere ist, 14 Tage vor dem errechneten Geburtstermin das Festland aufzusuchen. Zur eigentlichen Frage: Ich schätze die Chance einer Wiedereröffnung der Geburtshilfe auf Sylt als sehr gering ein.

Warum ?
Wir haben uns intensiv für eine Lösung engagiert. In Kiel und mehrfach auch hier auf Sylt, auch ich selbst. Wir hatten ein Alternativkonzept, das eine strenge Risikoselektion vorsah und dennoch nicht umgesetzt werden konnte. Wir haben zusammen mit Gemeinde, Kreis, Krankenkassen, Kassenärztlicher Vereinigung, Juristen und anderen Kliniken weitere Optionen geprüft, beispielsweise auch Modelle mit ärztlichen Abordnungen von anderen Kliniken. Aber alle Beteiligten kamen am Ende zum selben Ergebnis: Es ist aus fachlich medizinischer Sicht für die Patientinnen nicht verantwortbar, eine Geburtshilfe zwanghaft anzubieten, die fachliche Mindestanforderungen für eine sichere Versorgung nicht gewähren kann. Dann sollte man – wie bei nahezu allen anderen Inseln auch – eine sichere Alternative auf dem Festland anbieten.

Wenn die geringe Geburtenanzahl und damit schwer erfüllbare Qualitätsstandards ausschlaggebend für die Schließung der Klinik war, müssten dann nicht auch andere kleine Standorte - wie zum Beispiel Föhr - geschlossen werden?
Diese Entwicklung gab es in der Tat auch in der Vergangenheit und sie wird sich voraussichtlich fortsetzen. Seit dem Jahr 2000 wurden in Schleswig-Holstein acht geburtshilfliche Standorte geschlossen, alles waren Geburtshilfen der niedrigsten Versorgungsstufe mit meist kleineren Abteilungen. Ein Fortbestand der Geburtshilfe kann für eine solche Klinik problematisch werden, Hinweise darauf aus Föhr liegen mir aber nicht vor.

Auf Sylt herrscht großes Unverständnis, dass Asklepios einfach so den mit dem Land vereinbarten Auftrag für die Geburtshilfe zurückgeben kann. Müssen die Sylter jetzt befürchten, dass sich die Nordseeklinik Stück für Stück aus allen Bereichen der Akutversorgung zurückzieht, die nicht lukrativ sind?
Dafür gibt es von Asklepios uns gegenüber keine Anzeichen. Und wie angesprochen: Einfach so geht es nicht. Ein Versorgungsauftrag gilt grundsätzlich unbefristet. Er kann aber nicht zwanghaft vor dem Hintergrund der angesprochenen Risiken durchgesetzt werden.

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, einen anderen Träger mit der Akutversorgung auf der Insel zu beauftragen? Was wären die Voraussetzungen dafür?
Ja, auch diese Überlegung haben wir geprüft. Aber auch dieser Weg ist aus den angesprochenen Gründen nicht zielführend für eine Wiedereröffnung der Geburtshilfe.

Wie will das Gesundheitsministerium eine weitere Verkleinerung der Nordseeklinik verhindern, wenn es bei der Geburtshilfe offenbar nicht möglich ist?
Zu dem wichtigsten Instrument des Ministeriums und der für die Krankenhausplanung mitverantwortlichen Beteiligtenrunde gehört in erster Linie die Verhandlung. Grundsätzlich orientiert sich ein Angebot immer an dem Bedarf. Bedeutet: Wird das Versorgungsangebot der Nordseeklinik von den Sylterinnen und Syltern sowie den Gästen angenommen, besteht in der Regel auch kein Anlass, daran groß etwas zu ändern.

Warum halten Sie es für vertretbar, dass schwangere Sylterinnen zwei Wochen vor der Geburt auf dem Festland verbringen?
Weil das für sie und ihr ungeborenes Kind die sicherste Möglichkeit zur Geburt ist. Daher rate ich auch dringend, den Empfehlungen der Mediziner zu folgen und entsprechend früh die Insel zu verlassen. Oder im Notfall ohne zu zögern den Rettungsdienst anzurufen. Ich kann den Unmut über den Aufwand gut nachvollziehen. Aber alle Beteiligten sollten sich bewusst machen: Es geht dabei nicht nur um Wege und Zeit in einem Zug oder in einem Boarding-Haus, sondern um die Gesundheit und das Leben eines Neugeborenen und seiner Mutter.

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