Umweltschutz auf Sylt : Das Diesel-Urteil und die Insel

Vor allem auf der Zufahrt zur Westerländer Autoverladung kommt es immer wieder zu Staus mit laufenden Motoren.
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Vor allem auf der Zufahrt zur Westerländer Autoverladung kommt es immer wieder zu Staus mit laufenden Motoren.

Grüne fordern bessere Maßnahmen zur Luftreinhaltung auch auf Sylt, Bürgermeister sieht jedoch keinen akuten Handlungsbedarf

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28. Februar 2018, 21:46 Uhr

Die Grundentscheidung des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG) zu Fahrverboten für Dieselautos bewegt ganz Deutschland – und ebenso die Insel Sylt. Obwohl das Urteil in erster Linie für stark feinstaub-belastete Ballungsräume in größeren Städten gilt, diskutieren Inselpolitiker bereits über mögliche Auswirkungen und notwendige Konsequenzen auch für Sylt.

„Wir begrüßen das höchstrichterliche BVerwG-Urteil, Fahrverbote zu ermöglichen und den Gemeinden ein Instrument in die Hände zu geben, um notfalls handlungsfähig zu werden“, heißt es in einem Statement der Grünen-Sylt. „Das hohe Gericht hat damit grundsätzlich bezeugt, dass Gesundheitsgefährdung durch Autoverkehr entsteht. Grenzwerte sind jedoch meist politische Kompromisse und werden nicht unbedingt an der bestmöglichen Gesundheitsqualität festgelegt.“

Genau damit mache Sylt aber Werbung: „Die Sylter Luft ist wie Champagner“ laute einer der Slogans. Zahlreiche gesundheitsfördernde Angebote für die Atemwege seien in den Sylt-Prospekten zu finden. „Alle Insel-Gemeinden in Strandnähe sind offizielle Nordseeheilbäder und Luftkurorte“, betont Grünen-Sprecher Lothar Koch. „Gleichzeitig jedoch rollen pro Jahr über eine Million Pkw und dazu noch eine unbekannte Menge Lkw über den Hindenburgdamm, zusätzlich 70 000 Autos über die Sylt-Römö Fähre und hinzu kommen 15 000 insulare Fahrzeuge. Die Züge selbst sind unglaubliche Diesel-Dreckschleudern, die Millionen von Litern allein auf der Autozugstrecke pro Jahr verbrauchen, und einen Teil zwischen Morsum und Westerland abgasen.“

Die Insel-Grünen fordern vor dem Hintergrund der aktuellen Rechtslage möglichst bis Pfingsten für Sylt die Einrichtung von Luft-Messstellen an den Verkehrsbrennpunkten der Insel und eine transparente Auswertung und Veröffentlichung der Daten. Dabei gehe es nicht um die Frage, ob die gerichtlich vorgegebenen Grenzwerte eingehalten werden, sondern darum, ob die Sylter Luft dem Anspruch der gesundheitsfördernden insularen Angebote des Tourismus über das Jahr entspräche.

„Wie gut, jetzt ein Instrument zu haben, den überbordenden Autoverkehr notfalls in seine Schranken weisen zu können“, so der Grüne Lothar Koch. „Die gemeinsame Aufgabe von Politik und Verwaltung bleibt nun, das längst verabschiedete Verkehrskonzept endlich umzusetzen. Weiterhin ist alles daran zu setzen, dem Busfahren Vorrang vor dem Individualverkehr zu gewähren, die Elektrifizierung der Busflotte zu unterstützen sowie die Subventionierung des kerosinlastigen Flugverkehrs zu überdenken.“

„Anhaltspunkte, aufgrund der aktuellen Diesel-Entscheidung handeln zu müssen, sind derzeit nicht ersichtlich“, erklärt Bürgermeister Nikolas Häckel auf Anfrage der Sylter Rundschau. „Dennoch stärkt die Gemeinde Sylt auf vielfältige Weise die eMobilität, unterstützt auch den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und versucht, den innerstädtischen Radverkehr zu verbessern.“

Es gebe auf der Insel seit etlichen Jahren Messungen an Reinluftstellen und Verkehrsschwerpunkten, die zur Erstellung von Luftqualitätsgutachten in Zusammenhang mit der Qualifizierung als Luftkurort, Seeheilbad, etc. stehen und die zirka alle zehn Jahre mit einjähriger Messreihe durchgeführt würden. Auftraggeber seien hierfür die Tourismus Services. „Aktuell liegt der Gemeinde Sylt kein Antrag auf gemeindeeigene Messstellen vor, die diese Daten ergänzen sollen“, so Bürgermeister Häckel. Zusätzlich existiere auf Sylt seit den 60er/70er Jahren ein Messnetz des Umweltbundesamtes (UBA), das zum Beispiel Messstellen auf der Düne der Messstation im Westerländer Lornsenweg sowie in den Tinnumer Wiesen habe, die verschiedene Luftschadstoffe messen würden – unter anderem Schwefeldioxid, Stickstoffoxide, Schwebstaub und viele mehr. Ansprechpartner sei hierfür das UBA-Messstelle Westerland und diese Daten würden auch im Internet auf www. umweltbundesamt.de veröffentlicht.

„Diesel-Fahrer dürfen nicht die leidtragenden dieses Urteils sein, hier müssen in erster Linie durch entsprechende Nachrüstungen der Motoren die Hersteller von Dieselfahrzeugen in die Verantwortung genommen werden“, sagt Oliver Ewald (CDU). „Darüber hinaus sind aber natürlich die Kommunen weiter in der Pflicht unter anderem ihre Radwege nutzerfreundlicherer auszubauen und den Öffentlichen Personennahverkehr zu fördern, um für eine Luftverbesserung zu sorgen.“ Insbesondere bei der Verbesserung der Radwege gebe es sicherlich insular noch eine Menge Potenzial zur Optimierung, so der Fraktionschef der Christdemokraten in der Gemeindevertretung Sylt.

„Wer schon einmal als Fahrradfahrer das Vergnügen hatte, auf der Keitumer Landstraße von Dieselfahrzeugen überholt zu werden, weiß wie die Abgase stinken“, erklärt Erik Kennel (SWG). „Ich begrüße das Urteil, das Fahrverbote ermöglicht, weil nur so ein Umdenken hin zu elektro- und anderen schadstoffarmen Antrieben vorangebracht werden kann.“ Die Besitzer von Dieselfahrzeugen seien getäuscht worden, verantwortlich wären die Täuscher, so der Fraktionschef der Sylter Wählergemeinschaft. Aber: „Der Käufer hat die Möglichkeit zu entscheiden, was er bei wem kauft.“

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