Das bewegte Leben des Abdelkerim Touati

Heute lebt der 81-jährige Abdelkerim Touati in Westerland. Sein Buch trägt den Titel'Auf Wiedersehen, Kerim'.  Foto: Pfeifer
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Heute lebt der 81-jährige Abdelkerim Touati in Westerland. Sein Buch trägt den Titel"Auf Wiedersehen, Kerim". Foto: Pfeifer

Der Kampf um die algerische Unabhängigkeit, der kalte Krieg und eine unerfüllte Liebe - der Westerländer Kerim Touati erzählt seine Geschichte und veröffentlicht wichtige Dokumente in einem Buch

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06. Juni 2013, 03:59 Uhr

Westerland | Es ist eine bewegende Geschichte, die Abdelkerim Touati zu erzählen hat. Sie handelt von seinem Leben, von dem Kampf um die algerische Unabhängigkeit, von einem jungen Mann, der wie ein Spielball des kalten Krieges durch Europa geschoben wurde und von einer Liebe, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.

Heute ist Abdelkerim Touati 81 Jahre alt und lebt in Westerland. Lange Jahre über führte er mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin Elvi Fuchs einen Weinhandel in der Strandstraße. Ein Artikel in der algerischen Zeitung El Watan brachte ihn dazu, 50 Jahre nach dem algerischen Unabhängigkeitskrieg alte Dokumente, Briefe, Zeitungsartikel und Fotos zusammenzutragen und in einem Buch zu veröffentlichen. "In der El Watan wurden Zeitzeugen dazu aufgerufen, ihre Geschichten zu erzählen. Das ist sehr wichtig, denn als die französischen Besatzer mein Land 1962 verlassen haben, haben sie alle Archive mitgenommen", erzählt Touati. Mit seinem Buch möchte er zum kollektiven Gedächtnis seines Landes beitragen, denn so ungewöhnlich Touatis Erlebnisse auch waren, so exemplarisch waren sie auch für die politische Lage jener Zeit.

Geboren wurde Abdelkerim Touati 1932 in der algerischen Hafenstadt Bejaia. Algerien stand zu dieser Zeit unter französischer Kolonialherrschaft und war ein Département Frankreichs. "Wir galten damals als Menschen zweiter Klasse. An den algerischen Universitäten wurden gerade einmal 500 Algerier aufgenommen, aber 1400 Franzosen." Touati ging deshalb im September 1954 nach Frankreich, um politische Wissenschaften zu studieren. "Das war zwei Monate, bevor der Unabhängigkeitskrieg in Algerien ausbrach. " Die Stimmung, die unter den Studenten in Frankreich zu dieser Zeit herrschte, spiegelt dieser Appell der algerischen Studentenorganisation UGEMA, die der wichtigsten Befreiungsorganisation Algeriens, der FLN, nahe stand, wieder: "In der Tat, mit noch einem Diplom werden wir keine besseren Leichen sein! Wozu werden diese Diplome nützen, die uns weiter angeboten werden, während unser Volk heldenhaft kämpft, während unsere Mütter, unsere Ehefrauen, unsere Schwestern vergewaltigt werden, während unsere Kinder, unsere Alten durch die Maschinenpistolen, die Bomben, das Napalm sterben?!".

Wie viele andere schloss sich Touati der UGEMA an. "Unsere Leute starben und wir studierten. Da mussten wir etwas unternehmen." Als die Organisation in Frankreich verboten wurde, musste Touati das Land verlassen und wich nach Westdeutschland aus, um sein Studium und seine politische Arbeit fortzusetzen. Trotz der in Westdeutschland nach außen hin hochgehaltenen deutsch-französischen Freundschaft unterhielt das Land auch während der Adenauer-Ära Kontakte zur algerischen Opposition. Für Touati währte diese Unterstützung allerdings nicht lange. "Einer von uns politisch aktiven Studenten wurde in Bonn von der Roten Hand, der französischen Geheimpolizei, erschossen. Die Deutschen wollten die algerischen Probleme nicht in ihrem Land haben und haben uns das Aufenthaltsrecht entzogen."

Jetzt griff der Konflikt zwischen den Supermächten. Kaum war klar, dass die algerischen Studenten ausgewiesen werden würden, bot die DDR an, die "antikapitalistischen Freiheitskämpfer" aufzunehmen. "Noch am selben Tag, an dem Westdeutschland uns die Stipendien entzog, meldete Radio Leipzig, es gäbe in der DDR unbegrenzte Stipendien für Algerier", erinnert sich Touati. Kurz darauf fand er sich in Leipzig wieder. Zu diesem Zeitpunkt, man schrieb das Jahr 1959, sprach der 27-jährige Abdelkerim Touati kaum Deutsch. Beim Einkaufen musste er sich mit Händen und Füßen gestikulierend verständigen. Dann lernte Touati in der Mensa eine junge Deutsche namens Heidy Glöckner kennen. Ihm gegenüber gab sie sich als Studentin aus, erst später erfuhr Touati, dass die damals 31-Jährige zu jenem Zeitpunkt bereits als Intendantin des Senders Leipzig arbeitete. "Heidy und ich sprachen viel über meine Heimat und Politik. Sie wollte wissen, ob es nicht widersinnig ist, wenn wir in Algerien die Sprache unserer Unterdrücker sprechen. Aber ich sagte ihr, dass man zwischen den Kolonialisten und der Nation unterscheiden muss. Französisch ist schließlich auch die Sprache von Voltaire und Balzac."

Touati verliebte sich in die junge Frau und sie sich in ihn. Die Beziehung zwischen der überzeugten Kommunistin und dem algerischen Freiheitskämpfer dauerte nur wenige Monate, aber sie muss doch auf Heidy Glöckner starken Eindruck gemacht haben.

Denn sie veröffentlichte die gemeinsame Geschichte, halb poetisch, halb politisch, zugleich anrührend und verfasst mit kommunistischem Kalkül. Zu Beginn wirkt der Text noch wie eine reine Liebeserklärung. Heidy Glöckner beschreibt, wie sie Abdelkerim Touati zum ersten Mal gesehen hat: "Aber ich sah Dich, wie man ein Bild betrachtet, voll Staunen, voll Bewunderung, voll Freude! Es gibt wohl keinen, der nicht zugäbe, daß Du ein sehr gut aussehender Mann bist. Aber für mich hatte Deine Schönheit (...) einen ganz besonderen Reiz." Aber nach und nach webt die Autorin immer mehr von der politischen Lage Algeriens und von dem Konflikt, den diese für die Beziehung mit sich brachte, ein. Klar wird das vor allem zum Ende hin, als Heidy Glöckner schreibt:"Ein Gedanke war da und ließ sich nicht mehr verdrängen: Muß nicht die Liebe zu allen Menschen schwerer wiegen als die des Mannes zu einer Frau? (...) Dein unruhiges Herz, Deine Hände, Dein kluges Hirn werden gebraucht von Hunderttausenden kleiner Kerims, die leben wollen, glücklich leben wollen, sicher und ohne Furcht vor Saharabomben, die besser leben wollen als Du und Deine Eltern. Das ist Deine Aufgabe, nicht die, eine Frau zu Deinem Lebensinhalt zu machen."

Als Abdelkerim Touati von diesem Text erfuhr, lebte er schon wieder in Westdeutschland. "Ich war damals selber davon überrascht, wie sehr sie in mich verliebt war", sagt Touati heute.

Die Bundesrepublik diente als eines der neutralen Felder für inoffizielle Verhandlungen zwischen der Befreiungsorganisation Algeriens und Frankreich. Dadurch wurde auch die UGEMA wieder erlaubt und Touati kehrte, begleitet von seiner neuen Freundin und späteren Frau, noch vor dem Mauerbau in den Westen zurück. Er engagierte sich weiterhin für die Unabhängigkeitsbewegung. Nach dem Ende des Krieges und der Unabhängigkeit Algeriens im Jahr 1962 wurde er Spitzenbeamter im Energieministerium.

Deutschland blieb Touati treu. Als Mitglied der ersten algerischen Regierungsdelegation kehrte er in die BRD zurück und war ab Ende der 1960er-Jahre Mitglied der algerischen Handelsmission. Mit seiner deutschen Frau und seiner Tochter lebte er in Frankfurt und Hamburg. Nach der Trennung von seiner Frau und seiner Früh-Pensionierung 1987 lernte er die Sylterin Elvi Fuchs kennen und eröffnete mit ihr eine Weinhandlung in Westerland. Heidy Glöckner starb 1998, ohne dass Abdelkerim Touati sie jemals wieder gesehen hätte. Das Buch von Abdelkarim Touati, "Auf Wiedersehen, Kerim", ist in deutscher und französischer Sprache im Handel erhältlich. Erschienen ist es in der Reihe Biografie des Husumer Ihleo-Verlages, 176 Seiten, 14,95 Euro. ISBN: 978-3-940926-28-9.

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