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Sylt im Herbst : Das besondere Flair der Insel

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Nach der Sommersaison zeigt sich Sylt von einer ganz anderen Seite. SR-Redakteur Pierre Boom begab sich auf eine Reise in die „Zwischenzeit“.

von
erstellt am 18.Okt.2015 | 05:30 Uhr

„Nicht Glück oder Unglück, der Tiefgang des Lebens ist es, worauf es ankommt.“ Dieses Zitat von Thomas Mann begrüßt mich an einem trüben Oktobermorgen in Kampen. Es steht auf einer der Stelen des Literaturpfades, gegenüber von Haus Kliffende an der Westküste. Wie passend, denke ich – gerade hier, gerade heute. Denn ich habe mich auf die Suche gemacht nach der Sylter „Zwischenzeit“. Diesen wenigen Wochen nach dem Ende der Sommersaison, wenn die Insel wieder leerer ist, die Luft rauer, die See stürmischer. Es ist jene Zeit zwischen den Jahreszeiten, in der man sich möglichst früh auf den Weg machen sollte, um stundenlang einsam am Strand laufen zu können. Um das Gefühl zu genießen, ganz alleine zu sein mit dem Wind, den Wellen – und mit den eigenen Gedanken und Gefühlen. Das hilft, den Tiefgang des Lebens zu spüren, darauf kommt es an, da hat der große Schriftsteller Thomas Mann schon recht.

Der Parkplatz an der Sturmhaube ist noch fast leer als ich ankomme. Ich gehe den Dünenweg hoch Richtung Quermarkenfeuer, treffe niemanden, auch das Häuschen des Kontrolleurs der Kurkarten ist nicht besetzt. Oben angekommen ein erster Blick zum Strand: Ja, ich bin noch alleine. Nur ein paar Spaziergänger laufen am Flutsaum in der Ferne. Erstmal tief durchatmen, die Weite spüren, reinhorchen in mich selbst. Dann habe ich doch meine Kamera gezückt, schnell einige Fotos gemacht von verlassenen Strandkörben, leeren sandigen Wegen und Gräsern im Wind. Eine kleine Runde am Strand entlang, hinüber zum Hauptzugang, wo Lorenz Boysen gerade sein Kontrollhäuschen öffnet. „Wir sind jetzt nur noch hier“, sagt der Mitarbeiter des Kampen-Tourismusservice. „Woanders lohnt es sich nicht mehr.“ Doch richtig leer sei es eigentlich nicht, die Gäste kämen nur etwas später. Der Zugang wäre gut frequentiert, auch außerhalb der Saison. „Und Fragen gibt es eigentlich immer: Wo geht es zum Wanderweg Richtung Wenningstedt? Oder welches Restaurant können Sie uns empfehlen?“, berichtet Boysen.

Ich fahre weiter Richtung Norden, mache Station an der Vogelkoje. Elke Bürger stellt gerade die Schautafeln heraus, einige Urlauber sind bereits unterwegs auf dem Naturlehrpfad der historischen Entenfanganlage. Noch bis Ende Oktober ist geöffnet: „Jetzt im Herbst ist manchmal gar nichts los, dann kommen plötzlich zehn zwölf Leute auf einmal“, erzählt die Listerin, die das Ausstellungsgelände im Wechsel mit zwei Kollegen betreut. Es sind vor allem ältere Paare, aber auch Familien mit kleinen Kindern, die zu einem Ausflug hierher kommen. Genauso wie oben am Lister Hafen: Die Gret Palucca ist gerade ausgelaufen zu den Seehundsbänken, langsam kommt der Fischbrötchenverkauf in Gang, die Terrassen der Restaurants jedoch sind leer – das ändert sich auch in der nächsten Stunde nicht, wegen des einsetzenden Nieselregens.

Ich fahre auf der alten Landstraße am Königshafen vorbei durch die Wanderdünen: Einsam laufen dort nur Schafe, auf den Parkplätzen kaum Autos. Wer will denn jetzt schon an den Strand? Vielleicht nur für ein paar Stunden in die Strandsauna, noch hat auch sie ja geöffnet.

Ich will wissen, wie es weiter südlich aussieht, fahre hinunter nach Rantum. Aber auch Manni Schwennsen sitzt alleine in seiner Tourist-Information: „Ist schon sehr ruhig im Moment“, sagt er. „Manchmal kommt jemand rein und fragt nach dem Weg zur Sansibar. Das war’s dann aber fast. Nun ja, bis zu den Herbstferien zumindest.“ Ich gehe zum Strand. Stille, Weite pur auch hier, eine einzelne Frau geht spazieren. Ich bin mir sicher, sie hängt ihren Gedanken nach wie ich am Morgen – der Tiefgang des Lebens eben.

Im Inselosten schließlich treffe ich Bernd Früsemers, beim Insel Sylt Tourismus-Service (ISTS) zuständig für alle Tourist-Infos. Er hat heute in Keitum Dienst und bestätigt meine Eindrücke einer ganz besonderen, geradezu entschleunigten Zeit. „Die meisten Gäste, die jetzt zu uns kommen, wollen genau das: Ruhe, Entspannung und das besondere Flair der Insel genießen“, erzählt Früsemers. „Viele von ihnen kenne ich mittlerweile. Sie kommen nur außerhalb der Saison, wenn der Sommerrummel vorbei ist.“

Besonders Keitum, aber auch Morsum hätten sich in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten Magneten für diese andere Art des Inseltourismus entwickelt, berichtet der ISTS-Mitarbeiter. „Diese Urlauber lieben die dörflichen Strukturen, das authentische, das ursprüngliche Sylt. Sie sind auch sehr wissbegierig, wollen alles über Kultur und Geschichte erfahren. Und wo geht das besser als in Keitum mit dem Altfriesischen Haus, dem Heimatmuseum und der Kirche St. Severin.“

Zum Abschluss meiner Reise in die Sylter „Zwischenzeit“ erinnere mich an meinen ersten Herbst auf der Insel vor mehr als zehn Jahren: Es war so trüb und so nass wie heute – und ich stand irgendwann tief in Gedanken am Grab von Rudolf Augstein auf dem Keitumer Friedhof. Auch ein Wortgewaltiger, wie Thomas Mann – und ein großer Sylt-Liebhaber.

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