Exklusive Serie „12 Stunden, 12 Orte“ : Das andere Sylt

Wo heute Handwerk und Gewerbe angesiedelt sind, war bis 2005 der Fliegerhorst.
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Wo heute Handwerk und Gewerbe angesiedelt sind, war bis 2005 der Fliegerhorst.

In einer exklusiven Serie für die Sylter Rundschau reist unser Autor in zwölf Stunden über die Insel / Teil 4: Um 11 Uhr im Gewerbegebiet Tinnum

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29. August 2018, 11:12 Uhr

Die Straßen heißen hier Zum Fliegerhorst, An der Rollbahn, An der Startbahn. Das Gewerbegebiet Tinnum liegt gleich neben dem Sylter Flughafen. Diesen Teil der Insel meiden die Urlauber, könnte man meinen. Stimmt aber gar nicht.

Margarete und Peter Querberitz sind mit ihren Fahrrädern auf der Straße Zum Fliegerhorst unterwegs. Die beiden Rentner leben in Würzburg und kommen immer wieder nach Sylt. Für drei Wochen sind sie mal wieder in Westerland abgestiegen. An diesem Vormittag gegen 11 Uhr sind sie auf dem Weg zu einer Wiese am Tinnumer Ortsrand. „Wir wollen Brombeeren pflücken“, sagt Frau Querberitz. Sie habe ja eigentlich den Umweg um das Gewerbegebiet herum nehmen wollen, aber der Herr Gemahl habe sich durchgesetzt. Also geht die Fahrt vorbei an vielen Betrieben, am Sylter Fliesenfachgeschäft, an einer Metallschmiede, an der Autopflege Sylt, an einem Fruchthandel, an einer Reetdachdeckerei, an der Sylter Wohnwelt, der Sylter Schokoladenmanufaktur, an einem Getränkemarkt und an einem Baumarkt, der nicht nur ein Treffpunkt für Hand- und Heimwerker ist, sondern auch für Feinschmecker.

Gegen Mittag pilgern viele Menschen in die Söl Kitchen im Eingangsbereich dieses Markts. Vor dem Baumarkt hat eben ein Mann, Mitte sechzig, sein Fahrrad abgestellt. Er erzählt auf Nachfrage, dass er in Düsseldorf lebe und arbeite, dass er seit ein paar Jahren ein Haus in Alt-Westerland besitze. Er komme mitunter nur für ein paar Tage auf die Insel, immer wieder. Keine Probleme mit der Anreise? Die Straßen sind meistens rappelvoll, und die Bahn hat oft Verspätungen. Der Mann, der mehrere Lebensmittelmärkte betreibt, grinst und winkt ab: Er reise immer mit der eigenen Cessna an, einem Kleinflugzeug mit sechs Sitzen. Nach maximal zwei Stunden sei er auf Sylt. Die Cessna steht zurzeit am Rande der Rollbahn und wartet auf die Rückreise. Beim Baumarkt will er sich neue Fliesen für die Terrasse seines Hauses aussuchen.

Im Foyer des Gebäudes sitzt Daniel Keyser, 40 Jahre, und isst bereits deutlich vor zwölf Uhr in der Söl Kitchen zu Mittag. Keyser ist gelernter Zimmermann, er lebt in einem kleinen Ort an der dänischen Grenze und pendelt täglich nach Sylt und wieder zurück. Der Mann ist selbstständig und betreut Ferienimmobilien. Er ist gegen 4.45 Uhr aufgestanden und war schon um 6 Uhr in Westerland. Wer so früh aufsteht, muss beizeiten Mittag essen. Die Speisen in der Söl Kitchen, die Götz Petersen seit gut vier Jahren betreibt, seien super. Was ist besonders zu empfehlen? Der Nudelsalat und die Frikadellen, sagt Keyser. Und der wechselnde Mittagstisch. Fertig gegessen, noch ein kurzer Klön mit Petersen – dann geht’s wieder an die Arbeit. Gegen 14.30 Uhr ist aber Schluss, dann steigt Keyser in den Zug, fährt nach Klanxbüll, wo sein Auto steht. Auf Sylt wohnen, das will er lieber nicht. „Ich wäre 24 Stunden im Einsatz.“ Die allermeisten Wünsche der Kundschaft könnten doch warten bis zum nächsten Tag, und für den Notfall stehe ein Mitarbeiter bereit, der auf der Insel lebt.

Der Imbiss von Götz Petersen ist längst kein echter Geheimtipp mehr. Der gelernte Koch lebt seit 18 Jahren auf Sylt. Vorher habe er unter anderem in Wiesbaden und in Hannover gearbeitet, erzählt der Mann, der immer einen flotten Spruch auf Lager hat.

„Ich gehe von der Insel nicht mehr weg“, sagt Petersen. Die Kinder seien „hier extrem glücklich“. Mit drei fest angestellten Mitarbeitern und drei freien schmeißt er den Laden, der montags bis freitags geöffnet ist. An den Wochenenden werde Catering angeboten, etwa bei Konzerten wie kürzlich bei dem Auftritt der Gruppe Revolverheld auf dem Flugplatz.

Zwei Frauen haben eben Platz genommen in dem kleinen Imbiss. Nur die ältere der beiden spricht gebrochen deutsch. Die zwei Damen stammen aus Lettland und arbeiten als Putzfrauen auf Sylt. Heute haben sie ihren freien Tag. Das Essen in der Söl Kitchen sei „sehr lecker“.

Auch draußen auf den Straßen ist ordentlich was los. Die Menschen kommen und gehen. In einer Querstraße wird eben ein Lamborghini-Sportwagen mit italienischem Kennzeichen von einem Sattelschlepper geladen. Erstaunlich viele Radfahrer sind unterwegs – von Westerland in Richtung Keitum und zurück, so wie das Ehepaar Querberitz, das vermutlich längst Beeren pflückt. Am Eingang zum Gewerbegebiet arbeiten die Sylter Werkstätten der Diakonie, die Kerzenmanufaktur und die Müslimanufaktur.

Ganz in der Nähe dieses Gebäudes ist eine Bank, auf der ein älteres Ehepaar Platz genommen hat. Auch die beiden sind mit Fahrrädern unterwegs. Die zwei Urlauber blicken von der Sitzbank aus direkt auf den Flughafen. Eben hat der Pilot eines Privatflugzeugs die Motoren gestartet, der Flieger rollt in Richtung Startbahn und hebt ab. Ein schönes Schauspiel.

Nächste Folge: Um 12 Uhr in Wenningstedt am Strand.

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