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Sylter Rundschau

18. November 2017 | 02:19 Uhr

„Dammbau“ – Segen oder Fluch?

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

In unserer Serie zum Jubiläum des Hindenburgdamms geht es heute um einen Sylter Roman zu einem zeitlosen Thema – von Prof. Dr. Thomas Steensen

shz.de von
erstellt am 31.Mai.2017 | 17:21 Uhr

Schon drei Jahre nach der Eröffnung des Sylter Damms fand das Bauwerk auch Eingang in die Literatur: 1930 veröffentlichte die Schriftstellerin Margarete Boie (1880–1946) ihren Roman „Dammbau“. Sie thematisiert darin die Zeitenwende, die der Hindenburgdamm der Insel brachte. Es ist ein „Sylter Roman“. Er lohnt noch heute die Lektüre. Das Nordfriisk Instituut in Bredstedt gab ihn deshalb in seiner Reihe „Nordfriesland im Roman“, die im Husum Verlag erscheint, mit einem erläuternden, bebilderten Nachwort neu heraus. Die erste Auflage ist bereits vergriffen, in diesen Tagen erscheint die Zweite.
Margarete Boie, Offizierstochter aus einer westpreußischen Familie, schildert realitätsnah den Bau des damals als technisches Wunderwerk bestaunten Dammes zwischen dem Festland und der Insel. Unter der Regie des „Preußischen Wasserneubauamtes Dammbau Sylt“ waren viele hundert Arbeiter in Tag- und Nachtschichten beschäftigt. Wie es dabei zuging, wird lebendig beschrieben.
„Sylt ist keine Insel mehr“, hieß es in der Lokalzeitung am Tag nach der am 1. Juni 1927 gefeierten Einweihung. Überall herrsche „Jubel und Freude“, sagte der Bürgermeister der Stadt Westerland. Doch in den ländlichen Gegenden Sylts sahen viele das ganz anders. Bauern machten sich Sorgen wegen einer zunehmenden Konkurrenz vom Festland, andere wegen eines erhöhten Flutaufstaus. So mancher Inselfriese befürchtete nachteilige Wirkungen auf die jahrhundertealte friesische Sprache und Kultur. Offener Widerstand gegen den Dammbau regte sich kaum. Der Glaube an den Segen des Fortschritts setzte sich letztlich durch.
„Hoken gur set, di skel ek wik“, so sagte man auf Friesisch. „Wer gut sitzt, sollte nicht rücken.“ Also: Wem es einigermaßen gut geht, der sollte sich nicht leichtsinnig auf ungewisse Abenteuer einlassen. Vor allem in Morsum, dem am weitesten östlich gelegenen Dorf, wo der Damm die Insel erreichte, sahen viele Menschen das kommende Neue mit Angst und Verunsicherung. Wer sich zustimmend zum Dammbau äußerte, wurde mit Verachtung gestraft. Dies erlebte vor allem der aus Hamburg stammende Morsumer Pastor Hans Johler (1882–1943). Er kümmerte sich als Seelsorger auch um die Dammbauarbeiter und versuchte die Insulaner auf die unausweichlichen Veränderungen einzustimmen. Doch er erfuhr schroffe Ablehnung und musste sein Amt schließlich aufgeben. Im Roman erscheint er als von der Insel stammender Pastor Peter Boy Eschels.
Margarete Boie, die sich 1919 auf Sylt angesiedelt hatte, verfasste etwa zehn Romane, deren Themen sie aus der Kultur und der Geschichte der Insel Sylt schöpfte. Rückblickend schrieb sie: „Ich fing an, Kenntnisse über Sylt zu sammeln, und mein Beginnen wurde aufs Schönste belohnt. Noch heute ist mir unverständlich, dass niemand vor mir diesen prachtvollen Stoff gefunden hatte.”
Mit dem Roman „Dammbau“, vielleicht ihrem wichtigsten, begab sie sich in ihre Gegenwart. Sie schildert den Kampf zwischen Alt und Neu, zwischen Beharren und Verändern aus eigenem Erleben. Der Damm dient ihr als Sinnbild für den technischen Fortschritt, den Sieg über Natur und Tradition. Darum besitzt ihr Roman raum- und zeitübergreifende Brisanz. Auf diese zentrale Problemstellung verwies bereits der Dichter Börries Freiherr von Münchhausen (1874−1945): „Im Mittelpunkt des Romans steht ein gewaltiges technisches Bauwerk, der Hindenburgdamm. Es handelt sich innerlich darum: Ist ein solches technisches Riesenwerk, das die Lebensbedingungen einer ganzen Landschaft völlig verändert, ein Segen oder ein Fluch? Der eigentliche Held des Buches ist Pastor Eschels aus Morsum, und er steht genau zwischen diesen beiden Polen: Er glaubt, dass der Damm ein Fluch und Untergang sein wird für die friesische Kultur des Dorfes, ja der Insel – aber er glaubt gleichzeitig doch an den Segen des Fortschritts, der Aufrüttelung seiner Landsleute.“
Seit dem Dammbau hat sich Sylt einschneidend verändert. Die leichte Erreichbarkeit förderte den Tourismus enorm. Die vielen von der Eisenbahn hierher transportierten Autos bringen der Insel im Sommer manchmal einen Verkehrsinfarkt. Das ursprüngliche Landschaftsbild wurde beeinträchtigt. Die Grundstückspreise sind so exorbitant hoch, dass so mancher Friese es sich heute nicht mehr leisten kann, auf der eigenen Insel zu leben.
Insofern waren die im Roman geschilderten Befürchtungen durchaus keine Hirngespinste. Deshalb auch wehrten sich die Föhrer und Amrumer einige Male gegen Dammbaupläne zu ihren Inseln – und blickten dabei sorgenvoll nach Sylt. Der friesische Autor Georg Quedens von der Insel Amrum schrieb: „Heute ist es müßig, darüber nachzugrübeln, ob Sylt ohne den Damm eine ‚Insel‘ im Sinne der Ruhe und der unzerstörten Natur geblieben wäre oder ob nicht das Militär … und die Bau- und Bodenspekulanten auch per Schiff nach Sylt gekommen wären.“
Margarete Boie problematisiert den Umgang mit dem „Fortschritt“. Diese Frage stellt sich allenthalben auch heute, zum Beispiel im Hinblick auf die Sprache. Das ursprüngliche Friesisch, das vor hundert Jahren so gut wie jeder sprach, ist trotz aller Bemühungen auf Sylt an den Rand gedrängt worden. Weltweit kämpfen Minderheiten um den Erhalt ihrer Kultur: die Sorben, die Bretonen und eben die Friesen …. Wenn sie aber nur die Bewahrung des Gestrigen im Sinne haben, sind sie zum Scheitern verurteilt. Sie müssen ihr Anliegen mit einem Sinn erfüllen, der in die Zukunft trägt.
An die Stelle von gemeinschaftlichen Sitten und Bräuchen ist die individualisierte Gesellschaft getreten. Das Tradierte ist schon lange nicht mehr selbstverständlich. Heute geht es um eine bewusste Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen muss. In der Art und Weise, wie er das tut, äußert sich seine unverwechselbare Identität. Von der Tochter des Morsumer Pastors gefragt, warum sie Dinge so und nicht anders tun, wussten die Inselbewohner in Margarete Boies Roman keine rechte Antwort. „Das war immer so.“ „Das haben wir immer so gehabt.“ Das aber reicht in der modernen Gesellschaft nicht. In ihrem Roman „Dammbau“ ist es der Schriftstellerin gelungen, den Widerstreit zwischen Tradition und Moderne in eine literarische Form zu gießen. Deshalb ist ihr Buch von zeitloser Bedeutung.

Unser Autor Thomas Steensen ist Direktor des Nordfriisk Instituut in Bredstedt und Honorarprofessor an der Europa-Universität Flensburg.







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