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90 Jahre Hindenburgdamm : Dammbau brachte Geldsegen

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

„Fast in jedem Haus wurde eine Kammer für die Arbeiter frei gemacht“, berichtete der Morsumer Zeitzeuge Boy Thiessen

shz.de von
erstellt am 19.Jun.2017 | 05:09 Uhr

Er gehörte zweifelsohne zu den besten Kennern seines Heimatdorfs: Der vor acht Jahren verstorbene Boy Thiessen, der im Laufe seines 88 Jahre währenden Lebens viele interessante Exponate zusammentrug. Sein besonderer Stolz galt dabei einem schwarzen Album mit vergilbten Fotografien und Ansichtskarten: 150 Bilder dokumentierten den Bau des Hindenburgdamms von den Anfängen bis zu seiner Vollendung. Hautnah hatte Thiessen mit erlebt, wie der Damm den östlichsten Inselort prägte.

Eine markante Veränderung erlebte Morsum bereits, als die ersten Pfähle der Spundwand ins Watt gerammt wurden: „Die mit dem Dammbau beschäftigten Arbeiter überschwemmten unser Dorf. Fast in jedem Haus wurde eine Kammer frei gemacht. ‚Einlogieren‘ nannten wir das damals. Auch meine Eltern boten zwei Männern Quartier – einem Arbeiter und einem Lokführer.“ Und so, erinnerte sich Thiessen, brachte der Dammbau für das ganze Dorf einen unerwarteten Geldsegen, „denn Geld, das konnte man zu jener Zeit besonders gut gebrauchen.“

Die Arbeiter fügten sich in die Dorfgemeinschaft recht nahtlos ein, nicht wenige heirateten später sogar in Morsum ein. Nur eines stand zwischen den Zugezogenen und den Dorfbewohnern – die Sprache. „Wir redeten damals ja nur friesisch und konnten das Hochdeutsche anfangs gar nicht verstehen. Ich erinnere mich noch an den Sohn eines Dammarbeiters, der in unsere Klasse kam. Er verstand uns nicht und umgekehrt. Da hatte er es erstmal in jeder Beziehung schwer.“

Nur schemenhaft entsann sich Boy Thiessen an den 1. Juni 1927, dem Datum der offiziellen Eröffnung des Hindenburgdamms. „Ich war damals beim Empfang am Morsumer Bahnhof dabei. Was genau geschah, weiß ich allerdings nicht mehr. Mir ist aber noch gut erinnerlich, dass viele Morsumer anfangs doch skeptisch waren: ‚Greift nicht in die Natur ein!‘, mahnten sie vergeblich.“ Dennoch gewöhnten sich die Menschen schnell an den Schienenstrang und die schnaufenden Dampfloks. „Als ich das erste Mal im Zug von Morsum nach Keitum zu meinen Großeltern fahren durfte, war das schon ein Erlebnis“, berichtete Boy Thiessen, der sich sogar noch einen Fahrpreis eingeprägt hatte: „80 Pfennig kostete die Fahrt von Morsum nach Westerland und zurück.“ Dennoch blieb es für die Morsumer mit Blick auf die Geldbörse meistens bei dem bewährten Verkehrsmittel: Den eigenen zwei Füßen.

Es dauerte lange, bis die Züge auch Sommerfrischler ins entlegene Morsum brachten: „Das keimte erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs langsam auf. In den ersten Jahren wurden zum Teil noch die alten Viehställe aufgemöbelt, um den Fremden ein Quartier zu bieten.“ Im Laufe der Jahrzehnte sind die Bahn und das Dorf nach Thiessens Ansicht aber „gut zusammen gewachsen“. Schließlich brachte der Nabelstrang zum Festland nicht wenigen Morsumern einen sicheren Job: „Sie gingen zur Wartungskolonne und kontrollierten als Streckengänger die Schienen zwischen Westerland und Klanxbüll.“

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