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Wieder auf Sylt : Cyrill: Vom Kulturschock schachmatt?

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Er schickte alle vier Wochen "Post aus Kanada": Der Westerländer Schüler Cyrill Engelmann (17), der ein Schuljahr in Cold Lake, Alberta, absolvierte. Seit Anfang Juli ist er zurück - und kämpft mit der deutschen Sprache sowie mit einem Kreuzbandriss.

Westerland | Er liegt im Bett, die Decke bis ans Kinn gezogen. Über Cyrill (17) an der Wand hängt eine Kanada-Flagge, drum herum Fotos seiner kanadischen Freunde, eine englischsprachige Liste mit angeblich deutschen Eigenschaften (Deutsche feiern kein Weihnachten, Deutschland ist so klein, dass dort jeder jeden kennt), die einzige Postkarte seines Gast-Heimatortes Cold Lake. "Das schlimmste am Wiederkommen ist der Kulturschock", grinst der Westerländer und richtet sich langsam im Bett auf.

Am 5. Juli landete er in Hamburg, empfangen von seiner Familie und acht Freunden mit einem riesigen Begrüßungsplakat: "Welcome back, Cyrill!" Es hängt auch an der Wand in seinem Zimmer, noch über der Flagge und den Fotos.

Am Montag, den 7. Juli, meldete er sich im Sylter Gymnasium zurück ("Da fiel mir als erstes auf, dass in den Klassen Kreidetafeln hängen. In Kanada sind es Smart Boards mit denen der Lehrer auch ins Internet gehen kann") und eine Woche später lag er unterm Messer: Es ist also nicht der Kulturschock, der ihn ins Bett zwingt, sondern der Kreuzbandriss.
Schlechtes Gesundheitssystem

Den holte Cyrill sich, wie er in seiner monatlichen "Post aus Kanada" schrieb, im Januar beim Fußball. Nun wurde er in Kiel operiert: "Der Arzt dort ist auch für die Handballer vom THW zuständig, hat solche OPs schon tausende Male gemacht." In Kanada hätte er auf die Operation auch ein halbes Jahr warten müssen ("Das Gesundheitssystem ist da nicht so toll") und der nächste gute Arzt wäre drei Autostunden entfernt in Edmonton gewesen. Dagegen ist es von Sylt nach Kiel ein Katzensprung.

"Allein die Provinz Alberta, in der Cold Lake liegt, ist fast doppelt so groß wie Deutschland, aber dort leben nur drei Millionen Menschen. Logisch, dass man da kein so enges Ärztenetz haben kann."
"Die Lockerheit und Spontanität wird fehlen"

Während er erzählt, verzieht Cyrill immer wieder das Gesicht, schiebt die Bettdecke über dem frisch operierten Knie vor und zurück: "Es tut richtig weh." Noch mehr habe ihn aber gestört, dass er schon seit Januar keinen Sport treiben kann. Kein Skifahren in den Rocky Mountains und das letzte Saisonspiel seiner kanadischen Fußballmannschaft verfolgte er von der Bank aus. "Außerdem wollte ich in diesem Sommer mit einem Kumpel Kiten lernen." Das alles ist nun mindestens noch acht Monate tabu. Fast so lange, wie er weg war. Eine Ewigkeit, wenn man auf etwas wartet, ein Wimpernschlag, wenn man so viel um die Ohren hat, wie der Sylter in Kanada: "Die Lockerheit und Spontanität der Leute da wird mir fehlen. In Deutschland wird viel mehr genörgelt und auf die Idee, nach der Schule mal eben spontan zum Quadfahren zu gehen, würde hier auch keiner kommen."
"In Kanada gab es meist nur Fertigessen"

Andererseits: Über das Empfangskomitee am Flughafen und über dass von seiner Mutter gekochte Begrüßungsessen habe er sich sehr gefreut: "In Kanada gab es meistens Fertigessen aus der Mikrowelle." Außerdem sorgte in seiner Gastfamilie jeder für sich allein: "In der ganzen Zeit saßen wir zweimal alle zusammen am Frühstückstisch, Weihnachten und Ostern."

Die Gastfamilie sei ein schwieriges Thema gewesen: In der ersten, die ihm die Organisation besorgt hatte, die eigentlich seinen Aufenthalt organisieren sollte, seien die Eltern drogensüchtige Waffenbesitzer gewesen. In der zweiten habe er zwar toll gewohnt und sich super mit seinem Gastbruder verstanden, "aber dessen Eltern haben sich kaum für mich interessiert." Eine Erfahrung, die ihn selbstständiger gemacht habe: "In Sachen Schule bin ich nur in Mathe und Physik weiter gekommen. Aber dafür habe ich gelernt, auf mich allein gestellt zu sein." Und natürlich ist sein Englisch jetzt fließend: "In meiner Highschool war noch eine deutsche Austauschschülerin, aber auch mit ihr habe ich nur Deutsch gesprochen, wenn die anderen nicht verstehen sollten, was wir sagen, zum Beispiel, wenn wir jemanden nicht mochten."

Dafür habe er jetzt Schwierigkeiten beim Deutschsprechen: "Wie heißt das, wenn man bevorzugt ist? Priviligisiert?"

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erstellt am 23.Jul.2008 | 09:19 Uhr

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