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Sylter Rundschau

22. August 2017 | 22:55 Uhr

Bücher!!!

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

„Herr Degen, ich sah Sie gestern mit einem Stapel Bücher unter dem Arm durch den Süden Westerlands schleichen und in einer der Mietskasernen dort verschwinden. Was war denn das? Gehen Sie jetzt hausieren?“
Dummes Zeug. Das nennt sich „Direktvermarktung“ und ist der Megatrend in der schillernden Welt der Warenwirtschaft. Du musst zum potentiellen Kunden gehen, ihm klarmachen, was er braucht und dann das aufflammende Verlangen gleich befriedigen.

„Sorry, aber das hört sich ja ein bisschen nach Rotlicht-Milieu an...“
Gut, strukturell gibt es da Ähnlichkeiten. Jehovas Zeugen, SPD-Wahlkämpfer und Zeitungsdrücker-Kolonnen arbeiten sehr erfolgreich mit dieser Methode. Meine Frau hatte mir diesen Tipp gegeben, als sie mich losschickte, um durch Direktverkauf an der Haustür meine Buchumsätze in die Höhe und mich auf diese Weise in die Spiegel-Bestsellerliste zu katapultieren.

„Aber Sie hatten mir doch mal erzählt, dass Ihre Bücher in der ‚Bäckerblume‘ und in der Mitgliederzeitung der ‚Blasenschwäche-Selbsthilfegruppen‘ freundliche Erwähnungen fanden. Reichte das denn nicht für den Durchbruch?“
Leider nicht. Ich habe zwei Paletten unverkaufter Schmöker in meinem Wohnzimmer stehen. Dadurch ist die Sicht auf meinen Fernseher stark eingeschränkt. Und neulich hatten wir Besuch von so einem Staubsauger-Vertreter. Der hat uns vollgesabbelt von seinem „Teleskop-Saugrohr“, von seiner „Duo-Düse“ und seiner „elektronischen Kabelaufwicklung“. Meine Frau war hellbegeistert und verlangt nun von mir, dass ich als Drücker endlich mal meine Staubfänger unter die Leute bringe.

„Und wie fühlt sich das an, wenn man da steht und klingelt und die Tür geht knarzend auf und dann steht da...“
.. dann steht da so ein Typ in Unterhemd und mit Hosenträgern, rotgesoffenen Augen und beige-braunkarierten Pantoffeln. Ich sage ihm, ich will nicht nur Bücher verkaufen, sondern ich hätte quasi eine eine Botschaft für ihn, Kultur, andere Wertewelten, was zum Staunen, mal nix zum Saufen und Fressen. Der Typ blafft mich an: „Ich brauch' dein Buch nich, du Sektenfuzzi, ich hab' schon eins. Verroll' dich und hier ... nimm' mal gleich den Müll mit runter!“ Dann knallt er die Tür zu, stanzt mir die Brille dadurch ins Gesicht und ich stehe mit seiner Mülltüte da.

„Aber ist das nicht frustrierend, nach solch einer Begegnung unverrichteter Dinge wieder von dannen zu ziehen - gerade in der Vorweihnachtszeit?“
Nicht immer. Am besten flutscht das ja bei alleinstehenden Damen. Die rücken auch schon mal dichter ran beim Klappentext-Lesen auf dem Sofa und wenn man sich mit seiner Brille in ihrem String-Tanga verheddert hat, dann wird viel gejuchzt und gelacht und sie kaufen zwei, drei meiner Schmonzetten. So habe ich letztes Jahr sogar das Geld für einen kleinen Tannenbaum zusammen gekriegt.

„Aber Sie könnten doch auch Appartement putzen gehen. Da bleibt doch sicher mehr hängen?“
Ein Buch ist ein Buch! Alleine vom Dekorativen her, so'n Haufen Bücher an der Wand machen die Wohnhöhle doch gemütlicher und man selbst sieht schlauer aus. Kommt auch besser rüber als 'n Flur voller Plastiktüten mit Pfandflaschen. Und für den Autoren wächst dabei ja manchmal ordentlich was rüber: Die Harry-Potter-Tante Rowling zum Beispiel, die hat ihren ersten Zauberschinken in der Londoner U-Bahn zusammengeschrieben. Und jetzt besitzt sie mehr Kohle als die Königin. Oder der Mankell. Hat seine permanent schlechte Laune zu banalen Krimis verwurstet und ist steinreich geworden, obwohl er in Schweden 120 % Steuern zahlen musste. Ach ja, wollten Sie nicht auch ein Buch? Ich schreib' Ihnen auch vorne was rein...


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von
erstellt am 21.Dez.2016 | 12:11 Uhr

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