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Gastbeitrag : „Bitte keinen Zuckerguss auf Hässlichkeiten“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Der Sylter Autor Lothar Koch schreibt anlässlich der neuen Werke von Fotograf Hans Jessel ein Plädoyer gegen die Urbanisierung der Sylter Landschaften.

shz.de von
erstellt am 12.Okt.2013 | 14:00 Uhr

Wer auf Sylt mit offenen Augen spazieren geht, weiß, dass die hiesige Naturlandschaft eine so intensive Strahlkraft birgt, dass sie keinerlei Artefakte bedarf, um einen tiefen Eindruck in Auge und Seele des Betrachters zu hinterlassen. Gerade Hans Jessel hat uns das in der Vergangenheit mit seinen makellosen Landschaftsfotografien immer wieder gezeigt. Viele seiner Bilder kommen ohne einen Menschen oder eine zivilisatorische Spur aus, auf manchen setzen Naturmaterialien wie Holz und Reet Akzente. Deshalb faszinieren seine Aufnahmen. Sie sind begehrte Botschafter von Sylt und unser für kommende Generationen zu bewahrendes Weltnaturerbe.

Die Kunst, auf Sylt um Sendemasten, Baukräne,Toilettenhäuschen, Werbetafeln, Fahnenmasten, Verbotsschilder, Stromkästen,Reifenspuren drum herum zu fotografieren scheint nun auch beim Profifotografen immer mehr an ihre Grenzen zu stoßen. Das schockt jeden Syltliebhaber und sollte besonders Sylter Marketingexperten und vor allem Kommunalpolitiker und Behörden, die Eingriffe in Natur und Landschaft genehmigen, beziehungsweise verhindern sollen, schwer zu denken geben!

Viele Sylter, die tagtäglich über die Insel fahren, haben sich an diese „Kleinigkeiten“ offenbar längst gewöhnt, die dem Fotografen das Natur-pur-Bild vermasseln. Genau dieses Landschaftsbild ist es aber, welches wir Syltliebhaber - egal ob hier zu Hause, zugereist oder auf Urlaub, gerne weiterhin „einatmen“ möchten. Gerade das macht unbewusst einen Großteil unserer Lebensqualität aus und lässt viele, trotz steigender Preise und ausblutender Dörfer, an diesem privilegierten Lebensort festhalten.

Leider gilt das nicht für alle: Immer wieder werden urbane Installationen ohne nennenswerten Protest der Sylter in die Landschaft gestellt (zum Beispiel Sendemasten), oder Planung realisiert, die hässliche „Wunden“ in die natürliche Landschaftsästhetik schlagen.

Hans Jessel dokumentiert das in seiner neusten Ausstellung künstlerisch gewohnt perfekt und fast schon wieder zu schön. Als ästhetischer Fotograf kann er wohl nicht anders, als selbst aus der größten Hässlichkeit noch ein Kunstwerk zu machen . Als Künstler, der wie kein anderer mit der Sylter Landschaft verbunden ist, scheint ihm nur die „Flucht nach vorn“ zu bleiben, um seinen Zorn ob der meist schleichenden und manchmal auch schreienden Landschaftsverschandelung zu verarbeiten.

Wollen er und die Professorin für Landschaftsplanung, Hille von Seggern, mit der Ausstellung gegen Eingriffe in die Inselnatur protestieren, oder andeuten, dass urbane Einflüsse in Sylts Naturlandschaft interessant, reizvoll, eventuell sogar faszinierend und damit als „erlaubt“ gelten könnten? Da würde ich mir eine klarere Aussage wünschen.

Ich bin für ein eindeutiges „Nein“ hinsichtlich der Frage, ob man in Sylter Landschaft Elemente der Urbanisierung tolerieren soll; - Auch nicht im Namen von Kunst und Wissenschaft.

Wer Industrieromantik wohlwollend bewundern oder künstlerisch verarbeiten will, oder mit akademischer Forschungsabsicht urbane Landschaft studieren möchte, findet im Ruhrgebiet oder im flurbereinigten Restdeutschland ausreichend Anregung. Unsere ursprüngliche Natur braucht keine Land-Art , um Aufmerksamkeit zu erregen. Ich finde, pure Sylt-Natur ist Kunstwerk genug - deshalb bitte keinen „Zuckerguss“ auf Hässlichkeiten giessen und weiterhin für Null Akzeptanz gegenüber Landschaftsverschandelung eintreten!

Schon seit 1920 setzten sich Künstler und Wissenschaftler aktiv gegen eine schleichende Urbanisierung der ursprünglichen Naturlandschaft ein – so entstanden hier die ersten Naturschutzgebiete Deutschlands, von denen wir heute noch profitieren. Deutschland hat nur noch wenig Prozent natürliche Fläche, geschweige denn Wildnis, zu bieten. Die paar Quadratkilometer, die auf und um diese Insel existieren und für die wir verantwortlich sein dürfen, sollen mit größter Aufmerksamkeit vor Urbanisierung geschützt werden! Hans Jessel hat sich mit seinen Bildern immer dafür stark gemacht – ich wünsche ihm die Kraft, das auch weiter ganz konsequent zu tun.

Trutz, Blanker Hans!

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