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Alleinreisende : Beziehungstatus ist hier Nebensache

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Sylter Single-Hotels sind bei ihren allein reisenden Gästen beliebt - um neue Leute kennen zu lernen, aber gar nicht unbedingt neue Partner

shz.de von
erstellt am 18.Mai.2013 | 08:20 Uhr

Westerland | Weniger Geld bezahlen, mit Leuten ins Gespräch kommen, die familiäre Atmosphäre genießen - es gibt für die Gäste viele Gründe, um in den beiden Sylter Single-Hotels abzusteigen. Einer wird allerdings nie genannt: Einen neuen Lebenspartner kennen zu lernen.

Carmen Bauer hat eine 400-Kilometer lange Radtour von Hamburg nach Sylt hinter sich. Auf dem Weg hat die 55-Jährige erfahren, was es heißt, als Single in Hotels zu übernachten. "Als Einzelperson wird man oft abgezockt. Man wird praktisch bestraft dafür, dass man alleine reist, es gibt meist nur Zimmer für zwei, für die man dann den vollen Preis bezahlen muss. Dann wird man beim Frühstück an den Katzentisch gesetzt und die ganzen Paare gucken mitleidig herüber", erzählt Carmen Bauer. Als die Berliner Ärztin dann auf Sylt ankam, entdeckte sie zufällig das Schild "Singlehotel Diana" in der Elisabethstraße. "Das traf genau den Nerv. Wenn ich alleine reise brauche ich kein luxuriöses Doppelzimmer", erklärt Carmen Bauer. "Außerdem fühle ich mich hier sauwohl. Die Atmosphäre ist sehr herzlich und man findet immer jemanden zum reden, wenn man danach sucht."

Carmen Bauer sitzt zusammen mit Eva Keller an einem Tisch im Frühstücksraum des Hotels Diana. Die Gäste plaudern hier lautstark über ihre Tagespläne. "Das Tolle, wenn man hier hereinkommt, ist die Geräuschkulisse - in klassischen Hotels ist es beim Frühstück immer ganz still, hier reden die Leute die ganze Zeit", erzählt Jali Schneider. Die 51-Jährige ist die rechte Hand von Hotelbesitzerin Anja Hansen. "Vor allem wenn die Rheinländer da sind - dann geht die Luzi ab", ergänzt sie lachend. Die Frauen aus dem Rheinland seien auch die Einzigen, die im Haus Diana die Männer vermissen würden. Gut 80 Prozent aller Gäste seien weiblich und die meisten zwischen 40 und 80 Jahren alt. "Frauen sind eben einfach mutiger, wenn es darum geht, alleine zu reisen, außerdem sind viele der Damen, die hierher kommen auch Witwen. Oft sterben die Männer ja zuerst", sagt Jali Schneider.

Die Tischnachbarin von Carmen Bauer, Eva Keller, ist schon zum dritten Mal im Single-Hotel zu Gast. "Ich hab etwas gesucht, wo auch Alleinreisende hinkönnen. Und die Einzelzimmer sind ja sonst so schnell ausgebucht", erzählt die 74-Jährige. Außerdem habe sie hier das Gefühl, jeden ansprechen zu können - "ohne dass das gleich einen komischen Beigeschmack hätte." In anderen Hotels fühle sie sich oft wie ein Eindringling, wenn sie andere Paare anspreche.Dabei ist Eva Keller gar kein Single. Sie und ihr Mann haben einfach nur unterschiedliche Vorstellungen von einem gelungenen Urlaub. "Ihm ist der Norden zu kühl, mir ist der Süden zu heiß. Deshalb machen wir getrennt Urlaub."

Ob jemand Single ist und warum jemand alleine reist, darüber denkt Jali Schneider im Alltag gar nicht nach. Das war nur einmal anders, als eine Single-Agentur mit einer ganzen Busladung voller Alleinstehender anreiste. "Da habe ich schon überlegt, warum einige alleine sind. Zum Beispiel bei einer Dame, die jeden Tag von oben bis unten knallrosa gekleidet aus ihrem Zimmer kam."

Eine Liebesgeschichte hat sie im Hotel Diana aber auch schon erlebt. "Das war bei einem Motorrad-Treffen. Einer der Biker und eine Witwe, beide über 50, haben sich beim Rauchen auf der Terrasse kennen gelernt. Als ich ein Foto von ihnen gemacht habe, hat sie ihren Kopf auf seine Schulter gelegt und nachher erzählte sie mir, sie habe Schmetterlinge im Bauch." Jetzt leben die beiden zusammen - gegen den Widerstand des kompletten Dorfes und der Tochter der Witwe. "Die kamen einfach damit nicht klar, dass eine OP-Schwester mit einem Biker zusammen ist."

In einem anderen Single-Hotel sitzt Christine Roggenkamp zusammen mit dem Inhaber Holger Drath am Frühstückstisch. Es ist schon 11 Uhr, aber in der Single-Pension Kirchner am Westerländer Trift gibt es bis Mittags Frühstück. "Schließlich sollen sich die Gäste nicht gezwungen fühlen, im Urlaub früh aufzustehen", erklärt Holger Drath. Überhaupt ist es für ihn ganz wichtig, dass die Singles wirklich nur das machen, wozu sie Lust haben. "Wir sind hier keine Kontaktbörse. Am Anfang haben das einige männliche Gäste gedacht, aber hier soll sich jeder entspannen können und die ständige Suche nach einem Partner strengt ja auch an." Mit einer Sofaecke, bunten Kissen und einem Foto von Gästen an der Wand ähnelt die Einrichtung des Frühstücksraums einem gemütlichen Wohnzimmer. Christine Roggenkamp kommt seit elf Jahren hierher. Wie auch den Gästen des Hotels Diana geht es der 45-jährigen Mannheimerin darum, nicht den hohen Preis für ein Doppelzimmer bezahlen zu müssen. Und sie hat sich gleich beim ersten Besuch wie zu Hause gefühlt. "Wenn man will, findet man schnell Anschluss", sagt die Fremdsprachensekretärin. Mittlerweile verabredet sie sich mit Freunden, die sie in der Pension kennen gelernt hat, schon zum Urlaub und morgens beim Frühstück kommt sie schnell mit den anderen Gästen ins Gespräch. "Natürlich gibt es auch diejenigen, die für sich bleiben wollen, aber das ist dann ja auch kein Problem."

Wer allerdings Lust dazu hat, der kann in der Pension Kirchner an Wanderungen teilnehmen. Das käme bei den Gästen sehr gut an. "Wir fahren dann zum Beispiel zum Ellenbogen, wo die Leute sonst nicht so oft hinkommen und gleichzeitig kommen die Gäste miteinander ins Gespräch."

Die Pension Kirchner gibt es seit den 60er Jahren. "Hier gab es schon immer überwiegend Einzelzimmer. Und weil ich schon oft davon gehört habe, dass die hier auf der Insel nachgefragt sind, habe ich kurzerhand eine Single-Pension daraus gemacht", erklärt der gebürtige Sylter, der 1999 die Pension übernommen hat. Das Single-Hotel Diana führt Anja Hansen in zweiter Generation. 1996 hat sie das Haus von ihren Eltern übernommen. "Mein Vater war Taxifahrer und wurde immer wieder gefragt, wo es auf der Insel Einzelzimmer gibt. Da hatte er dann die Idee, ein Haus mit überwiegend Einzelzimmern zu bauen - er hat quasi auf die Nachfrage reagiert."

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