Kirche auf Sylt : Besser gemeinsam statt einsam

Pastorin Susanne Zingel (Mitte) hilft beim Servieren und informiert über das Gemeindeleben.
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Pastorin Susanne Zingel (Mitte) hilft beim Servieren und informiert über das Gemeindeleben.

Immer mittwochs lädt die Keitumer Kirchengemeinde Senioren und Alleinstehende zum Mittagessen ins Pastorat ein

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05. Februar 2018, 04:23 Uhr

Zunächst gibt mir Willy Borstelmann, der frühere Kirchenmusiker an St. Severin in Keitum, bei der Begrüßung ein Rätsel auf. „Ich mache nicht nur Musik, sondern ich esse auch!“ Was soll das denn? Dann aber klärt er mich auf und verweist auf die gediegen und liebevoll gedeckten Tische im Saal des Pastorats der Kirchengemeinde.

Am Mittwoch um zwölf Uhr findet hier jeweils ein Gemeindemittagessen statt. Die Küche des nahe gelegenen AWO-Erholungsheimes für Mütter mit Kindern bereitet dazu ein (in der Regel) dreigängiges Menu vor, das dann in der Küche des Gemeindezentrums portioniert und anschließend von tatkräftigen Helfern aus der Gemeinde serviert wird.

Hiltrud Barthelmes, Hauswirtschafterin der Gemeinde und „die gute Seele des Ganzen“, sorgt nicht nur für den Transport der immer frisch zubereiteten Gerichte, sondern hält auch mit viel Geschick sämtliche Fäden in der Hand. Das geht von der Begrüßung über das Verteilen von Liederzetteln bis hin zum Erkunden der Essenswünsche für die nächsten Zusammenkünfte. Und am Schluss lässt sie jeweils ein Körbchen zirkulieren, um die obligatorischen fünf Euro zur Kostendeckung einzusammeln.

An diesem Mittwoch stehen Steckrüben mit Kochwurst auf dem Speisezettel. In den Wochen davor kamen Entenkeule, Grünkohl oder auch schon mal ein deftiges Eintopfgericht auf den Tisch. „Die Köche der AWO sind sehr entgegenkommend,“ weiß Hiltrud Barthelmes zu erzählen. „Sie fragen mich immer, ob wir nicht auf dieses oder jenes Gericht Appetit hätten. Unseren Wünschen gegenüber, auch ganz speziellen, zeigen sie sich immer offen.“

Barthelmes zur Seite stehen an diesem Tag Erika Henningsen und Adelheid Luber. Sie decken die Tische, portionieren, servieren und sorgen schließlich auch für den Abwasch. „Das Essen ist gut,“ bestätigen beide Damen wie aus einem Munde. Besonders gefällt ihnen, dass diese Gemeinde-Initiative im Dorf auf so gute Resonanz gestoßen ist.

„Mal finden sich weit über 20 Teilnehmer ein. Kommen noch mehr, bauen wir einfach an. Ausfallen lassen mussten wir die Essensrunde noch nie, aber anmelden sollte man sich schon.“

Der Blick über die Tische zeigt, dass die Gäste sich wohl fühlen. „Viele von uns sind alleinstehend. Sie säßen an diesem Mittag nur für sich zu Hause in ihren vier Wänden,“ wissen die beiden Damen zu erzählen. „Hier aber,“ so ergänzt Adelheid Luber, „setzt man sich an den gedeckten Tisch, isst in Gemeinschaft und kommt immer zu einem kleinen Schnack.“

Zwischen Hauptgang und Nachtisch kommt Musiker Willy Borstelmann zum Einsatz. Er sorgt regelmäßig für Liederblätter und begleitet den Gesang aller durch sein Spiel am Flügel. Simon Dachs „Ännchen von Tharau“ sowie Schuberts „Am Brunnen vor dem Tore“ kommen diesmal zum Einsatz. Und wie immer singen alle kräftig mit.

Bis zum Nachtisch – an diesem Tag ein schmackhafter Pudding – weiß Pastorin Susanne Zingel, die zuvor bereits kräftig beim Servieren half, die Zeit geschickt zu überbrücken. Sie erzählt der Runde von der Chorfahrt zum Holocaust-Gedenkkonzert nach Hannover und teilt Informationen aus der Gemeinde mit. Sie freut sich auf das nächste Gemeindeessen, das – urlaubsbedingt – erst am 21. Februar stattfindet. „Dazu sind uns natürlich weitere Dorfbewohner und auch Gäste immer herzlich willkommen!“

Welch eine vorbildliche Einrichtung dieser Kirchengemeinde, die keineswegs als Konkurrenz zur Sylter Gastronomie zu verstehen ist. Hier sitzt eine Kirchengemeinde zu Tisch, die Gemeinschaft pflegt, redet und sich auch zu helfen weiß. Man musste nur die Ohren spitzen oder wachen Blickes in die Runde sehen, um Bestätigung dafür zu finden.

„Holst du mich beim nächsten Mal auch wieder ab?“ fragt jemand, während eine Dame ihren Nachbarn bittet: „Schneidest Du mir mal die Wurst klein, ich schaffe das alleine nicht.“

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