Nach der Bürgermeisterwahl auf Sylt : „Besonnen schlägt schillernd“

Alle wollten schnell sein: Das Medieninteresse am Wahlausgang war wie erwartet sehr groß - der NDR und andere berichteten live. Fotos: Michael MaGulski
Foto:
1 von 3
Alle wollten schnell sein: Das Medieninteresse am Wahlausgang war wie erwartet sehr groß - der NDR und andere berichteten live.

Die bundesweite Medienresonanz auf die Niederlage von Gabriele Pauli und den Sieg von Nikolas Häckel bei der Sylter Bürgermeister-Wahl

shz.de von
13. Januar 2015, 06:00 Uhr

Bereits kurz nach Bekanngabe des Sylter Wahlergebnisses meldeten die elektronischen Medien die Nachricht von Niederlage und Sieg bei der Bürgermeisterwahl und viele Zeitungen veröffentlichen auf ihren Onlineseiten die ersten Berichte und Kommentare.

Die Süddeutsche Zeitung aus München, die den gesamten Wahlkampf auf Sylt beständig mit Interesse verfolgt hat, schrieb: „Noch bevor das endgültige Ergebnis auf der großen Informations-Leinwand erschien, war klar, dass die Polit-Prominente und frühere CSU-Rebellin Pauli gegen den eher unbekannten Kronshagener Bauamtsleiter Nikolas Häckel, 40, keine Chance hatte. Und als Häckel schließlich den Applaus des Siegers empfing und die Kameralichter auf ihn fielen, war Gabriele Pauli sofort da. Sie gratulierte, und über das Saalmikrofon rief sie den Syltern zu: „Sie haben einen guten Bürgermeister gewählt.“

Die Zeitung glaubt, „besonnen schlägt schillernd“ und schreibt weiter: „Es ist ein klares Ergebnis für den nicht sehr schillernden Häckel geworden. Mit 55,0 zu 45,0 Prozent der Wählerstimmen bei einer Wahlbeteiligung von 52,2 Prozent und 12749 Wahlberechtigten gewann er. Und man hat nach der Wahl gar nicht so genau gewusst, ob das nun eine Überraschung war oder eher doch keine. Natürlich, Gabriele Pauli hatte die Medien auf ihrer Seite. Ihre Prominenz verhalf ihr zu einer PR, die keiner der ursprünglich sechs Kandidaten aufbringen konnte.

Andererseits vermissten die Sylter bei Gabriele Pauli vielleicht auch manchmal jene Sachlichkeit, die es braucht, um die Probleme auf Deutschlands berühmtester Ferieninsel anzupacken. Viele Sylter fühlen sich auf ihrer eigenen Insel zusehends an den Rand gedrängt. Die Raumnot ist groß, die Preise sind hoch, die Geburtshilfestation gibt es nicht mehr, viele ziehen weg.

Gabriele Pauli fragte fleißig die Sorgen der Sylter ab, sie war gut informiert und brachte rührige Ideen ein wie eine Stiftung für eine neue Geburtshilfestation. Aber sie erlaubte sich auch ein paar Momente, die auf manche Einheimische etwas zu schillernd gewirkt haben könnten. Sie regte zum Beispiel eine Prämie von 5000 Euro an für Insulaner, die ein Kind zur Welt bringen. (...)

Nikolas Häckel, den SPD und Sylter Wählergemeinschaft im Wahlkampf unterstützten, steht für die Nüchternheit eines tätigen Gemeindedieners. Mutig verwaltete die parteilose Pauli in den vergangenen Wochen Ideen, die sie als hauptamtliche Bürgermeisterin ohne Stimme in der Gemeindevertretung gar nicht selbst hätte durchsetzen können. Sie präsentierte neue Sylter Nummernschilder und tanzte an Silvester mit Flüchtlingen.

Häckel hingegen blieb ruhig und fast demonstrativ besonnen. ’Ich habe nicht geträumt, wie andere Kandidaten geträumt haben’, sagte er nach seinem Sieg, ’ich habe versucht Realpolitik zu machen, die Themen anzusprechen, die an uns herangetragen werden.“

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schaute auch zuerst auf die Verliererin: „Durch die Kandidatur der schillernden Pauli, die den Syltern unter anderem ein eigenes Autokennzeichen im Wahlkampf versprochen hatte, fand die Wahl auf der Insel besonderes überregionales Interesse. So wurde der Wahlabend wegen der stark präsenten Medien nicht im Rathaus, sondern im Westerländer Kongresszentrum organisiert. Häckel, der auf Sylt geboren wurde und bis heute dort wohnt, allerdings in Kronshagen bei Kiel arbeitet, wurde von der SPD, dem Südschleswigschen Wählerverband und einer Sylter Wählergemeinschaft unterstützt. Er setzte auf einen unaufgeregten Wahlkampf: ‚Ich bin ich.‘ Den Wahlkampf mit seiner prominenten Mitbewerberin nannte er skurril. Sein Ziel sei es, sagte er, das ‚insulare Denken‘ zu befördern. Dafür bedürfe es vor allem einer schlagkräftigen Verwaltung.“

Die Bild-Zeitung titelte: „Bittere Niederlage für die ’Rote Rebellin’! Den Kampf um den Bürgermeister-Posten der Gemeinde Sylt hat Gabriele Pauli (57) verloren! Damit steht fest: Häckel zieht am 1. Mai ins Westerländer Rathaus ein, übernimmt den Job von Petra Reiber (57), die ihr Amt nach 24 Jahren aufgibt.

Für Pauli eine riesige Enttäuschung – so viel Mühe hatte die Bayerin in ihren Plan investiert, Bürgermeisterin zu werden. Zog vor einem Dreivierteljahr von München auf die Insel, nahm sich als Beraterin eine ortskundige Mitarbeiterin und tingelte auf Stimmenfang zu jedem Dorffest und Gemeindemarkt.

Wie kein anderer Kandidat sorgte Pauli mit ihrem Wahlprogramm für Diskussionsstoff, forderte 5  000 Euro Begrüßungsgeld für jedes Sylter Baby, ein Anheben der Zweitwohnsitzsteuer, ein eigenes Sylt-Kennzeichen.

Und trotzdem siegte am Ende der eher unscheinbare Häckel, der seit elf Jahren das Bauamt der Gemeinde Kronshagen bei Kiel leitet, nebenbei an der Fachhochschule unterrichtet und Fitnesskurse gibt.

Vielleicht, weil den Syltern der Rummel um Frau Pauli am Ende doch zu bunt geworden ist.“

Auch das Magazin Stern, das erst kürzlich einen mehrseitigen Bericht über Gabriele Pauli und ihren Sylter Wahlkampf veröffentlich hatte, reagierte prompt auf das Wahlergebnis: „Die ehemalige Fürther Landrätin und einstige ‚CSU-Rebellin‘ Gabriele Pauli hat die Bürgermeisterwahl auf der Nordseeinsel Sylt überraschend deutlich verloren. (...)

Bei einer öffentlichen Vorstellung aller Kandidaten im November hatte sich die promovierte Politologin Pauli betont sachlich präsentiert und sich unter anderem gegen Schulschließungen und für mehr Wintertourismus ausgesprochen. Später machte sie mit einer Geburtenprämie von 5000 Euro von sich reden, brachte eine Stiftung zur Wiedererrichtung der vor einem Jahr geschlossenen Geburtshilfestation ins Gespräch. Wahlsieger Häckel dagegen hatte sich gegen ein ‚Babykopfgeld‘ ausgesprochen, das er als nicht nachhaltig bewertete.“

Auf den Glamourfaktor der Kandidatin steigt auch die Tageszeitung Die Welt ein, wenn sie schreibt: „Grau gegen Glamour, ein höchst ungleiches Duell zwischen den Dünen. Fifty-fifty seien die Chancen, hatte es zuletzt geheißen, wobei die meisten dennoch darauf gesetzt hatten, dass ‚die Pauli‘ am Ende das Rennen macht.

(...) Am Ende, als alle neun Wahlbezirke ausgezählt sind, sind es 55 Prozent, die für den 40-Jährigen gestimmt haben. Auf Gabriele Pauli entfallen 45 Prozent der Stimmen. Eine klare Entscheidung, für die gut die Hälfte der rund 12    000 Sylter Wahlberechtigten gesorgt hat. Der Rest hatte sein Wahlrecht nicht wahrgenommen.

Dennoch: Über die Ursachen des in dieser Deutlichkeit überraschenden Ergebnisses der Stichwahl dürfte auf Sylt in den kommenden Tagen noch viel diskutiert werden.

In den vergangenen Tagen war auch klar geworden, dass die große Medienpräsenz der früheren Fürther Landrätin nicht jedem auf der Insel geheuer war. Ein Foto, das die beiden Spitzenkandidaten beim Shakehands zeigte und bei dem Pauli medienbewusst in die Kameras lächelte und ihren Kontrahenten zu ignorieren schien, sorgte ebenso für Debatten wie eine Reihe recht populistisch anmutender Wahlkampfversprechen der ehemaligen Stoiber-Konkurrentin. Man wusste auf Sylt bei Öffnung der Wahllokale an diesem Sonntag also wirklich noch nicht so recht, wem der Wähler am Ende die Inselverwaltung für die kommenden sechs Jahre anvertrauen würde.

Mit Häckels unerwartet klarem Sieg geht eine kommunale Direktwahl zu Ende, die wie keine zweite vor ihr Schlagzeilen gemacht hatte. Spätestens seitdem die frühere CSU-Politikerin Pauli im September endgültig ihre Kandidatur verkündet hatte, war das Rennen um das Westerländer Rathaus bundesweit ein Medienthema. Und auch auf der Insel selbst waren Aufregung und Spannung deutlich größer als bei zurückliegenden Wahlen.“

Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) war live bei der Auszählung der Stimmen dabei und berichtete in seinem Schleswig-Holstein Magazin direkt aus dem Congress Centrum Sylt (CCS). Auf der Onlineseite des Senders liest man: „Sylter sagen Nein zu Pauli – (...) Ihr Gegenkandidat ist etwas später ins Kongresszentrum gekommen. Er will sich nicht an den Journalisten vorbei in den Saal zwängen und dort einen Sitzplatz suchen. Er bleibt draußen in der Eingangshalle und schaut sich mit anderen Syltern, die keinen Sitzplatz bekommen haben, im Stehen die Ergebnisse auf einem kleinen Monitor an, der an der Decke hängt. Nachdem die ersten Wahllokale die Ergebnisse gemeldet haben, schütteln ihm einige Zuschauer die Hand. Sie freuen sich mit ihm. Andere reagieren erleichtert. ‚Zum Glück!‘, hört man aus der Menge. ‚Gott sei Dank.‘ Einige Sylter trauen ihm den Job nicht zu, wollen aber gleichzeitig Pauli als Bürgermeisterin verhindern. Hinter vorgehaltener Hand sagt eine Frau, dass Häckel ‚das geringere Übel‘ sei.

Und auch die Tagesthemen melden am späteren Sonntagabend den Wahlausgang. Da ist der Sylter Wahltag fast rum – und eine Wahl, die man so schnell nicht vergessenwird.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen