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Reformation auf Sylt : „Beide Kirchen gehören zusammen“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Am Reformationstag feiern Sylts Katholiken und Protestanten einen großen gemeinsamen Gottesdienst.

shz.de von
erstellt am 28.Okt.2017 | 05:16 Uhr

Am kommenden Dienstag wird weltweit der Reformationstag gefeiert. Vorangegangen war das Lutherjahr, in dem in Kirchen, Zeitungsserien, Sonderausstellungen und Festakten an Martin Luther erinnert wurde, der 1517 mit seinen 95 Thesen gegen den Ablasshandel den Protestantismus in Deutschland einleitete– und auch das kirchliche Leben auf Sylt entscheidend veränderte.

Für die Sylter Pastoren beider Konfessionen ist es ein besonderer Tag, den sie gemeinsam begehen wollen. „Das Reformationsgedenken soll ökumenisch gefeiert werden“, betont Ingo Pohl, Pastor an St. Severin. „Es war für beide Kirchen ein wichtiger Einschnitt – heute wollen wir aber gemeinsam auf das schauen was uns eint – und nicht auf das, was uns trennt.“


Im Himmel gibt es keine Abteilungen


In dem Gottesdienst, der am Dienstag um 11 Uhr in Westerlands Stadtkirche St. Nicolai gefeiert wird, soll aufeinander zugegangen werden (siehe Infokasten unten). „Es ist ein gemeinsames Christus-Fest“, sagt auch Schwester Francisca von den Steyler Missionarinnen, „denn das Ziel beider Kirchen ist es, näher zu Christus zu kommen – und außerdem gibt es im Himmel eh keine Abteilungen.“

Auch Schwester Francisca sagt, dass Anfang des 16. Jahrhunderts eine Reform der Kirche nötig war. „Luther wollte eine Reform, die auch wichtig war. Er zielte allerdings nicht auf die Spaltung der Kirche ab“, sagt sie. Im Laufe der Jahrhunderte hätten sich beide Kirchen allerdings immer weiter auseinanderentwickelt. „Und wir versuchen jetzt mühsam, wieder zueinander zu finden.“ Doch im Kern seien die Kirchen gar nicht so unterschiedlich: „Es geht darum, dass wir näher zu Christus kommen. Und da sind sich beide Kirchen sehr einig“, so Schwester Francisca.

Gleicher Meinung ist auch der katholische Pastor Noel Hendrik Klentze: „In der Außenwirkung wird zwischen katholisch und evangelisch oft nicht mehr unterschieden. Uns trennen eher formale Fragen und nicht große theologische Probleme“, sagt er. Für ihn sei der kommende Dienstag daher ein wichtiger Tag, „weil die Reformation notwendig war.“ Er sei eine Erinnerung daran, dass damals viel passieren musste. „Aber er ist auch eine Erinnerung daran, dass wir zusammengehören – und dass es da auch wieder hingehen kann.“


Wie Sylt reformiert wurde


Durch Martin Luther hat sich nach 1517 auch das kirchliche Leben auf Sylt entscheidend verändert. „Es muss eine ungeheuer spannende Zeit gewesen sein, sowohl auf der Insel als auch an der ganzen Westküste“, sagt Christoph Bornemann, Pastor der evangelischen Kirche in Westerland. Die Reformation sei hier innerhalb eines Zeitraumes von etwa 20 Jahren durchgesetzt worden, „von 1522 bis 1542, das ist schriftlich belegt“, so der Pastor. 1522 habe Hermann Tast, ein theologischer Autodidakt, eine erste lutherische Predigt in Husum gehalten. „In diesen Jahren hat es in etlichen Orten an der Westküste immer mehr evangelische Prediger gegeben, meist Studenten aus Nordfriesland, die in Wittenberg Theologie studiert hatten und sich dort von der Lehre Luthers begeistern und anstecken ließen“, sagt Bornemann. „Es ist sicherlich sehr aufregend gewesen, als in die alten Gemeinden, die natürlich katholische geprägt waren, auf einmal Leute kamen, die ganz neue Lehren verbreiteten und von einem ehemaligen Mönch erzählten, der ganz anders predigte als die Kirchenmänner dieser Zeit.“


Mit Glückwünschen von Martin Luther


Auf Sylt habe es damals drei Kirchen gegeben: St. Severin in Keitum, St. Martin in Morsum und eine Kirche in Eidum – dem historischen Ort an der Westküste, der 1634 bei einer verheerenden Sturmflut unterging. Bis 1526 wurde in allen größeren Orten an der Westküste evangelisch und katholisch gepredigt. „Es war ein nebeneinander, auch in den Kirchen“, berichtet der Westerländer Pastor. Wichtig in diesem Kontext sei allerdings auch die politische Situation in dieser Zeit: Die Herzogtümer Schleswig und Holstein waren mit dem Dänischen Reich verbunden und der Herzog war der dänische Prinz Christian. 1521 traf dieser auf dem Wormser Reichstag auf Martin Luther: „Prinz Christian war gerade erst 18 Jahre alt und sehr beeindruckt von Luther und seiner Lehre“, erzählt Bornemann. Er wurde zu einem glühenden Lutheraner, der die Reformation in Dänemark, Norwegen und Island einführte. Der Vater von Christian, Friedrich I., König von Dänemark, entschied sich für eine Fürstenreformation, also eine geplante Reformation - im Gegensatz zur bäuerlichen und bürgerlichen Volks- oder Gemeindereformation, die oft in blutigen Auseinandersetzungen endeten. „Es war eine klassische Reformation von oben. Der König bestimmte, welche Religion sein Volk haben solle und wer sich nicht daran hielt, wurde bestraft“, erklärt der Pastor. 1523 übertrug ihm sein Vater die Verwaltung eines Teils des Herzogtums Schleswig mit dem Zentrum Hadersleben, wo er die Reformation einführte. „Zunächst hat er dort evangelische Prediger eingeladen und eine evangelische Schule ins Leben gerufen, wodurch die Stadt zum geistigen Zentrum und Ausgangspunkt der Reformation im Norden wurde“, weiß Bornemann „1534 wurde Christian dann König und setzte zwei Jahre später durch, dass der Kopenhagener Reichstag für Dänemark und Norwegen die Reformation einführt. Martin Luther sandte daraufhin seinen Glückwunsch an den König.


Knud Rohde, der erste evangelische Pastor


Im Herzogtum Schleswig dauerte es noch ein paar Jahre, bis sich die Reformation durchsetzte, da der Rendsburger Landtag noch seine Zustimmung erteilen musste, 1542 wurde die neue Kirchenordnung schließlich bestätigt und abgesegnet. Bis die Insel Nachricht auf der Insel ankam, verging jedoch noch einige Zeit. „Wenn so eine Kirchenordnung verabschiedet wurde, musste sie natürlich erstmal bekannt gemacht werden. Damals gab es ja noch keine E-Mails“, sagt Bornemann und lacht. „Man benötigte vor allem Menschen, die vor Ort die Dinge durchsetzten. Und gab es einen widerspenstigen katholischen Abt, musste er, wenn er sich gegen das Gesetz des Königs stellte, eingesperrt werden“, so der Pastor. Durch wen die Reformation am Ende auf der Insel verbreitet wurde, sei nicht überliefert. „Allerdings ist der erste evangelische Pastor in Eidum, der 1550 seinen Dienst angetreten hat, namentlich bekannt: Er hieß Knud Rohde und stammte aus Sonderburg“, weiß Bornemann.

Fakt sei, dass das lutherische Kirchentum unter dem Schutz des dänischen Staates bis zum Deutsch-Dänischen Krieg Staatsreligion gewesen sei. „Es waren sicherlich sehr spannende Jahre“, so Bornemann, „zwar recht verwickelt, aber offensichtlich mit einer relativ klaren und auch behutsamen Linie einer Reformation von oben.“




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