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40 Prozent Wohnraum : Baurecht auf Sylt: „Fisch-Fiete“ als Ausnahme der Regel?

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Das Keitumer Restaurant soll umgebaut werden. Aber noch gilt hier das Prinzip 40/60: In Teilen des Erdgeschosses muss Wohnraum entstehen.

Ist es nur eine Einzelfall-Entscheidung, nur eine Ausnahme von der Regel? Oder wird ein Präzedenzfall für neue Begehrlichkeiten geschaffen? Die Mitglieder des Keitumer Ortsbeirats waren hin und her gerissen auf ihrer Sitzung am Donnerstagabend. Erneut musste sich das Gremium mit dem geplanten Umbau des traditionsreichen Restaurants „Fisch-Fiete“ im Weidemannweg befassen.

Inhaber Thomas Sievers hatte im Frühjahr einem Antrag auf Änderung des Bebauungsplanes gestellt: Er will seinen Gastronomiebetrieb sanieren und teilweise umbauen, um behördliche Auflagen, die zum Beispiel die Raumhöhen betreffen, zu erfüllen und auch, weil wichtige Bestandteile der Gastronomie-Technik veraltet sind. Außerdem ist geplant, die Flachdachbauten an der nördlichen Grundstücksgrenze zum Kirchenweg vollständig abzureißen und dort einen neuen Anbau mit ein bis zwei Ladengeschäften zu errichten. Mit deren Verpachtung soll dann zumindest ein Teil der nicht unerheblichen Baukosten refinanziert werden, erläuterte Sievers auf der Ortsbeiratssitzung.

Das Problem jedoch: Für Keitum ist in allen Bebauungsplänen festgelegt, dass es bei vorhandenen Gebäuden im Erdgeschoss eine Mischnutzung von 60 Prozent Gewerbe und 40 Prozent Dauerwohnen geben muss. Sievers will diese andere Form einer 40/60-Regelung bei seinem Umbauten zwar grundsätzlich beachten, allerdings nur im Obergeschoss Wohnraum schaffen und das gesamte Erdgeschoss weiter gewerblich nutzen. Das käme bezogen auf die Gesamtflächen auf das Gleiche hinaus, lautet die Begründung des „Fisch-Fiete“-Inhabers. Anders ließe sich die dringend notwendige und zeitgemäße Erneuerung des Traditionsbetriebes wirtschaftlich nicht umsetzen.

Dieser Argumentation konnte sich der Bau- und Planungsausschuss der Gemeinde Sylt im März anschließen und stimmte der Änderung des Bebauungsplanes zu, den Wohnanteil nicht auf die Grundfläche des Erdgeschosses, sondern auf die gesamte Geschossfläche des Gebäudes anzurechnen. Drei Monate später aber wurde im gleichen Ausschuss der notwendige Entwurfs- und Auslegungsbeschluss dann doch nicht gefasst: Jetzt äußerten Mitglieder große Bedenken, dass durch eine B-Plan-Änderung erstmalig die für Keitum geltende Vorschrift einer 40-prozentigen Wohnnutzung in Gewerbebauten durchbrochen würde. Vor allem die geplanten Abbrüche der Nebengebäude würden zwar zu einer Verbesserung des Ortsbildes mitten in Keitum beitragen: Es stelle sich jedoch die Frage, ob dies von so großer Bedeutung ist, dass städtebauliche Prinzipien gekippt werden sollten. Eine Ausnahme für „Fisch-Fiete“, so die Befürchtung, könnte auch bei anderen Grundstückseigentümern, die Ähnliches planen, Begehrlichkeiten wecken. Um diese Probleme erneut zu diskutieren und um ein Votum aus der Keitumer Politik sowie von den Bürgern einzuholen, wurde die Angelegenheit zur Beratung in den Ortsbeirat verwiesen.

„Gastronomie und Wohnen auf einer Etage, Tür an Tür – das beißt sich“, sagte Martin Seemann auf der Sitzung. Der Bauamtsleiter setzte sich dafür ein, bei einer Genehmigung des Abweichens von der Regel die Vorteile der Allgemeinheit zu beachten und dabei den Interessen der Gastronomie und des Einzelhandels Rechnung zu tragen. Auch der Besitzer von „Fisch-Fiete“ meldete sich zu Wort: In einer sehr emotionalen Rede warb er darum, im Falle seines Restaurants die Ausnahme zuzulassen. „Woanders im Dorf wurden aus Wohnhäusern zum Beispiel Galerien“, sagte Thomas Sievers. „Ich aber soll und will ja doch gerade Wohnraum schaffen – nur eben nicht im Erdgeschoss.“ Die Zustimmung zu den Umbauplänen sei für ihn als Unternehmer ein wichtiges, substanzielles Thema. Sollte der Ortsbeirat auf der 40/60-Regelung fürs Erdgeschoss bestehen, käme dies einer „Art der Enteignung“ gleich.

Nach einer längeren Diskussion über das Pro und Kontra einer „Sonderregelung Fisch-Fiete“, in der noch einmal die gesamte Bandbreite von Zustimmung und Unterstützung über Vorbehalte bis hin zu Ängsten zur Sprache kam, unterbreitete Bürgermeister Nikolas Häckel schließlich einen Kompromissvorschlag, der von der Mehrheit der Keitumer Bürgervertreter bei zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung angenommen wurde. In Fällen, in denen im Bestand im Erdgeschoss 100 Prozent Schank- und Speisewirtschaft vorhanden sind, darf aus Gründen des Schall-, Lärm- und Geruchsschutzes von der 40/60-Regelung abgewichen werden, lautet die Formulierung. In diesen Fällen sei das Wohnen im ersten Obergeschoss zulässig, allerdings sind dann dort 100 Prozent zwingend vorgeschrieben.

Dieser Empfehlungsbeschluss steht bereits am kommenden Montag auf der Tagesordnung des Bauausschusses. Sollte die Mehrheit zustimmen, wäre der Weg zur Genehmigung eines Umbaus von „Fisch-Fiete“ freigeräumt. Doch der nächste mögliche Streitfall liegt bereits auf den Konferenztischen der Verwaltung und der Politik: Anfang August wurde für die „Alte Friesenwirtschaft“ am Gurtstig in Keitum eine Nutzungsänderung vom Restaurantbetrieb zum Einzelhandelsgewerbe beantragt. Auch für dieses historische, sogar denkmalgeschützte Reetdachhaus gilt die Ortsgestaltungssatzung – und damit die 40-60-Regelung für das Erdgeschoss.

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erstellt am 12.Sep.2015 | 05:36 Uhr

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