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Sylter Köpfe : Balanceakt zwischen Tradition und Neuerung

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Seit 16 Jahren leitet Hartmut Schiller die Akademie am Meer im Lister Klappholttal und steht damit der ältesten Heimvolkshochschule Schleswig-Holsteins vor. Eine Entscheidung, die der gebürtige Lübecker nie bereut hat.

Schwere Regentropfen prasseln auf die Pflastersteine, ein scharfer Wind biegt um die Ecke und zerrt an den kahlen Zweigen der Heckenrosen. Im Warmen warten einige Menschen und etliche Gepäckstücke auf die Taxen, die soeben vorfahren. Es sind die letzten Gäste, die Klappholttal verlassen.

Für einige Wochen legt sich nun Ruhe über die kleine Siedlung inmitten der Dünen, über diese Insel auf der Insel, die das Prädikat der ältesten Heimvolkshochschule Schleswig-Holstein für sich in Anspruch nehmen darf. Während für die gerade abreisenden Gäste der Urlaub endet, beginnt er für Hartmut Schiller und die 35 Angestellten gerade erst. An die 5 000 Gäste und über 150 Referenten haben sie im vergangenen Jahr empfangen, über 300 Veranstaltungen arrangiert – es ist Zeit für eine Verschnaufpause.

Den Regen ignoriert Hartmut Schiller, als er draußen einen Mitarbeiter entdeckt. Wo es denn im Urlaub hingehen werde? Der Kontakt zu Menschen ist ihm wichtig, zu den Gästen ebenso wie zu den Mitarbeitern. Der Chef gibt sich jovial und unprätentiös – hier sitzt kein Gelehrter im Elfenbeinturm, sondern agiert ein Mann mit Bodennähe. Ein Kulturbeflissener und Liebhaber der schönen Künste, für den der Beruf Berufung ist und den noch immer das Faible für diese besondere Arbeitsstätte trägt. 16 Jahre liegt es zurück, dass Hartmut Schiller die Regie in Klappholttal übernahm, dort, wo gleich nebenan die Nordsee wogt. Und dem Meer war Schiller zeitlebens immer nahe. 1957 in Lübeck geboren, zog die Familie sieben Jahre später nach Bremen um, wo der Vater, von Beruf Schifffahrtskaufmann, eine neue Stelle antrat.

Nach dem Abitur wurde Hartmut Schiller wieder ein Schleswig-Holsteiner, schrieb sich an der Uni Kiel für das Studium der Geschichte und der politischen Wissenschaften ein. „Im Nachhinein gesehen war es das ideale Rüstzeug für meine heutige Tätigkeit.“ Es wäre auch das ideale Rüstzeug für die Tätigkeit als Schullehrer gewesen – „aber eben dies wollte ich nicht werden“. Und da es somit noch völlig ungewiss war, wo die berufliche Reise hinführen sollte, traf Schiller eine ungewöhnliche Entscheidung: Um auf jeden Fall sicher im Sattel zu sitzen, absolvierte er parallel zum Studium eine zweite Ausbildung. Er wurde Reitlehrer. Schon als Kind hatte Schiller dieser Passion gefrönt und erlebte jetzt erfüllte Tage: Morgens saß er im Sattel, nachmittags im Hörsaal – und gab nach der Prüfung in den letzten Monaten des Studiums auch noch Reitunterricht. Dass Hartmut Schiller beruflich dann doch nicht hoch zu Ross saß, ist möglicherweise einem Glücksfall zu verdanken: „Nach dem Studium bekam ich 1988 das Angebot, die neu gegründete Ostsee-Akademie in Travemünde zu leiten.“

Es begannen zehn spannende Jahre, die thematisch geprägt waren vom Ost-West-Dialog, insbesondere der Verständigung zwischen Deutschland und Polen. „Wir haben Reisen durch beide Staaten unternommen, Jugendbegegnungen und Symposien abgehalten, grenzübergreifende Naturschutzprojekte initiiert.“ Viele interessante Menschen lernte Schiller in jenen Jahren an der Ostsee-Akademie kennen – unter anderem eine junge Referentin mit Namen Angela Merkel. Und auch das private Glück fand sich in jener Zeit: 1992 heiratete er seine Freundin Gabi, mit der zwei Kinder hat.

Eines Tages dann berichteten Seminarteilnehmer schwärmerisch von Klappholttal: „Das ist einmalig – und gerade wird dort die Stelle des Leiters vakant.“ So reiste Schiller 1997 zum ersten Mal nach Sylt, hielt in Klappholttal gleichsam als Aufnahmeprüfung eine einwöchige Vortragsreihe – und überzeugte den Vorstand. Die Insel Sylt, das war für Hartmut Schiller „Liebe auf den zweiten Blick“. In seiner künftigen Tätigkeit erkannte er indes „die große Chance, hier ein reiches Programm der kulturellen Bildung frei gestalten und prägen zu dürfen.“ Und so geschah es. Wenn Schiller heute von Klappholttal berichtet, dann sprüht noch immer Enthusiasmus aus seinen Worten. „Klappholttal ist für die Insel ein besonderer Reichtum. Es legt die Talente seiner Besucher frei. Hier dürfen sie sich trauen, etwas Neues auszuprobieren – das steigert die Kreativität, gibt Selbstbewusstsein, erweitert den Horizont. Kurz gesagt: Klappholttal entwickelt wie schon in seinen Anfängen auch heute den freien Geist.“

Manches hat sich in den vergangenen 16 Jahren verändert. Als Schiller seine Stelle antrat, gab es zwei Seminare in der Vor- und Nachsaison – heute sind es über 80. Aus anfangs drei Seminarräumen erwuchsen 21. Und die Zahl der Übernachtungen hat sich von seinerzeit 21 000 nahezu verdoppelt. Abläufe wurden verändert, Reglementierungen aufgehoben – stets mit Bedacht: „Denn natürlich ist es ein Balanceakt, für die vielen Stammgäste das Gewohnte beizubehalten, aber gleichzeitig durch Neuerungen weitere Besucher zu gewinnen.“

Der Geist von Klappholttal – er wird vielfältig sichtbar. In dem reichen kulturellen Programmangebot, in der Kreativität der Teilnehmer, in der exponierten Lage und der Ursprünglichkeit der umgebenden Landschaft. „Klappholttal ist eine Rückzugszone“, sagt Hartmut Schiller. Dass die Gäste hier der Welt den Rücken kehren, hat indes auch noch zwei ganz profane Gründe: Es gibt keine Fernseher. Und keinen Netzempfang für Handys.





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erstellt am 14.Jan.2014 | 12:00 Uhr

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