Balance zwischen Nähe und Distanz

Beste Aussicht: Johannes Sanders im Poolbereich seines Hotels, vom dem aus man den freuen Blick auf das Meer hat.
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Beste Aussicht: Johannes Sanders im Poolbereich seines Hotels, vom dem aus man den freuen Blick auf das Meer hat.

Johannes Sanders leitet seit 30 Jahren das BASF-Urlaubshotel - jetzt geht er in den Ruhestand, aber nicht von der Insel

shz.de von
25. Juni 2014, 12:15 Uhr

„Du musst gar nicht so gehen. Du hast hier nichts zu sagen“. Mit diesem Hinweis versucht Margitta Sanders ihren Mann Johannes schon mal in fremden Hotels dran zu erinnern, dass er Urlaub hat und nicht in seinem Hotel unterwegs ist. Sanders lächeln, wenn er solche und ähnliche Episoden erzählt. „Aber ich bin nun mal 24 Stunden an sieben Tagen im Dienst. Und in fremden Häusern interessiert mich natürlich, wie dort bestimmte Abläufe und Dinge geregelt werden. Ich sehe dann auch manches, was ich mir in unserem Hotel noch mal genauer anschauen sollte.“ Und dann schiebt Sanders noch einen Satz nach, der als sein Credo gelten kann: „Man darf nie die Details vernachlässigen“.

Vor genau 30 Jahren wurde der heute 62-Jährige von seinem Unternehmen gefragt, ob er nicht nach Sylt gehen würde, um dort das firmeneigene Erholungsheim zu leiten. Die Firma ist der Weltkonzern BASF und Johannes Sanders war 1984 bereits seit einigen Jahren als studierter Hotelfachmann für das gastronomische Angebot, spricht für die Werkskantine des Konzerns in Ludwigshafen zuständig. „Da hatte ich täglich rund 2 000 Essen und die gesamte gastronomische Betreuung zu organisieren“. Nach seiner Ausbildung an der renommierten Heidelberger Hotelfachschule war Sanders zur BASF gegangen, „auch weil mir der Konzern mit seinen Strukturen gut gefiel und berufliche Herausforderungen und Entwicklungen anbot“. An Sylt dachte Sanders zu dem Zeitpunkt nicht. „Überhaupt war Sylt damals für meine Frau und mich weit weg“. Die beiden Kinder waren noch klein, als die Familie im Sommer 1983 Urlaub auf Nordstrand machte. „Dort traf ich einen Bekannten, der uns überredete, doch auch mal für einen Tag nach Sylt zu fahren. Sylt, da wussten wir gar nicht, wie das für uns gehen sollte, hatten die Vorstellung, dass dort alles teuer und exklusiv ist. Aber wir fuhren auf die Insel und erlebten einen wunderbaren Sonnentag am Strand. Durch Zufall traf ich dann in der Friedrichstraße meinen Vorgänger, der uns dann das Kurhaus zeigte“. Ein Jahr später wurde Johannes Sanders von der BASF die Leitung des Hauses angeboten. Die positiven Sylt-Eindrücke ließen weder ihn noch seine Familie lange zögern. „Wir haben uns auf Sylt gefreut.“

Die Insel war damals „noch ganz anders als heute. Viele Hotels und Geschäfte machten zwischen November und März zu, in den Wintermonaten waren die Sylter unter sich“. Auch die Abläufe im BASF-Kurhaus, wie es damals hieß, waren von den Saisonzeiten geprägt. In den Sommermonaten durften die Werksangehörigen mit ihren Familien dort Urlaub machen, in den Wintermonaten wurden die Erholungskuren für die Industriearbeiter durchgeführt. „Mitte der 1990er Jahre änderte sich das Profil des Hauses und wir wurden zu dem Urlaubshotel, das wir heute sind“, erzählt Johannes Sanders mit Blick auf die Fotografien, die im Lobbybereich des Hotels hängen und zeigen, welche baulichen Veränderungen das Haus mit dem prachtvollen Blick auf den Brandenburger Strand im Laufe seiner Entstehungszeit vom Backsteinbau im Bäderstil bis zum modernen Hochbau mit rundum verglastem Pool im fünften Stock – Meerblick inklusive – erlebt hat.

„Hier erinnert nichts mehr an ein Betriebserholungsheim. Wir sind ein anspruchsvolles Hotel mit zeitgemäßem Ambiente, das Buchungsraten von durchschnittlich 98 Prozent hat“, ist Johannes Sanders stolz auf die Entwicklung, die das Hotel unter seiner Leitung in den letzten 30 Jahren genommen hat. In all den Jahren hat er sich in seinem Hotel wie in seinem Zuhause gefühlt. Das hat gut funktioniert, weil er trotzdem den notwendigen Abstand zum Betrieb erhalten konnten“. So versteht Sanders auch seine Haltung als professioneller Gastgeber. „Ich bin für meine Gäste da, aber weiß auch die Distanz zu wahren.“

Wer ihn beim Rundgang durch das Hotel erlebt, sieht wie sein Blick sekundenschnell Details erfasst, um dann eine Gardine zurecht zu rücken, einen Lampenschirm nach zu justieren oder aber all die Gäste namentlich zu begrüßen, die ihm in der Lobby, im Fahrstuhl, auf den Fluren oder im Spa-Bereich begegnen. Wer seine höfliche, ruhige Art erlebt, die Zurückhaltung und Entschiedenheit gleichermaßen ausstrahlt, bekommt einen Eindruck davon, wie Sanders den Betrieb führt – und das er ihm sehr am Herzen liegt.

Als Direktor eines firmeneigenen Hotels nimmt Sanders in der Sylter Hotellerie eine Sonderstellung ein, sehen Kollegen in ihm auch schon mal einen, „der es leichter hat, weil ja die BASF für alles sorgt. Doch so ist es nicht. Wir müssen genauso betriebswirtschaftlich und erfolgreich arbeiten wie alle anderen auch. Unsere Preise sind zudem auch Sylter, also marktgerechte, Preise“. Auch wenn Sanders Konflikten nicht aus dem Weg, sucht er eher das „gedeihliche Auskommen mit Kollegen und Mitmenschen“.

Es ist wohl diese Art, die es ihm und seiner Familie leicht gemacht, sich schnell auf Sylt heimisch zu fühlen. Die ersten Kontakte außerhalb seines Hotels fand er in der Sylter Jägerschaft. „Ich bin passionierter Jäger und auch Jagdhornbläser, von denen gibt es nicht so viele“. Die Kinder, „die hier sehr gern zur Schule gegangen sind“, die Kontakte über sie und seine Frau, die ihrem eigenen Beruf außerhalb des Hotels nachgeht und die „vielen netten Menschen, die unsere Freunde wurden“ ließen Sanders schnell auf der Insel heimisch werden. „Sylt ist unser Glück.“ Und das darf natürlich nicht mit der feierlichen Verabschiedung in den Ruhestand am kommenden Montag beendet sein. „ Für uns gibt es keinen anderen Ort als Sylt, an dem wir lieber leben würden“.

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