Bauarbeiten am Wochenende : Bahnverkehr nach Sylt: Was fährt, was fährt nicht?

Bahn-Pressesprecher Egbert Meyer-Lovis nennt die Organisation rund um die Bauarbeiten im Interview eine „große Herausforderung“.
Foto:
Bahn-Pressesprecher Egbert Meyer-Lovis nennt die Organisation rund um die Bauarbeiten im Interview eine „große Herausforderung“.

Am Wochenende muss Sylt 18 Stunden ohne Autozug und statt Personenzügen mit Ersatzbussen zurechtkommen. Ein Interview mit der DB.

shz.de von
02. März 2017, 06:30 Uhr

Sylt/Hamburg | Wegen umfangreicher Bauarbeiten auf den Gleisen zwischen Morsum und Westerland wird der Bahnverkehr von Sonnabend, 4. März, ab 18.30 Uhr bis Sonntag, 5. März, 12.30 Uhr unterbrochen. Es fahren keine Autozüge und statt der Personenzüge nur Ersatzbusse. Für Egbert Meyer-Lovis, DB-Pressesprecher, sind diese Zumutungen aber unabwendbar.

Herr Meyer-Lovis, warum sind die 18-stündige Streckensperrung und der Ausfall vieler Autozug-Fahrten am kommenden Wochenende nicht zu vermeiden?

Die besondere Herausforderung bei der Bahn ist das Bauen unter dem laufenden Rad. Das Baustellenmanagement ist absolut zwingend an feste Zeiten gebunden, so dass verlässlich der Baubeginn und das Ende genannt werden kann. Sämtliche Sperrungen und Einschränkungen müssen mit allen Eisenbahnverkehrsunternehmen rechtzeitig abgestimmt werden. Jede Investition in die Infrastruktur bringt eine Verbesserung beziehungsweise erhöht die Zuverlässigkeit der Schieneninfrastruktur.

An diesem Wochenende finden umfangreiche Arbeiten an der Schieneninfrastruktur in Keitum statt. Eine Weiche im Bahnhof Keitum wird um acht Meter Richtung Westerland verschoben, die Gleise 1 und 2 um acht Meter verlängert. Die Weiche wird in mehrere Teile zerschnitten, ausgebaut und dann an neuer Stelle eingebaut. Deshalb benötigen wir zwingend die 18 Stunden Vollsperrung zwischen Keitum und Westerland. Durch die Verschiebung der Weiche sind künftig gleichzeitige Einfahrten in den Keitumer Bahnhof möglich. Dadurch wird der Schienenverkehr entscheidend beschleunigt.

Was hat die Deutsche Bahn getan, um die Ab- und Anreise motorisierter Urlauber so gut wie möglich zu organisieren? Am Wochenende verlassen ja viele „Karnevalsflüchtlinge“ wieder die Insel, andererseits beginnen in Hamburg die Frühjahrsferien …

Wir haben – wie immer bei Bauarbeiten, die Gleissperrungen und damit betriebliche Einschränkungen notwendig machen – intensive Gespräche mit allen Beteiligten geführt. Selbstverständlich ist es auch in unserem Interesse, die Beeinträchtigungen für Pendler und Urlaubsreisende so gering wie möglich zu halten. Die Sperr- und Arbeitszeiten konnten erheblich verändert werden, so dass am Sonnabend bis zum späten Nachmittag Zugverkehr möglich ist. Das war eine große Herausforderung für die Fahrplanorganisation und die Abläufe an den Baustellen.

Kommt tatsächlich jeder mit, auch bei den letzten Autozügen? Und werden zusätzliche Sylt Shuttle eingesetzt?

Unser Ziel ist es, alle Reisenden mit ihren Fahrzeugen auf die Insel und wieder aufs Festland zu bringen. Aus den letzten Jahren haben wir viel Erfahrung, wann die Hauptreisetage sind und wie viele Kunden zu erwarten sind. Daher sind die Planungen des DB-Autozug Sylt Shuttle so dimensioniert, dass ausreichende Kapazitäten vorhanden sind.

Welche Absprachen gibt es mit dem „Autozug Sylt“ von Konkurrent RDC?

Es gibt selbstverständlich immer Gespräche im Vorwege von Bauarbeiten – diese sind auch rechtlich genau geregelt. Alle Eisenbahnverkehrsunternehmen, die auf unserem Schienennetz unterwegs sind, werden rechtzeitig über bevorstehende Bauarbeiten informiert. So können sich alle darauf einstellen und ihre Kunden über Veränderungen informieren.

Zeitgleich zum Ausfall der Autozüge ist leider auch die Sylt-Fähre in der Werft und steht nicht als Alternative bereit. Hätte das nicht früher besser koordiniert werden können?

Die Koordination obliegt nicht uns. Die Bauarbeiten der Deutschen Bahn müssen langfristig – teilweise mehrjährig – geplant und notwendige Baumaschinen sowie Arbeitskräfte disponiert werden. Dies lässt sich nicht kurzfristig umschmeißen. Daher informieren wir auch immer möglichst frühzeitig über unsere Kanäle wie zum Beispiel das Internet, auch über die Medien sowie in Gesprächen.

Die zahlreichen Probleme auf der Marschbahn wie der Einsatz alter Waggons wegen Kupplungsschäden, häufige Verspätungen oder Zugausfälle sowie jetzt die Streckensperrung sorgen immer wieder für große Aufregung bei Berufspendlern und Urlaubsreisenden – können Sie das verstehen?

Für uns ist es natürlich ärgerlich, dass wir unseren Kunden nicht die Qualität anbieten können, wie wir sie uns wünschen und geplant hatten. Leider sind ja wie bekannt die 90 Reisezugwagen, die uns gemäß Verkehrsvertrag zur Verfügung stehen sollten, im November ausgefallen. Für uns war und ist es jeden Tag aufs Neue eine große Herausforderung, überhaupt ein Ersatzkonzept in diesem Umfang zu initiieren und aufrecht zu erhalten. Wir haben unsere Ankündigung, dass planmäßig keine Züge ausfallen eingehalten. Die über 100 Wagen für das Ersatzkonzept sind ausreichend zur Abdeckung aller Zugverbindungen. Allerdings ist das Ersatzkonzept sehr anspruchsvoll und aufwändig, da diverse verschiedene Fahrzeugtypen eingesetzt werden müssen, die untereinander nicht kompatibel sind. Die alten Fahrzeuge sind sehr anfällig: Fahrzeugstörungen treten häufig auf, dadurch kommt es leider auch mal zu außerplanmäßigen kurzfristigen Einschränkungen. Derzeit sind wir mit einer Pünktlichkeit von über 95 Prozent unterwegs und mit einer Ausfallquote von unter einem Prozent. Bei allem Verständnis, das wir für den Unmut der Pendler haben: Wir bieten unseren Kunden wesentlich mehr Züge und mehr Kapazität sowie Zuverlässigkeit als je im NOB-Notfallkonzept angeboten worden ist.

Autozüge und Personennahverkehr mit Bahn und Bus: Was fährt, was nicht fährt?

Wichtige Infos zu den Abfahrten aller Autozügen

Am Sonnabend, 4. März, fallen die Abfahrten des DB-Sylt Shuttle um 18.05, 19.35 und 21.05 Uhr von Niebüll nach Westerland  fallen aus – der letzte rote Autozug in Richtung Sylt fährt um 17.35 Uhr. Der letzte „Autozug Sylt“ der blauen RDC-Flotte von Niebüll nach Westerland fährt bereits um 16.30 Uhr. Runter von der Insel fährt am Sonnabend der letzte Sylt Shuttle ab Westerland um 17.30 Uhr – die Abfahrten 18.30, 19.30 und 21.30 Uhr entfallen. Von Westerland nach Niebüll fährt der letzte „Blaue“ um 17.55 Uhr, alle späteren Autozüge fallen aus.

Am Sonntag, dem 5. März, kann der Autozugbetrieb wegen der Gleisbauarbeiten erst mittags  wieder starten. Die erste Abfahrt eines Sylt Shuttle von Westerland nach Niebüll findet um 12.30 Uhr mit einem Sonderzug statt. Vom Festland in Richtung Insel fährt der erste  DB-Zug um 12.35 Uhr ab Niebüll. Der erste RDC-Autozug nach der Zwangspause fährt am Sonntag um 13.30 Uhr von Niebüll nach Westerland. In der Gegenrichtung zum Festland startet der erste blaue Autozug um 14.55 Uhr ab der Verladung in Westerland.

Wichtige Infos zum Personennahverkehr mit Bahn und Bus

Am Sonnabend, 4. März, fährt der letzte durchgehende Zug vom Festland auf die Insel ab Niebüll um 17.01 Uhr, Ankunft in Westerland um 17.35 Uhr. In Gegenrichtung verkehrt der letzte durchgehende Zug ab Westerland um 18.22 Uhr, Ankunft in Niebüll 18.59 Uhr. Danach enden und beginnen alle Züge der Marschbahn-Linie RE6 in Morsum. Zwischen Morsum und Westerland gibt es einen Schienenersatzverkehr durch Busse, die auch am Bahnhof Keitum halten.

Wichtig: Reisende sollten die gegenüber dem Bahnfahrplan bis zu 40 Minuten späteren Ankünfte oder früheren Abfahrten der Busse am Bahnhof Westerland beachten.

Am Sonntag, 5. März, fährt der erste durchgehende Personenzug vom Festland in Richtung Sylt ab Niebüll um 12.01 Uhr, Ankunft in Westerland um 12.35 Uhr. Der erste durchgehende Zug von der Insel zum Festland fährt um 13.22 Uhr ab Bahnhof Westerland, Ankunft in Niebüll um 13.59 Uhr.

Einen Ersatzverkehr mit Bussen gibt es auch in der darauffolgenden Nacht von Sonntag, 5. März, ab 20.30 Uhr bis Montag, 6. März, um 2 Uhr.


Kommentar von Michael Stitz: Der ganz normale Bahnsinn

Das Sylter Bahnchaos bedroht nicht nur das Image der Insel

Wenn man auf Sylt eines hasst, dann sind das schlechte Nachrichten. Denn sie schaden dem Image der Insel – also dem Tourismus. Und weil die Bahn seit Monaten viel dafür tut, dass es  schlechte Nachrichten nur so hagelt, sind die Insulaner denkbar übel gelaunt, wenn man auf  die DB zu sprechen kommt. Dabei wird gern übersehen, dass es bei dieser Wut der Bürger nicht nur um Zugausfälle und Unpünktlichkeit geht. Auch nicht um die verständliche Notwendigkeit von Gleisbauarbeiten, es geht um Grundsätzliches. Um Weitsicht, Umsicht und Verantwortung.

Die Bahnverbindung über den Damm ist (bei aller Wertschätzung der aus Dänemark fahrenden Fähre und den Flugangeboten) als Versorgungs- und Zubringerweg für Insulaner, Pendler und Gäste alternativlos. Täglich sind etliche Tausend Arbeitnehmer darauf angewiesen, die Insel beziehungsweise ihre Wohnorte auf dem Festland mit der Bahn zu erreichen. Sylt ist ein bedeutender Arbeitgeber in Nordfriesland. Einer, der für Arbeitsplätze und Umsätze sorgt, die sehr wesentlich für den Wirtschaftsstandort Westküste sind. Den Sylt-Pendlern die Wege zu ihren Arbeitsplätzen durch Zugausfälle und desolate Zustände in den Zügen zu erschweren, zermürbt auf Dauer nicht nur die betroffenen Bahnnutzer, sondern die wirtschaftliche Grundstruktur, da es weder für Betriebe noch für Mitarbeiter zumutbar ist, sich den damit verbundenen täglichen Belastungen auszusetzen.

In Großstädten müssen die U- und S- Bahnen auch funktionieren, damit die Menschen aus allen Teilen einer Metropole sich dorthin bewegen können, wo sie arbeiten beziehungsweise wohnen. Eine funktionierende Infrastruktur ist keine überzogene Forderung, nur weil sie von einer Ferieninsel gefordert wird. Es geht nicht darum, dass Sylt als selbstvergessenes Eiland einen Sonderstatus in puncto Anbindung will. Es geht auch nicht darum, eine Bahnlinie zum Transport für Luxuskarossen möglichst störungsfrei laufen zu sehen. Es geht schlicht und einfach darum, diesen (zum Glück) begehrten Ort gut erreichbar zu machen. Sonst droht der Stillstand.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen