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Strecke Westerland-Niebüll : Bahnchaos: Pendler planen Protest

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Nächstes Krisengespräch von Nah.SH, Bahn, Pendlern und Gemeinden findet am Dienstag in Niebüll statt – hinter verschlossenen Türen

Die Nerven liegen blank bei Pendlern und Touristen – der Bahnverkehr zwischen Hamburg und Westerland ist für alle eine Zumutung, für Reisende wie für das Bahnpersonal. Dabei hätte es eigentlich besser werden müssen, seit am 11. November vergangenen Jahres 108 Personenwaggons aus Sicherheitsgründen aus dem Verkehr gezogen worden sind. Am härtesten trifft es die Pendler – sie planen nun einen Flashmob, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen.

„Es ist zwei Minuten vor zwölf“, schildert Achim Bonnichsen von der Pendler-Initiative das Desaster auf der Strecke Niebüll-Westerland. Zugausfälle, Zugverspätungen, überfüllte Züge seien an der Tagesordnung. Weil immer mehr Gäste mit großem Gepäck anreisen, müssten Pendler stehen oder auf den nächsten Zug warten. Vor zwei Wochen seien im Laufe eines Vormittags ganze 2200 Schüler von Sylt abgereist – mit der Folge, dass Pendler in Morsum mehrere überfüllte Züge abwarten mussten, um endlich in Richtung Festland fahren zu können.

Bonnichsen fehlt jegliches Verständnis für das Verhalten der DB Regio: „Da werden Züge aus Sicherheitsgründen stillgelegt, weil die Kupplungen defekt sind, aber eine 200prozentige Zuladung mit Menschen, Gepäck und Fahrrädern stört niemanden.“ Ein Autofahrer, der mehr Insassen befördert, als Plätze vorhanden sind, mache sich strafbar – „wieso gilt das nicht für die Bahn?“

Doch die Mängelliste geht noch weiter: Die Zugtoiletten seien teilweise verdreckt und überfüllt, häufig auch dauerhaft verschlossen. Die 80 Euro Entschädigung, die das Nahverkehrsunternehmen des Landes (Nah.SH) den Pendlern Ende 2016 zugestanden hatte, seien teilweise bis heute nicht ausgezahlt. Die Züge des Fernverkehrs (IC, Syltshuttle Plus) sind für die Pendler nach wie vor tabu, weil ihre Nahverkehrstickets dort nicht gelten. Ein Konzept mit Leihfahrrädern, damit Urlauber nicht noch ihre Fahrräder im Zug mitnehmen müssen – Fehlanzeige. Alles Punkte, die bei den diversen Gipfeltreffen mit Verkehrsminister Meyer (SPD), Nah.SH-Chef Bernhard Wewers und den Bahn-Verantwortlichen besprochen worden sind und umgehend geregelt werden sollten, das erste Mal am 20. Dezember 2016. „Aber nichts ist besser geworden.“

Das letzte Gipfeltreffen mit Verkehrsminister Meyer fand am 6. April statt – verbunden mit der Ankündigung des Ministers, zwei Monate später mit neuen Gutachten und Ergebnissen wieder nach Sylt zu kommen. Die Landtagswahl setzte der Regierungskoalition mit SPD-Beteiligung ein Ende, und Reinhard Meyer zog sich zurück. Die jetzige Landesregierung sei nur noch geschäftsführend im Amt, schrieb Meyer am 9. Juni in seiner Absage an Karl Max Hellner (Verein Sylter Unternehmer) und an Achim Bonnichsen. „Deshalb scheint es mir der Situation nicht angemessen, jetzt noch bindende politische Entscheidungen zu treffen. Dies sollte der neuen Landesregierung vorbehalten bleiben.“

Ein neues Krisengespräch steht für nächsten Dienstag auf dem Kalender – aber nur „ein internes Treffen mit den Bürgermeistern, den Pendlern, den Kreisen, den Touristikern und den Sylter Unternehmern“, berichtet Dennis Fiedel, Pressesprecher von Nah.SH. Die Öffentlichkeit muss draußen bleiben, wenn sich die Runde am Dienstag um 14 Uhr im Niebüller Rathaus trifft.

Der noch amtierende Verkehrsminister Meyer kommt nicht, sein Staatssekretär und Nah.SH-Aufsichtsratschef Dr. Frank Nägele ist auf dem Absprung ins niedersächsische Wirtschaftsministerium. Stattdessen werden Experten vom Nahverkehrsbund in Niebüll am Tisch sitzen: Nah.SH-Chef Bernhard Wewers, der Fahrplanexperte Burkhard Schulze, der Referatsleiter Christian Sörensen. „Dass die Zustände schnell abgestellt werden müssen, ist allen klar“, glaubt Harald Haase, Pressesprecher des Verkehrsministeriums.

Zu dem Termin in Niebüll „bringen wir auch einen Überblick über die momentane Betriebslage und über den Stand bei den Kupplungen mit“, kündigte Nah.SH-Sprecher Dennis Fiedel an. „Tatsächlich war die Pünktlichkeit in den vergangenen Wochen nicht gut, wobei das hauptsächlich an Infrastrukturstörungen lag.“ Die Lokomotiven der Baureihe 245 würden nach und nach alle „einer Rollkur unterzogen“. Leider habe der Hersteller Bombardier noch nicht alle Probleme lösen können.

Egbert Meyer-Lovis von der Deutschen Bahn kann die Vorwürfe der Pendlerinitiative, dass die Situation sich verschlimmert habe, „nicht nachvollziehen“. Tatsächlich seien derzeit 104 Personenwaggons im Einsatz, davon 44 von den ehemaligen NOB-Reisezugwagen. Acht davon seien bis Mittwoch in Bremervörde im Testverkehr gewesen – zusammen mit zwei Lokomotiven der Baureihe 245.

Ein Teil der Fahrzeuge werde für die normale Instandhaltung gebraucht, und außerdem falle ein „Marschbahn-Park“ meist für den Kupplungstausch aus – „bedingt durch Zwischenlösungen für die Kupplungen, um die Marschbahn-Wagen wieder möglichst schnell einsetzen zu können.“ Doch warum kommt es derzeit zu Verspätungen, wenn sich die Situation beim Wagenpark eigentlich entspannen müsste? Das habe „wie schon so oft geschrieben externe wie interne Ursachen“, heißt es aus der Hamburger DB-Zentrale.

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