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Fragen und Antworten : Autozüge nach Sylt: Was ist erlaubt, was nicht – und wer kontrolliert was?

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Blau gegen Rot – seit Herbst 2016 transportieren zwei konkurrierende Unternehmen Autos nach Sylt.

shz.de von
erstellt am 16.Okt.2017 | 11:49 Uhr

Sylt | Knapp ein Jahr nach dem Start der blauen Autozüge von RDC gibt es beim Thema noch immer Streit auf Sylt. Der sh:z hat die Pressestellen der Bundesnetzagentur und des Verkehrsministeriums Schleswig-Holstein sowie der Deutschen Bahn AG und der RDC Autzozug Sylt GmbH gefragt: Was ist erlaubt, was nicht – und wer kontrolliert was? Nicht jede Institution ist für jedes Thema zuständig. Doch ihre Antworten zeigen, wie vielschichtig die Problematik ist und wie schwierig es sein dürfte, Lösungen zu finden, die allen gerecht werden.

Zum Thema Doppelstockwagen jedoch gibt es neue überraschende Nachrichten: Nach dem für den Fahrplan 2018 zugeteilten zusätzlichen zweiten Umlauf habe RDC den Bau nun angestoßen. Die Umsetzung würde aber mindestens zwei, eher drei Jahre Zeit benötigen, teilte Pressesprecherin Meike Quentin mit. „Daher bemühen wir uns intensiv um vorhandene, für diese Strecke bereitstehende Doppelstockwagen, die wir interimsweise anmieten möchten, um insbesondere an Peaktagen pro Fahrt mehr Fahrzeuge befördern zu können. Solche Doppelstockwagen stehen zum Beispiel in größerer Menge abgestellt, rot lackiert, ungenutzt auf Sylt.“

Unsere Fragen an die Bundesnetzagentur, Deutsche Bahn, Autozug Sylt und das Land Schleswig-Holstein:

Müssen alle so genannten Trassen, die Betreiber entweder durch Rahmenverträge oder durch jährlich neue Vergaben erhalten, tatsächlich auch mit Fahrten bedient werden? Oder kann ein Anbieter von sich aus entscheiden, dass er bestimmte Abfahrten beispielsweise wegen mangelnder Nachfrage nicht bedient?

Bundesnetzagentur: Die Autozugverkehre nach Westerland werden eigenwirtschaftlich erbracht und nicht durch den Aufgabenträger Nah.SH ausgeschrieben. Die Fahrplantrassen selbst werden im Rahmen des Netzfahrplans für eine Fahrplanperiode bestellt – auch die, die durch einen Rahmenvertrag gesichert wurden. Es liegt bei eigenwirtschaftlichen Verkehren, also beim Autozug Sylt oder beim Sylt-Shuttle, in der Entscheidung des Unternehmens, die Trassen zu bedienen. Insbesondere bei mangelnder Nachfrage wird ein Eisenbahnverkehrsunternehmen dazu tendieren, Trassen abzubestellen, da  ansonsten Nutzungsentgelte anfallen, die nicht durch entsprechende Fahrkartenverkäufe gedeckt werden können.

Deutsche Bahn: Wir sind dazu verpflichtet, alle im Fahrplan veröffentlichten Verbindungen dem Kunden anzubieten beziehungsweise auch durchzuführen – außer bei höherer Gewalt.

Autozug Sylt: Der Autozugverkehr ist ein eigenwirtschaftlicher Verkehr, das heißt: Er muss vollständig vom anbietenden Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) finanziert werden. Dies ist ein Unterschied zu Verkehrsleistungen im öffentlichen Personennahverkehr, wo die Finanzierung über öffentliche Zuschüsse im Sinne der Daseinsvorsorge geregelt ist. Als eigenwirtschaftlicher Verkehr obliegt es den Unternehmen, über ihr Angebot zu entscheiden. Wobei Fakt ist, dass Trassen, die etwa mangels Nachfrage nicht bedient werden, „ausgelegt“ werden – sie stehen jedem anderen EVU wieder zur Nutzung frei. Bei der Spätzugverbindung kommt hinzu, dass es den Anwohnern an der Syltstrecke nicht zu vermitteln ist, dass sie nach 22 Uhr unvermeidbare Zuggeräusche hinzunehmen haben, obwohl nur sehr wenige Fahrgäste zu so später Stunde noch Autozug fahren möchten.

Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus Schleswig-Holstein: Der Autozugverkehr beider Betreiber ist eigenwirtschaftlich. Es gibt keinen Auftraggeber, der irgendwelche Vorgaben macht. Die zugewiesenen Trassen sind ein Nutzungsrecht, aber keine Nutzungspflicht.

Gibt es grundsätzlich Vorgaben, mit welchen Kapazitäten die Autozüge von DB und RDC fahren müssen?

Bundesnetzagentur: Generelle Vorgaben für die Kapazitäten von Autozügen bestehen nicht. Vorgaben hinsichtlich der Kapazität von Zügen werden allenfalls im öffentlichen Personennahverkehr durch die Aufgabenträger gemacht.

Deutsche Bahn: Die Anzahl der Wagen richtet sich nach Bedarf und Nachfrage. Insbesondere an Wochenenden reagieren wir bei bestimmten Zügen mit dem Verhältnis der Anzahl von eingesetzten Doppel- und Einstockeinheiten je nach erwartetem Aufkommen. Die maximale Anzahl an Wagen ist schon durch die Rampen zum Be- und Entladen vorgegeben.

Autozug Sylt: Die Verladerampen und Serviceeinrichtungen des Terminals bedingen eine bestimmte Zusammenstellung des Autozugs bezüglich der Länge. Die mögliche Zughöhe hängt von Brücken, etc. auf der Strecke ab. Unternehmerisch korrespondiert unser Ziel, so viele Fahrgäste wie möglich pro Zug befördern zu können, mit dem Bedarf der Insel und ihrer Gäste, auch an extrem staugefährdeten An- und Abreisetagen so viele Fahrgäste wie möglich so rasch wie möglich auf die Insel bzw. zurück aufs Festland befördern zu können.

Schleswig-Holstein: Nein – der Autozugverkehr beider Betreiber ist eigenwirtschaftlich.

Probleme bei der Infrastruktur an den Verladestationen führen immer wieder zu Staus, die weit über den Bereich der Terminals hinausgehen. In Niebüll betrifft dies die Zufahrtsstraße B5, in Westerland die L24 und andere Straßen. Wie könnte dies seitens zuständiger Instanzen (einerseits DB Netz, andererseits Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr SH) verhindert oder verbessert werden?

Bundesnetzagentur: Die Frage zur Infrastruktur an den Verladestationen in Niebüll und in Westerland betrifft nicht den Zuständigkeitsbereich der Bundesnetzagentur.

Deutsche Bahn: Die Kapazitäten sind im Regelfall ausreichend. Wir haben starke An- und Abreisen meist nur in der Ferienzeit oder an Feiertagen. Um Rückstaus zu vermeiden, reagiert der DB Sylt Shuttle mit dem Einsatz zusätzlicher Züge. Hierzu sind allerdings freie Trassen sowie verfügbares Personal notwendig. Bei der großen Anreise am 30. September haben wir zum Beispiel mit drei zusätzlichen Zügen schnell auf die Lage reagiert.

Autozug Sylt: Das fällt nicht in unsere Zuständigkeit.

Schleswig-Holstein: Der Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr (LBV-SH) ist dafür nicht zuständig. Es liegt in der Verantwortung des Terminalbetreibers genügend Stauflächen vorzuhalten beziehungsweise dafür zu sorgen, dass die Belastungen des öffentlichen Raumes möglichst gering gehalten werden.

Thema Zugreservierung: RDC bietet diesen Service für den Autozug Sylt zumindest teilweise an, beim DB Sylt Shuttle ist es noch immer nicht geplant. Doch was nützt eine Reservierung, wenn Anreisende ihren gebuchten Zug wegen Staus nicht erreichen können?

Bundesnetzagentur: Das Angebot, eine Reservierung bestellen zu können, ist eine unternehmerische Entscheidung des jeweiligen Betreibers. Zuständig dafür ist das jeweilige Eisenbahnverkehrsunternehmen.

Deutsche Bahn: Genau aus diesem Grund bieten wir keine Reservierungen an. Auch lässt die Infrastruktur in den Terminals, insbesondere bei zwei Autozug-Anbietern, ein ausgereiftes Reservierungssystem nicht zu. Dazu fehlen Aufstellkapazitäten, um die Kunden entsprechend zu selektieren (Kunden mit/ohne Reservierung, verspätete/zu früh eintreffende Kunden).

Autozug Sylt: Richtig, dann nützt eine Reservierung nichts, daher wird sie für staugefährdete An- und Abreisezeiten auch nicht angeboten. Unser Online-Sparpreis-Ticket gibt es seit Ende Juni – die gesamte Hochsaison über ist es diesbezüglich so gut wie nie zu Problemen wegen Staus gekommen. Im Gegenteil: Wer ein günstiges Sparpreis-Ticket für einen Zug jenseits der bekanntermaßen staugefährdeten Verladeschlusszeiten vorab kauft, trägt schon mal nicht selbst zum Andrang bei.

Schleswig-Holstein: Bitte zur Beantwortung dieser Fragen an RDC wenden.

Es gibt noch immer keine wechselseitige Anerkennung der Fahrkarten von RDC und DB. Ist dies nur Verhandlungssache der Unternehmen untereinander? Oder sollten sie angesichts der angespannten Situation sogar dazu verpflichtet werden?

Bundesnetzagentur: Die Möglichkeit der gegenseitigen Anerkennung von Fahrscheinen regeln die Unternehmen bilateral.

Deutsche Bahn: Weil jedes Verkehrsunternehmen unterschiedliche Konditionen wie Preise, Beförderungsbedingungen und so weiter hat, ist dies nicht möglich.

Autozug Sylt: Der blaue Autozug Sylt hat bereits mehrfach öffentlich mitgeteilt (zum Beispiel in der Wirtschaftsausschuss-Sitzung in Husum Mitte Juli), dass wir dafür sehr aufgeschlossen sind.

Schleswig-Holstein: Das müssen die Unternehmen untereinander regeln.

Gibt es angesichts der angespannten Situation Überlegungen, die Autoverladung aus der Westerländer Innenstadt an einen Standort im Inselosten zu verlegen? Könnte unter Umständen das Land ein Grundstück zur Verfügung stellen?

Bundesnetzagentur: Die Frage zum Standort der Autoverladung auf der Insel Sylt betrifft nicht den Zuständigkeitsbereich der Bundesnetzagentur.

Deutsche Bahn: Seitens der Deutschen Bahn AG gibt es derzeit keine Überlegungen.

Autozug Sylt: Das fällt nicht in unsere Zuständigkeit.

Schleswig-Holstein: Aktuell gibt es keine Überlegungen in diese Richtung.

Stehen die vergebenen Trassen zum Fahrplanwechsel Mitte Dezember 2017 schon fest? Welche Anbieter werden dann wie viele Fahrten durchführen?

Bundesnetzagentur: Durch die DB Netz AG wurde der vorläufige Netzfahrplan bereits erstellt. Demnach stehen die Fahrplantrassen und deren künftige Nutzer fest. Der Bundesnetzagentur werden nur die Fälle mitgeteilt, in denen einer Trassenbestellung nicht entsprochen werden kann. Wir haben derzeit keine Informationen, welches Unternehmen ab Fahrplanwechsel welche Fahrplantrassen fährt.

Deutsche Bahn: Der Fahrplan für den Sylt Shuttle ist derzeit in der Endphase. In den kommenden 14 Tagen wird der Fahrplan für 2018 zur Verfügung stehen.

Autozug Sylt: Der Bundesnetzfahrplan 2018 wird von der DB Netz am 17. Oktober 2017 veröffentlicht. Der blaue Autozug Sylt bietet im nächsten Jahr (Fahrplan 2018, gültig ab 10. Dezember 2017) deutlich mehr Fahrten und eine bessere, kundenfreundliche Taktung über den Tag verteilt an. Zeitliche Angebotslücken gehören damit ab Dezember der Vergangenheit an.

Schleswig-Holstein: Die Trassen müssten zum jetzigen Zeitpunkt feststehen. Wir haben aber keine konkrete Information, wie die Situation für die Autozugbetreiber aussieht. Bitte an die DB Netz AG wenden, beziehungsweise an die Betreiber.

 
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