Ausufernde Tafelrunden mit angeleinten Schnee-Möwen

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12. Dezember 2009, 03:59 Uhr

Die Auswirkungen der Fusion treten mittlerweile immer deutlicher zu Tage. Dabei sind leere Kassen, neue Straßennamen und undurchsichtige Jahresabschlüsse noch nicht einmal die ärgsten Probleme. Viel schwieriger in den Griff zu bekommen ist die parlamentarische Arbeit. Galt bei Sitzungen früher die gute alte Sepp-Herberger-Regel, ein Spiel dauert 90 Minuten, so sind Verlängerungen, ja sogar Wiederholungsspiele nunmehr an der (überlangen) Tagesordnung.

Zwar ist es noch nicht vorgekommen, dass - wie im Finanzausschuss - eine Sitzung der Gemeindevertretung kurz vor Mitternacht unterbrochen und am Folgetag fortgesetzt wurde, doch viel fehlt dazu nicht mehr. Drei Stunden sind für Bürgervorsteher Dirk Ipsen und seine Tafelrunde keine Seltenheit. Dass ändert sich auch nicht, wenn man fünf der strittigsten Punkte kurzerhand wieder von der Tagesordnung streicht, wie diese Woche geschehen. Wäre das Geld nicht so knapp, man würde den Politikern statt des Sitzungs- glatt Tagegeld gönnen.

Dass am Ende solcher Mammutsitzungen die Konzentration nachlässt, ist menschlich. Umso erstaunlicher, dass bislang noch kein Beschluss wegen erwiesener Unsinnigkeit revidiert werden musste. Das gilt womöglich auch für zwei als "tierischer Blödsinn" gegeißelte Entscheidungen. Sowohl die Anleinpflicht für Hunde wie auch das Möwenfütterungsverbot sind nämlich vom Westerländer City-Bereich auf das gesamte Gebiet der Gemeinde Sylt ausgeweitet worden. Wer seinen Hund in den Keitumer Wiesen laufen lässt, muss (theoretisch) genauso blechen wie jemand, der am Morsum Kliff eine Möwe füttert. Nicht weniger sinnvoll wäre es gewesen, hätte man aus Konzentrationsmangel die Anleinpflicht für Möwen und ein Fütterungsverbot für Hunde beschlossen.

Zumindest mit hungrigen Möwen wird es der scheidende Ordnungsamtsleiter Erik Ipsen in seiner neuen Heimat Bayern nicht mehr zu tun haben. An seine Sylter Weggefährten wird er aber dennoch gelegentlich denken. Zum Beispiel am 27. Februar beim Spiel des FC Bayern gegen den Hamburger Sportverein, das er sich als Abschiedsgeschenk ansehen darf. Wobei er unumwunden zugab, auch weiterhin die HSV-Raute im Herzen zu tragen. Was nur beweist, dass man sich zwar Wohnort, Arbeitsplatz und sogar die politische Couleur nach Belieben aussuchen kann, der Lieblingsverein bei jedem Fußballfan jedoch eine Sache frühkindlicher und lebenslanger Prägung ist.

Die Frage Alpenrand oder Waterkant beschäftigte auch den schleswig-holsteinischen Dehoga-Präsidenten Peter Bartsch beim Besuch des Berufswettkampfes "Sylter Auster". Beim Bummel durch die Friedrichstraße waren dem Ober-Gastwirt aus Dithmarschen die vielen vorweihnachtlichen Bretterbuden aufgefallen, die seiner Ansicht so gar nicht auf eine Nordseeinsel passen. Etwas mehr Lokalkolorit stünde Sylt gut zu Gesicht. Also, liebe Gastwirte: Weg mit den Schlitten und her mit den Surfbrettern, tauscht Kerzen gegen Tisch-Leuchttürme, hängt Rettungsringe an die Wand und schmeißt den Kunstschnee weg. Mit anderen Worten: Holt die Sylter Sommer-Deko raus, damits schön weihnachtlich werde.

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