zur Navigation springen
Sylter Rundschau

18. Dezember 2017 | 21:54 Uhr

Aus der Reihe tanzen bei Nordwest

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Einmal wöchentlich druckt die Sylter Rundschau ein Kapitel aus dem Buch „Sylter Geheimnisse“ / Heute geht es um die „Gegen-den-Wind-Fahne“

Wer meint, die Insel habe nach etlichen Reiseführern, Zeitungsartikeln und Sachbüchern keine Geheimnisse mehr preiszugeben, der irrt. Das beweist das frisch erschienene Buch „Sylter Geheimnisse. 50 spannende Geschichten von der Insel, die viele zu kennen glauben“ der beiden Autorinnen Wiebke Stitz und Eva-Maria Bast. Erzählt werden die Geschichten von den „Geheimnispaten“, also Syltern, die Stitz und Bast die Geschichten hinter den Gegenständen, Orten oder Phänomenen berichtet haben. Die Sylter Rundschau druckt wöchentlich ein ausgewähltes Geheimnis aus dem Buch ab. Heute erzählt Eberhard Tschepe von der Hörnumer Fahne, die immer gegen den Wind weht.

Physikalische Gesetzmäßigkeiten gelten auf Sylt ebenso wie im Rest der Welt – sollte man zumindest meinen: Was uns aus der Hand fällt, landet aufgrund der Schwerkraft auf dem Boden, Flüsse fließen immer von der Quelle zur tiefer gelegenen Mündung und der Wind bestimmt die Richtung, in die Fahnen wehen, egal, wo auf der Welt sie zu finden sind.

Aber was ist im Inselsüden von Sylt los? Am Oststrand von Hörnum scheinen die Naturgesetze außer Kraft gesetzt zu sein. Während die Sylter Fahnen von List bis Hörnum und von Westerland bis Morsum dorthin wehen, wohin der Wind sie bläst, widersetzt sich ein einzelnes Hörnumer Stoffstück: Kommt der Wind aus Richtung Nordwest, stellt Eberhard Tschepe weiß, warum eine Fahne in Hörnum bei Nordwest-Wind gegen den Wind zu wehen scheint. es sich ihm entgegen und flattert in die andere Richtung. Nicht nur die zahlreichen Touristen, die auf der Hörnumer Strandpromenade entlang flanieren, schütteln ungläubig den Kopf, wenn sie diesem Phänomen das erste Mal begegnen, und recken erstaunt die Hälse in den blauen Nordseehimmel.

Auch Fernsehdeutschland konnte nicht glauben, dass es so viel Eigensinn im Süden von Sylt geben soll. Und nun kommt Familie Tschepe ins Spiel, die in Hörnum ein Fotofachgeschäft hatte. Eberhard Tschepe, früher Kameramann in Baden-Württemberg, machte als Strandfotograf in den Sommermonaten Bilder von Nordsee-Urlaubern. Im Laufe der Zeit lernte er die Eigenarten des Inselsüdens kennen. Sogar den Syltern war Hörnum von jeher nicht ganz geheuer, denn es hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass es hier spukt. Nachts, so geht die Sage, hätten sich die Hexen von Föhr und Amrum auf dem Inselhaken getroffen und in Katzen verwandelt. Und wer bei Sturm dem durch die Dünen wehenden Wind in Hörnum lauschte, habe die Stimmen längst verstorbener Seeleute hören können. Darüber hinaus war es auch der Inselsüden, der als Kulisse für die legendäre Tat des Pidder Lüng diente: Als der dänische Steuereintreiber bei Familie Lüng ungebührlich auftrat, drückte Pidder mit dem Ausruf „Lewer duar üs Slaav!“ („Lieber tot als Sklave!“) dessen Kopf so lange in den heißen Grünkohltopf, bis der Däne tot war. Vielleicht war aufgrund all dieser unheimlichen Vorkommnisse Hörnum auch der Ort auf Sylt, der am längsten unbewohnt blieb. „Auf Hörnum“, wie die Sylter sagten, „wollte niemand leben.“

Aber zurück zu Eberhard Tschepe, der von seinem Sender den Auftrag bekam, für die Fernsehshow „Wer dreimal lügt“ ungewöhnliche Tatsachen filmisch zu erzählen. Die Zuschauer sollten gemütlich von der heimischen Couch aus raten, ob die Geschichte wohl stimmen könnte oder ihnen eine dreiste Lüge aufgetischt wurde. Die Wahl des Teilzeit-Hörnumers Tschepe fiel natürlich auf die Gegen-den-Wind-Fahne auf der Hörnumer Promenade. Die zeigte sich parademäßig auch an diesem Tag genau so widerborstig wie gewünscht und flatterte, während ihre Nachbar-Fahnen brav das Fähnchen im Wind gaben, in die entgegengesetzte Richtung. „Wie an einer Schnur gezogen!“, schmunzelt Eberhard Tschepe noch heute über diesen Moment und blickt verschwörerisch den Fahnenmast hoch. Jetzt war es an den Fernsehzuschauern zu erraten, ob in diesem Filmbeitrag die Wahrheit erzählt oder dreist gelogen wurde. „Das kann nur eine Lüge sein!“, war sich die Fernsehnation schnell einig.

Doch der Wahrheitsgehalt der Gegen-den-Wind-Fahne wurde mit 100 Prozent bestätigt – und nun klingelte das Telefon des damaligen Hörnumer Kurdirektors und Bürgermeisters Springer, bis es glühte. Wie konnte das stimmen? Auch Springer blieb jedoch nichts anderes übrig, als die Geschichte von Eberhard Tschepe zu bestätigen und die Zuschauer, ganz Tourismusprofi und rund um die Uhr im Sinne Hörnums im Dienst, herzlich nach Sylt einzuladen, um das Phänomen mit eigenen Augen zu bewundern. Es ist nicht überliefert, ob der Hörnumer Tourismus dadurch schlagartig anstieg, aber noch heute lässt sich die Fahne bei Nordwest nicht in Reih und Glied zwingen.

Und woran liegt es nun? Die Erklärung ist ganz einfach – wie so oft. „Schuld an diesem Phänomen“, erklärt Eberhard Tschepe unter dem Corpus Delicti auf der Hörnumer Promenade, „ist meiner Einschätzung nach die Häuserreihe, die neben der Promenade steht. Hier prallt der Wind quasi ab, trifft genau auf diese eine Fahne und lässt sie in die Gegenrichtung wehen. Das ist das ganze Geheimnis. Eigentlich weht die Fahne doch dahin, wohin der Wind sie bläst.“ Wer bei Nordwestwind in Hörnum auf der Promenade entlangspaziert, hat vielleicht Glück und entdeckt die Fahne, die sich liebend gerne augenscheinlich gegen den Wind stellt.


So geht’s zur Gegen-den-Wind-Fahne:
Die Fahne weht auf der Hörnumer Promenade.

Das Buch „Sylter Geheimnisse“ ist im shz: Medienhaus Sylt und im Buchhandel für 14,90 Euro erhältlich.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen