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Flüchtlinge : Auf Sylt endlich in Sicherheit

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Um dem IS-Terror zu entkommen, ist eine junge Familie aus Syrien nach Deutschland geflohen. Auf der Insel Sylt fühlen sie sich geborgen.

shz.de von
erstellt am 06.Aug.2015 | 05:30 Uhr

Sie haben ihr Haus verkauft, ihr Auto und fast alles, was sie besaßen, um endlich ohne Angst leben zu können. Rund vier Monate waren Basem Ibrahim und Rita Mahran mit ihrem Sohn John unterwegs, nachdem sie beschlossen hatten, ihre syrische Heimat zu verlassen. Nach 27 Tagen erreichten sie zu Fuß die Türkei, von dort ging es nach Griechenland und weiter nach Berlin, bevor sie auf Sylt ankamen. Sie wollten nur eins: Dem Terror des IS entkommen.

„Als Christen mussten wir ständig um unser Leben bangen“, erzählt der 37-jährige Ibrahim. „Wir durften nicht arbeiten, kein Licht an machen und haben uns kaum aus dem Haus getraut – Freiheit gab es für uns nicht.“ 20  000 Euro hat er gezahlt, damit Schleuser ihm und seiner Familie bei der Flucht helfen und sie über die syrische Grenze bringen.

Seit einem halben Jahr leben die drei jetzt auf der Insel und fühlen sich endlich sicher. In ihrer Heimat haben Basem Ibrahim und seine 29-jährige Frau als Sportlehrer an einer Schule gearbeitet. „Vor fünf Jahren war noch alles wunderbar. Wir haben beide gearbeitet, hatten ein großes Haus und genügend Geld“, sagt Ibrahim, während sich sein Blick vom Gesprächspartner löst und in die Ferne schweift.

Jetzt ist alles anders: Inzwischen hat der Krieg ihre Heimat, die Kurdenstadt Hasaka im nordöstlichen Zipfel Syriens, erreicht. „Meine Stadt in Syrien war sehr schön, jetzt ist alles kaputt“, sagt der sportliche Mann. „Zurück wollen wir auf keinen Fall – sondern alles hinter uns lassen und neu anfangen“, sagt Rita Mahran, und ballt die Hände zu entschlossenen Fäusten.

Der Neuanfang ist erst einmal nicht leicht – die beiden mussten viele geliebte Menschen zurücklassen. Die Eltern und einige Geschwister des Paares sind in der umkämpften Stadt geblieben, für die Flucht seien sie zu alt. Ihre Häuser sind zerstört, in einer Kirche haben sie jetzt Zuflucht gefunden. Täglich telefonieren die beiden Syrer mit den Angehörigen – die schlechten Träume und Ängste um die Daheimgebliebenen bleiben trotzdem. „Sobald wir in Deutschland ein Leben aufgebaut haben, wollen wir versuchen, die Eltern nachzuholen“, sagt Mahran.

Sorge machen sich die Asylbewerber auch um ihren fünfjähriger Sohn: „Seit der Flucht zwinkert John ständig mit den Augen“, sagt die aufgeschlossene Frau. Diesen Tick – den er sich angewöhnte, als er während der Flucht mehrere Wochen von seiner Mutter getrennt war – lege er erst langsam wieder ab. „Der Junge fragt jeden Tag, wo seine Großeltern und Freunde sind“, erzählt der Vater „und sein Huhn vermisst er auch.“ Der Kleine könne nicht verstehen, warum er jetzt hier auf Sylt ist und nicht mehr in seiner vertrauten Umgebung in Syrien.

Um ihrem Sohn wieder ein geregeltes Leben bieten zu können, wollen die beiden jetzt so schnell wie möglich Deutsch lernen. Für zunächst drei Jahre dürfen sie in Deutschland bleiben. Bald wollen sie wieder in ihren Berufen arbeiten und Kinder unterrichten. Das ständige Nichtstun hält Basem Ibrahim nur schwer aus, das mache ihn rastlos. Auch seine Frau, deren Tage in Syrien ausgefüllt waren, bemüht sich um eine sinnvolle Beschäftigung.

„Wir sind hier auf Sylt so gut aufgenommen worden, jetzt möchten wie auch was zurückgeben“, sagt der 37-Jährige. „Ich würde alles machen, auch Lastwagenfahren, den entsprechenden Führerschein habe ich“, sagt der Lehrer.

In der Norddörferschule in Wenningstedt hat er ein Praktikum absolviert. Mit Erfolg, wie das Zeugnis zeigt, das ihm die Schulleiterin ausstellte. Sein Abschlusszeugnis aus Syrien haben die Eltern aus dem Kriegsgebiet per Kurznachricht über das Handy geschickt. Mehrere Stunden täglich versucht Basem Deutsch zu sprechen – teilweise auch mit Freunden und Geschwistern, die nach der Flucht aus Syrien in anderen Städten Zuflucht fanden.

Ohne Hoffnung ist die Familie nicht: In rund sechs Monaten erwarten sie ihr zweites Kind. Basem Ibrahim wünscht sich einen zweiten Jungen. „Ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, das ist mir ganz egal“, sagt die werdende Mutter, „Hauptsache, er wächst sicher auf“.

 

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