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Polizei-Reportage auf der Insel : Auf Streife mit Sylts Ordnungshütern

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Bei Nacht finden die spannenderen Einsätze statt – oder es passiert gar nichts. Eine Reportage über den Alltag bei der Polizei.

shz.de von
erstellt am 02.Okt.2013 | 06:00 Uhr

Sylt | Es ist Freitagabend, kurz vor Mitternacht. Wie es sich für das erste Wochenende des Surfcups gehört, ist die Partymeile in der Paulstraße brechend voll. Hier ist kaum ein Durchkommen, trotzdem lenkt Erik Bewersdorf den Streifenwagen der Polizei durch das Gedränge. „Gerade an einem solchen Abend müssen wir uns einen Überblick darüber verschaffen, wie die Stimmung ist“, erklärt der Polizeibeamte. Die Stimmung ist entspannt, die umstehenden Leute machen zwar ein paar Witze, räumen die Straße aber bereitwillig für das Polizeiauto.

Es ist eine ruhige Nacht für die Spätschicht der Sylter Polizei, trotzdem sind drei Streifenagen unterwegs. Bewersdorf verwarnt einige Radfahrer, die ohne Licht fahren, erklärt Urlaubern den Weg zum nächsten Taxistand und sagt einem Jugendlichen, er solle sich in dieser Nacht benehmen. „Wenn man hier jahrelang Dienst macht, kennt man seine Pappenheimer“, erzählt Bewersdorf. Der 27-Jährige hat mit 19 Jahren seinen Bäderdienst auf Sylt abgeleistet und ist danach auf der Insel geblieben. Jetzt lebt er hier zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Seine Partnerin ist glücklich, dass er als Polizist auf Sylt arbeitet und nicht in Kiel. „Sie muss nachts nichts wach liegen. Hier haben wir ein anderes Klientel. Messerstechereien oder groß angelegte Prügeleien gibt es fast nie“, sagt Bewersdorf.

Dann kommt der erste Einsatz durch das Funkgerät. Eine alte Frau öffnet die Tür nicht und ihr Fernseher läuft auf voller Lautstärke. Erik Bewersdorf und sein Kollege vom Bäderdienst fahren in die angegebene Straße. „Solche Fälle kommen häufiger vor. Wahrscheinlich ist alles in Ordnung, aber es kann sein, dass die Frau gestürzt ist und Hilfe braucht“, erklärt Bewersdorf. Aber vor Ort öffnet die Frau auch auf mehrmaliges, lautes Klopfen und Rufen nicht. Die Streifenpolizisten müssen Feuerwehr und die Mitarbeiter des Roten Kreuzes anrufen, um die Tür aufzubekommen. Wenig später stehen insgesamt acht Mann vor der Tür und Ortswehrführer Jörg Elias lässt das Schloss aus der Tür nehmen. In der Wohnung sitzt die 100-jährige Bewohnerin munter auf ihrem Sofa. „Kinder, was macht ihr denn für Sachen? Ich tue doch keinem was!“, ruft sie, sichtlich erschrocken über die vielen unerwarteten nächtlichen Besucher.

Immerhin – alles ist in bester Ordnung. Nachdem ein neues Schloss eingebaut und die Dame in die Obhut ihres Nachbarn übergeben ist, können Polizei, Feuerwehr und Sanitäter wieder abziehen. Erik Bewersdorf lenkt den Streifenwagen Richtung Kampen. Der Polizist arbeitet lieber nachts als tagsüber. „Am Tag gibt es oft Sachbeschädigungen oder Unfälle. Aber die spannenden Sachen passieren eher nachts. Da hat man dann einen ganz anderen Adrenalin-Spiegel.“ Auch wenn es natürlich auch Nächte gebe, „die ziehen sich wie Kaugummi. Dann macht man mehr Verkehrskontrollen oder kann auch in Bereitschaft gehen.“

In Kampen sind die Straßen wie leer gefegt. Die Luxus-Häuser hier sind laut Bewersdorf „top geschützt – das wissen auch die Diebe.“ Autodiebstähle gäbe es fast keine auf der Insel. „Da müsste man schon sehr blöd sein, auf einer Insel ein Auto zu stehlen. Neulich hatten wir das. Da hatte der Dieb noch nicht einmal das Kennzeichen gewechselt und parkte auch noch direkt vor dem Fitness-Studio. Dort waren auch mehrere Polizisten, die sofort ihre Kollegen anriefen und den Dieb stellen konnten.“ Mit dem, was man im Fernsehen sieht, hat die alltägliche Polizeiarbeit nur sehr wenig zu tun. Das sagt auch Polizeioberkommissar Jan Brodersen, der in dieser Nacht Dienstgruppenleiter ist und die Einsätze koordiniert. „Den Tatort im Fernsehen sehe ich mir nur selten an, da habe ich immer im Hinterkopf, dass das totaler Quatsch ist.“ Das finge schon bei den zusammengestückelten Uniformen an. „Außerdem finden die Vernehmungen bei uns natürlich nicht in abgedunkelten Räumen statt und niemand wird angeschrien.“ Auswirkungen hat das Fernsehgeschehen aber schon. „Wenn man zum Tatort kommt und Fingerabdrücke mit Pinsel und Pulver nimmt, sind die Leute oft verwundert, dass wir nicht so technische Geräte wie bei CSI-Miami haben“, sagt Erik Bewersdorf. „Dabei haben wir hier bis 2000 noch mit einer Schreibmaschine gearbeitet und Internet haben wir erst seit 2006.“

Im Streifenwagen knackt wieder das Funkgerät. Der nächste Einsatz: Ein Mann hat aus Westerland angerufen, weil ein anderer Mann seine Frau geschlagen haben soll. Vor Ort stellen Bewersdorf und sein Kollege fest, dass der Anrufer betrunken ist und dem angeblichen Schläger eine Kopfnuss verpasst hat. Die Frau spricht kein Deutsch, vermittelt der Polizei aber, sie sei nicht geschlagen worden. „Solche Situationen sind schwierig für uns“, sagt Erik Bewersdorf. „Wenn niemand eine Anzeige macht und wir nicht selber dabei waren, können wir auch nichts machen.“ Der Rest der Nacht verläuft ruhig. Bis sieben Uhr morgens sind die Polizisten noch im Dienst, dann können sie nach Hause gehen.

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