Auf der Jagd nach der perfekten Welle

eine Spur von Altersschwäche: Gaston Surtmann ist Deutschlands ältester aktiver Surfer und reitet die Nordseewogen wie ein 30-Jähriger ab. Foto: Korell
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eine Spur von Altersschwäche: Gaston Surtmann ist Deutschlands ältester aktiver Surfer und reitet die Nordseewogen wie ein 30-Jähriger ab. Foto: Korell

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02. Oktober 2010, 07:56 Uhr

Kampen | "Guck dir den alten Mann an", staunt Tom Surtmann (29) ehrfürchtig zu seinem Bruder Tim (30) gewandt. Die beiden triefen vor Nässe. Gerade sind sie die Welle vor der Sturmhaube in Kampen abgeritten. Jetzt verfolgen sie die souveräne Surfkür ihres Vaters Gaston (71), einem der so genannten Väter des Wellenreitens hierzulande und gleichzeitig Deutschlands ältester noch aktiver Surfer.

Die Anfänge des Wellenreitens auf Sylt gleichen der Menschheitsgeschichte: In den 50er Jahren standen die Rettungsschwimmer von ihren Brettern auf. Bis dahin hatten sie sich nur im Liegen mit den Händen paddelnd auf ihren 50 Kilo schweren Longboards fortbewegt, um Ertrinkende zu retten. Dann erwarb einer der Sylter Beach-Boys in Südfrankreich ein richtiges Surfbrett und brachte es an die Nordsee mit. 1966 gründeten die Sylter Lebensretter die erste Surfschule hierzulande. Der Grundstein für den deutschen Surfsport war gelegt, ein neues Lebensgefühl entstand: im Sommer verdingten sich die Clique um Uwe Draht, Uwe und Dieter Behrens, Falk Eitner, Jens Körner und dem gebürtigen Österreicher Gaston Surtmann als Rettungsschwimmer. Im Winter ging es zum Surfen ab in den Süden, dem Sommer und der besten Welle hinterher.

Die Sylter Surfer prägten einen Lifestyle, der bis heute das wahre Wesen ihrer Nachfolger ausmacht. Eins hat sich aber doch verändert: Die Flugstrecken ins Winterquartier sind weiter geworden. "Im Januar geht es nach Indo", sagt Tom Surtmann. Er meint Indonesien. Tagsüber wird auf den Wellen geritten, nachts Party gemacht. Toms Bruder Tim folgt ihm nach Bali, genau wie viele andere Sylter Surfer der "dritten Generation", wie die jungen Surtmanns sich und ihre Kollegen nennen. Gemeinsam haben die surfenden Friesen mit ihren Boards im Gepäck die Welt bereist. Costa Rica, Sri Lanka, Australien oder irgendein Strand Südeuropas lockten die feschen Wellenreiter, die vor keiner noch so hohen Brandung zurückschrecken.

"Vor dem Flug in die Ferne steht noch ein wichtiges Ereignis an", sagt Tom Surtmann. Am 9. Oktober starten die Quicksilver German Championships, die Deutschen Meisterschaften im Wellenreiten, vor Mimizan. Für die Surtmann-Brüder ist diesmal an der französischen Atlantikküste vielleicht ein Sieg drin. Denn ihre bisherigen Erfolge sind bemerkenswert. Bei den Deutschen Meisterschaften verpasste Tim 2009 knapp den Titel und bei den Hochschulmeisterschaften schaffte er es ins Finale.

Der ältere der beiden Brüder kann mit dem zweiten oder dritten Platz auch leben. Die letzten Jahre hat er nämlich nicht nur dem Surfen, sondern vor allem seinem Wirtschaftsingenieurstudium gewidmet. "Ich wollte was mit Perspektive machen", erklärt der Welleneiter, der inzwischen sein Diplom in der Tasche und eine Stelle bei Airbus hat, den akademischen Seitensprung. Das Surfen verliert er aber nicht aus dem Auge: "So kann ich an vielen Standorten in Europa arbeiten. Immer in Wellennähe natürlich!"

Ob die nachfolgenden Surfer ahnen, auf welch lebenslange Passion sie sich einlassen? Womöglich nicht. Wie Gaston Surtmann seinen Söhnen das Surf-Gen vererbt hat, so geben die jungen Wellenreiter die Liebe zum Funsport dem Nachwuchs weiter. Der jüngste unter den Sylter Surfstars wird in Mimizan der zehnjährige Johannes Pagel sein. Auf dem Brett stehen vom 9. bis 17. Oktober auch die Nachwuchstalente Kai Drewitz, Rachel Scheele und Robine Fuhrmann - alles Kinder und Kindeskinder von Sylter Surfern.

Von rund 200 Teilnehmern gehören 25 dem Surf Club Sylt (SCS) an. Dessen erklärtes Ziel: "Finalteilnahme wiederholen und die Clubmeisterschaftswertung nach Sylt bringen." Damit das klappt, laufen die letzten Vorbereitungen für das Team auf Hochtouren. Und da die Wellen vor Sylt nicht immer garantiert sind, fuhr der SCS noch einmal zum Üben nach Bispingen, zur neu eröffneten Stehenden Welle. Nun können die hohen Wogen des Atlantiks ruhig heranrollen.

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