Sylts "Grüner Riese" : Auf Augenhöhe mit Fischer und Münte

Auf seiner Gitarrenbox befinden sich Aufkleber aus 'alten Zeiten' vom Jugendzentrum (rechts) und von der 'Grünen Liste' (links). In seiner linken Hand hält Werner den 'Spiegel', mit Franz Müntefering auf dem Cover, mit dem er mal auf 'Augenhöhe arbeitete'. Foto: Stralau
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Auf seiner Gitarrenbox befinden sich Aufkleber aus "alten Zeiten" vom Jugendzentrum (rechts) und von der "Grünen Liste" (links). In seiner linken Hand hält Werner den "Spiegel", mit Franz Müntefering auf dem Cover, mit dem er mal auf "Augenhöhe arbeitete". Foto: Stralau

Auf Sylt ist "Mr. Bürgerinitiative" - Gerd Peter Werner - inselbekannt. Er mischte und mischt sich überall dort ein, wo er Unrecht wittert und war einer der ersten Grünen im Bundestag. Morgen feiert der Heilpraktiker im JUZ seinen 70. Geburtstag.

shz.de von
19. September 2008, 07:27 Uhr

Sylt | Irgendwann sind sie ihm einfach enteilt, die Franz Münteferings und Peter Strucks und "sogar eine Claudia Roth". Und heute, da lächeln ihm die Wegbegleiter aus alten Parlaments-Zeiten von den großen Politmagazinen aus nach Sylt zu.
"Selbstsicherheit im Gesicht"

Gerd P. Werners Gesicht stellt Selbstsicherheit zur Schau, als er davon erzählt. Es verrät, er hätte es auch dorthin geschafft - wenn er gewollt hätte. Immerhin war Werner, der am Dienstag 70 wurde und seit 1967 auf Sylt lebt, einer der ersten Grünen im Deutschen Bundestag, von 1985 bis 1987. Die "Grüne Liste Schleswig-Holstein", der er angehörte, steht als Gründungsmitglied in der Satzung der Bundespartei, die es seit 1980 gibt. "Eine spannende Zeit, die Achtziger", sagt Werner, in der er mit eben jenen Politikgrößen von heute "auf Augenhöhe gearbeitet hat". Den Mann, der den Grünen jahrelang sein Antlitz und seine "hochgradigen politischen Fähigkeiten" lieh - Joschka Fischer - hat er erst kürzlich in Berlin wiedergetroffen: zum 25-jährigen Jubiläum des Grünen-Einzugs in den Bundestag.
Stoff für spannende Geschichten

Werner erinnert sich an gemeinsame Bonner Zeiten, an einen Abend in einer ihrer Stammkneipen unweit des Regierungsviertels: Da saßen er, ein Journalist und Fischer mit einer Dame an seiner Seite, die offensichtlich nicht für die Medien-Öffentlichkeit bestimmt war. Denn als der "junge Journalist", seine Chance auf ein gutes Bild witternd, blitzschnell seine Kamera unter dem Tisch hervorzog und knipste, da habe ihm "Joschka sein halbvolles Bierglas ins Gesicht gekippt". Während der mit dem Gerstensaft Übergossene zu weinen anfing, "nahm Joschka seelenruhig den Film aus der Kamera und zerriss ihn". Es war dies eines jener abseitigen Erlebnisse, die Stoff für spannende Geschichten lieferten. Der zählbare politische Erfolg der Grünen indes blieb in den ersten vier Jahren Bundestag (83-87) fast aus. Werner: "Nur einen Antrag bekamen wir durch - das Importverbot für Schildkrötensuppen in Dosen."
Werner engagiert sich bis heute

Nicht messbar, dennoch effektiv sei vielmehr ihr (unsichtbares) Wirken in die Gesellschaft hinein gewesen. "Unsere Themen wie Gleichberechtigung und der Kampf gegen Atomkraftwerke haben noch heute eine aktuelle bundespolitische Dimension." Eine Erkenntnis, die Werner aus diesen Jahren mitnahm: "Außerparlamentarisch aktiv zu sein, lohnt sich. Die Ergebnisse waren sehr ermutigend." Vielleicht hat er sich auch deshalb Ende der Achtziger aus der großen Politik verabschiedet und sich wie schon vor den Bonner Jahren seinem unmittelbaren Sylter Umfeld zugewandt. Ob als jahrelanges Mitglied der Westerländer Stadtvertretung, als Vorsitzender der Fluglärm-Initiative (bis 2007), als Mitglied der Naturschutzgemeinschaft oder weiterhin aktiver Insel-Grüner, Werner engagiert sich bis heute, wo er nur kann.
Pläne von höchster Stelle gekippt

Kaum eine Sylter Bürgerinitiative seit 1970, bei der der Mann mit dem Vollbart nicht an vorderster Stelle zu finden war oder "zumindest um Rat gefragt wurde, wie man am klügsten vorgeht". Erinnert sei an die Bürgerinitiative gegen das 100-Millionen-Mark-Projekt "Atlantis" in Westerland, der Werner 1970 vorstand. Die Pläne der Stadtväter wurden von höchster Stelle gekippt: "Schleswig-Holsteins damaliger Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg (CDU) lehnte das Projekt aus genau den ökologischen Gründen ab, die wir zuvor angeführt haben."

So erfolgreich wie der in Hamburg-Altona aufgewachsene Werner und seine Mitstreiter in ihrer öffentlichen Wirkung agierten, so schnell schwamm er Anfang der 1960er durch Sylter Gewässer: als erster Rettungsschwimmer am Wenningstedter FKK-Strand 1960. "Da war ich noch gertenschlank", sagt der ausgebildete Heilpraktiker, den seine Duz-Freunde nur "Kreon" rufen. Ein Name, den er in der Penne bekommen habe, als er in dem Theaterstück "Antigone", einer Tragödie des Sophokles, den "Onkel Kreon" gab. Mittlerweile ist er weit mehr als das: Auch stolzer Großvater zweier Enkel; und hat zusammen mit seiner Frau das Singen im Gospel-Chor "Island-Voices" als Passion entdeckt.
"War ich nicht neulich noch Rettungsschwimmer?"

Die Zahl 70 weckt in ihm ein "seltsames Gefühl" - gerade im Vergleich mit anderen Altersgenossen. "Da frage ich mich, ob ich wirklich mit denen in eine Tüte gehöre."

Wenn Gerd P. Werner, Sylts grünes Urgestein, morgen ab 11 Uhr in dem von ihm mitbegründeten Jugendzentrum Geburtstag feiert, schließt sich für ihn ein Kreis. 1972/73 entwickelte er, noch als Mitglied der SPD, das Konzept für das Haus. Kurz danach kehrte er den Sozialdemokraten den Rücken und schaffte es in die Bundespolitik.

Dass ihm seitdem nicht nur einige Politiker enteilten, sondern auch Lebensjahre, verdeutlicht der (Text-)Einstieg in seine Geburtstagseinladung zum Siebzigsten. "Das bin ich doch gar nicht! War ich nicht neulich noch Rettungsschwimmer?"

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