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Lister Offiziersheim zu verkaufen : Auch Nazi-Bauten halten keine tausend Jahre

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Das denkmalgeschützte Lister Offiziersheim steht zum zweiten Mal zum Verkauf. Die Sylter Rundschau hat sich in dem seit sieben Jahren leer stehenden Nazi-Bau umgesehen.

70 Jahre lang feierten hier erst die Offiziere der Wehrmacht, später die der Bundeswehr rauschende Feste oder entspannten sich beim Blick über das Wattenmeer an der Bar, am Kamin oder in der Kegelbahn. Heute verschluckt die noch immer gleiche Holztäfelung an Wänden und Decke nur noch die Schritte von Hausmeister Rösler.

Als einziger Sylter Bediensteter der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) ist er für alle Bundesliegenschaften der Insel zuständig. Und damit seit sieben Jahren auch für das verlassene Offiziersheim und die vier umliegenden Strandhäuser der 2007 geschlossenen Marineversorgungsschule.

Alle ein bis zwei Tage sieht Rösler im O-Heim nach dem Rechten – und führt neben Denkmalschützern vor allem Kaufinteressenten durch den von außen eher schlichten dreiflügeligen, reetgedeckten Backsteinbau auf der Düne mit grandiosem Ausblick übers Watt. Rösler kennt hier jeden Quadratmeter – von der Kegelbahn und den Kühlräumen im Keller bis zum riesigen Dachboden mit den Haustür-großen Löchern im Reetdach. „Die letzten beiden Orkane haben dem Dach ordentlich zugesetzt, das kriegt man kaum noch geflickt“, sagt Rösler. Genauso wenig wie die während der letzten eisigen Winter geplatzten Heizkörper im Obergeschoss. Nicht ganz so arg sind die Spuren, die gelegentliche ungebetene Gäste hinterlassen haben: ein eingeworfenes Fenster, zerschlagene Bierflaschen und leere Bierdosen sowie ein Loch in einem der drei bleiverglasten Fenster an der Rückwand des Ballsaals.

Diese Fenster des Berliner Glaskünstlers August Wagner (1894-1973) sind wie der Großteil der Innenarchitektur noch im Originalzustand der Jahre 1935/36, als das Offiziersheim als Teil des in Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges rasant wachsenden Lister Seefliegerhorstes gebaut wurde. Eine weitere Kostbarkeit ist die Tür zwischen Kamin- und Fischerzimmer, die eine großflächige Holzschnitzerei von Otto Hitzberger (1878-1964) ziert, einem der bedeutendsten süddeutschen Bildschnitzer seiner Zeit.

Für die Denkmalschützer ist all dies Grund genug, das gesamte Ensemble aus O-Heim und den vier Mannschaftsunterkünften – sowie Schwimm- und Sporthalle auf dem Kasernengelände – als eingetragenes Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung einzustufen. „Diese Bauten haben einen großen dokumentarischen Wert als Zeugnisse der Architektur in der Zeit des Nationalsozialismus“, sagt Dr. Astrid Hansen vom Landesamt für Denkmalpflege. Und dürfen vom künftigen Eigentümer nur mit Zustimmung des Denkmalschutzes verändert werden. Zu den prägenden und damit unveränderbaren Besonderheiten gehört vor allem der fast 200 Quadratmeter große Ballsaal mit der markanten Orchester-Empore und der sechsfenstrigen Front, der sich eine verandaartige Terrasse mit acht hohen Holzsäulen anschließt.

„Unter Schutz stehen auch die originalen Ausstattungselemente im Inneren“, betont Astrid Hansen, die angesichts des immer schlechter werdenden baulichen Zustandes hofft, dass sich schnell ein Käufer findet, der all dies erhält. Auch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) wäre das fast 80 Jahre alte Gebäude-Ensemble lieber heute als morgen los, statt es weiter mehr schlecht als recht zu heizen und zu erhalten. Nachdem ein erster Verkauf rückabgewickelt werden musste, weil sich die Vorstellungen der Investoren nicht realisieren ließen, läuft jetzt noch bis Mitte März ein zweites Ausschreibungsverfahren, bei dem es keine bestimmte Kaufpreiserwartung gibt. „Wir wollen nicht den höchsten Preis erzielen, sondern vor allem einen schnellen Abschluss und eine Nutzung, der auch die Gemeinde zustimmt“, sagt Hardy Ivers von der BImA. Ein Vertragsabschluss noch in der ersten Jahreshälfte ist das erklärte Ziel.

Bis dahin wird Rösler seine Runden durch das Offizierheim drehen, und dabei vielleicht etwas vom Hauch der Geschichte spüren – wenn nicht gerade mal wieder der Strom oder die Heizung ausgefallen ist. Anlässe, die Fantasie spielen zu lassen, gibt es genug. Zum Beispiel beim Betrachten der handgefertigten Fliesen, die den Kamin zieren. Auch nach sieben Jahren rätselt Rösler noch immer, von wem und wann all das kunstvolle Seegetier, die Schiffe und sogar Flugzeuge wohl angefertigt worden sind. Den Denkmalschützern waren sie jedenfalls keine Erwähnung wert. Vielleicht findet sich ja unter den ehemaligen Lister Offizieren noch jemand, der es weiß... 

 

Objektbeschreibung: Die öffentliche Ausschreibung für das Lister Offiziersheim findet sich auf der Internetseite der BImA (www.bundesimmobilien.de). Das Dünenareal (siehe Luftbild) ist insgesamt 5,1 Hektar groß und steht unter Naturschutz. Neben dem O-Heim auf einer Grundfläche von 980 Quadratmetern gibt es vier Strandhäuser (je 370 Quadratmeter) mit jeweils 20 Gästezimmern inklusive Sanitärräumen. Die als Gesamtensemble denkmalgeschützten Gebäude wurden zwischen 1935 und 1940 errichtet. Im Norden und Osten des Hauptgebäudes gibt es unterirdische Bunker.
 

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erstellt am 02.Feb.2014 | 15:30 Uhr

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