Atemholen im Hier und Jetzt

Schwester Franziska vor dem Motiv des Fischers nach getaner Arbeit.  Fotos: Fleischmann
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Schwester Franziska vor dem Motiv des Fischers nach getaner Arbeit. Fotos: Fleischmann

Eine Sonderausstellung in der katholischen Kirche St. Christophorus in Westerland zeigt Wandteppiche der Künstlerin Sylvia Vandermeer

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17. Juli 2018, 05:30 Uhr

Kirchen sind meist Orte der Stille. Orte, an denen man innehalten und Kraft schöpfen kann, für den Trubel des Alltags. Besonders die Stadtkirchen bieten all jenen Zuflucht, die einen Moment der Ruhe benötigen, um durchzuatmen und sich zu sammeln.

In der Westerländer Kirche St. Christophorus trägt die Sonderausstellung mit den Wandteppichen der Künstlerin Sylvia Vandermeer derzeit doppelt dazu bei, Ruhe und geistige Entspannung zu finden. Denn die zehn großformatigen Motive laden zur Meditation, zum Innehalten und zur Kontemplation ein. „Diese zehn Teppiche sind Teil der Ausstellung Atemholen im Glauben, die noch vier Wochen lang hier in Westerland zu sehen ist“, berichtet Schwester Franziska. „Weitere vier Teppiche dieser Serie hängen gerade in St. Ulrich in St. Peter Ording und vervollständigen den Zyklus.“


Momente der Spiritualität

Großformatig, farbenprächtig und ausdrucksstark ziehen die Motive den Betrachter in ihren Bann und laden dazu ein, still zu werden. „Sie zeigen alle Alltagssituationen, doch sie zeigen vor allem Orte der Stille, die die Künstlerin überall auf der Welt gefunden hat“, berichtet Schwester Franziska weiter. „Die Motive stammen aus Mexiko, wie das Blumenboot mit Mutter und Tochter, oder aus Italien und zeigen Menschen bei ihrer alltäglichen Arbeit. Sylvia Vandermeer hat sie auf ihren Spaziergänger eingefangen und als Gemälde umgesetzt.“ Mit Hilfe einer speziellen Technik konnten die Originalgemälde aus Tempera schließlich auf Teppiche gedruckt werden, die für Jedermann käuflich zu erwerben sind.

Die Künstlerin, Prof. Dr. Sylvia Vandermeer, geboren 1968, ist Mitglied der katholischen Kirchengemeinde St. Bonifatius auf Rügen, freischaffende Künstlerin und habilitierte Wirtschaftswissenschaftlerin. In ihrem Werk sucht sie immer wieder nach Momenten der Spiritualität im Alltag der Menschen. So entstehen Motive, die zum Beispiel einen Fischer nach getaner Arbeit zeigen. Er breitet seine Netzte zum Trocknen aus und kommt vor einem kleinem Feuer zur Ruhe und zu sich selbst. Ein anderes Bild zeigt eine Frau, die ihre Wäsche zum Bleichen und der Sonne ausbreitet und dabei ganz bei sich ist. Daneben sieht man Mutter und Tochter in einem schmalen Boot voller Blumen und Gemüse zum Markt fahren. Das kleine Mädchen mit den langen Zöpfen lässt ihre Hand durch das glasklare Wasser gleiten und scheint in ihre Gedanken versunken zu sein. Die Ruhe dieser Bilder geht direkt auf den Betrachter über, lässt ihn still und andächtig werden und lässt Momente der Kontemplation, des geistigen Sichversenkens, entstehen. Besonders gut gelingt dies beim Betrachten des Labyrinths von Chartres, das aus farbigen Steinplatten den Boden der französischen Kathedrale ziert. Unweigerlich folgt man den Schlaufen, um das Innere zu erreichen und wird dabei an die verschlungenen Wege erinnert, die das Leben eben so nimmt.

Wem die Betrachtung der Bilder allein nicht genug ist, bekommt im Begleitheft zur Ausstellung wertvolle Anleitungen, die kein Geringer als Dr. Anselm Grün verfasst hat. Anseln Grün ist nicht nur Mönch und Wirtschaftsverwalter der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, er wird auch als Seelsorger und geistlicher Begleiter weltweit geschätzt. Er zählt zu den meistgelesenen christlichen Autoren der Gegenwart und interpretiert die Werke Sylvia Vandermeers zum wiederholten Mal. Im Vorwort bezeichnet Grün die Bilder Vandermeers als „magischen Realismus, der uns einläd, uns beim Betrachten der Bilder in die Gemälde hineinziehen zu lassen” und dabei den „inneren Raum der Stille” in uns zu finden. „Die Bilder haben also eine spirituelle Aufgabe”, so Grün. Wer sie selbst ergründen möchte, hat dazu noch bis zum 15. September Gelegenheit.

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