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Serie Sylter Köpfe : Arbeitsplatz in luftiger Höhe - Knud Remmer arbeitet als Leuchtturmführer

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Von kalten Füßen und riesigen Petticoats: Seit vier Jahren ist Remmer Leuchtturmführer in Hörnum. Der ehemalige Krabbenfischer kümmert sich auch um Paare, die in luftiger Höhe heiraten.

138 Stufen trennen Knud Remmer vom Eingang des Leuchtturms bis zur Aussichtsplattform in 33 Metern Höhe. Montags, mittwochs und donnerstags muss er die viermal täglich rauf und wieder runter steigen. 1  104 Stufen sind das Mindest-Tagespensum.

Fitness-Studio? Darüber kann der 65-jährige nur lachen. „Das brauche ich nicht“, sagt er. Seit vier Jahren ist der Hörnumer Leuchtturm sein Arbeitsplatz. Ein einzigartiger, in vielerlei Hinsicht. „Jeder Leuchtturm hat sein eigenes Lichtzeichen. Dieser sendet einen Blitz von 0,42 Sekunden aus. Dann macht er eine Pause von 2,5 Sekunden. Dann kommt wieder ein Blitz von 0,42 Sekunden, gefolgt von einer 5,5-sekündigen Pause. So kann jeder auf See erkennen, auf welchen Leuchtturm er zusteuert“, erklärt der ehemalige Seemann. Eine weitere Besonderheit, die nicht nur auf Sylt, sondern deutschlandweit einmalig ist: Bis zum Jahr 1933 war ein Zimmer des 1907 erbauten Leuchtturms die Schule des Orts. „Der Ort Hörnum war ja erst im Entstehen, damals gab es nur zwei Häuser hier. Und die waren zu klein für eine Schule.“ Und dann ist da noch dieses kleine, kuschlige Trauzimmer. Wen Amors Pfeil ins Herz getroffen hat, kann sich in luftiger Höhe auf etwa 25 Metern das Ja-Wort geben. Dass er mal Sylter Urlaubern einen Leuchtturm erklären oder Paare bei ihrer Hochzeit begleiten würde, das hätte sich der eingefleischte Seefahrer nicht träumen lassen.

Der kernige Nordfriese stammt aus einer Fischerfamilie in Tönning. Nach seiner Lehrzeit wird er Fischer auf einem Krabbenkutter. Zwischen Elbe und dänischer Grenze gehen ihm Krabben, Seezungen und Schollen ins Netz – und bei einem Aufenthalt im Hörnumer Hafen schließlich seine zukünftige Frau. So wird 1974 aus dem Tönninger Jung ein Hörnumer. Längst ist die Insel zu seiner Heimat geworden. Weg möchte er nicht mehr. Nur manchmal, da fühlt er sich ein bisschen eingesperrt.

„Man kann eben nur bis nach List oder Morsum. Mal eben nach Flensburg zum Einkaufen oder nach Kiel ins Theater, das geht nicht.“ Dafür genießt Remmer die einzigartige Natur: 200 Meter hinter seiner Haustür beginnt der Strand und von seinem Arbeitsplatz aus liegen ihm die wilde Dünenlandschaft, das Meer, die Halligwelt und die Nachbarinseln zu Füßen. Jeden Tag sieht die Landschaft anders aus. „Mal hat man klare Sicht, dann ist es wieder so neblig, dass man von oben den Strand nicht sehen kann. Aber es ist immer wieder schön“, findet Remmer.

Und dann wären da noch die unzähligen romantischen und auch komischen Momente, die er in seinem Job erlebt – immerhin hat der ehemalige Seefahrer mittlerweile Hunderte von Brautpaaren für das Ja-Wort in den Leuchtturm geführt. Eine Braut, die sich nicht traut, war noch nicht dabei. „Wohl aber ein Bräutigam, der etwas kalte Füße hatte. Der war so nervös, dass ich ihm bei einem Strandspaziergang gut zureden musste. Am Ende hat er dann auch ‚Ja‘ gesagt“, schmunzelt Knud Remmer.

Die wettergegerbten Fältchen um die blauen Augen graben sich noch ein Stück tiefer ein, als er weitere Geschichten erzählt. Von Paaren, die mitsamt Trauzeugen betrunken oder auch zu spät zur eigenen Trauung auftauchen. Von einem Paar, dass sich mit weit über 70 Jahren noch getraut hat. Und von anderen Hindernissen. „Einmal kam eine Braut, die etwas korpulenter war und dazu noch ein sehr ausladendes Brautkleid anhatte, mit einem riesigen Petticoat. Wir wollten in den Turm einsteigen, doch das ging nicht. Das Kleid war einfach zu breit. Also musste der Petticoat aus, erst dann konnten wir rein“, grinst Remmer. Für die Fotos zog die Braut ihn wieder an, nur um ihn für den Gang ins Trauzimmer wieder auszuziehen. „Mehrmals ging das so und der arme Schwiegervater stand dann immer mit diesem riesigen Petticoat im Arm da.

Der Kontakt zu den Paaren hat häufig über die Hochzeit hinaus Bestand. „Manche kommen wieder und zeigen ihr Baby. Das ist schon schön.“ Andere, wie Sandra und Sascha Günthner aus dem Schwarzwald, lassen sich drei Jahre nach ihrer Trauung noch einmal von Knud Remmer durch ihren Hochzeitsleuchtturm führen. „Knud Remmer verkörpert für uns perfekt das Norddeutsche, was wir so mögen“, sagt das Paar. Knud Remmer hofft, dass er gesund bleibt und den Job noch ein paar Jahre machen kann. „Dann wird man wohl dem Alter Tribut zollen müssen.“ Die 1  104 Stufen wird dann sein Nachfolger erklimmen.

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