Kriminalität : Angst vor Sylter Ladendieben

Elektronische Diebstahlsicherungen und Videoüberwachung werden von Sylter Ladenbetreibern gegen Langfinger eingesetzt.
Elektronische Diebstahlsicherungen und Videoüberwachung werden von Sylter Ladenbetreibern gegen Langfinger eingesetzt.

Der Verein Sylter Unternehmer warnt Einzelhändler vor Diebstählen. Die Kripo kann keine Besonderheiten erkennen.

von
05. Juli 2018, 04:35 Uhr

Spektakulärer Vorfall am Dienstag zur Mittagszeit in einem Optikgeschäft in der Westerländer Fußgängerzone: Ein Paar mittleren Alters, vielleicht 55 bis 65 Jahre alt, schaut sich die Brillen an. Während die Frau den Verkäufer ablenkt, steckt sich der Mann vier teure Sonnenbrillen in den Hosenbund. Eine Verkäuferin bemerkt den Diebstahl, spricht ihn an, er versucht wegzulaufen. Sie stellt sich ihm in den Weg, wird gewaltsam weggeschubst, reißt aber noch seine Hemdtasche ab, aus der ein serbischer Ausweis fällt. Das Paar kann flüchten – mit Brillen im Wert von 1920 Euro. Nun ermittelt die Sylter Kriminalpolizei.

Der Verein Sylter Unternehmer hat noch am gleichen Tag eine E-Mail an seine Mitglieder verschickt, in der vor der Masche gewarnt wird. „Bitte aufmerksam bleiben!“, heißt es in dem Warnhinweis von SU-Geschäftsstellenleiter Ronald Glauth.

Doch Glauth macht sich keine großen Hoffnungen, dass damit die Zahl der Ladendiebstähle wirksam eingedämmt werden kann. „Diebstähle gehören zum Business“, sagt er etwas resigniert, „und die Geschäfte haben sich darauf eingestellt.“

„Affektklau“ und Banden

Mit der Saison steige alljährlich auch die Zahl der Ladendiebstähle, erklärt Ronald Glauth. Die Täter ließen sich keinem bestimmten Muster zuordnen – es gebe sowohl den „Affektklau“ von Einzeltätern als auch die organisierte Kriminalität, bei der die Banden zunächst die Sicherheitssysteme der Ladengeschäfte ausbaldowern.

Elektronische Diebstahlsicherungen und Videoüberwachung sind zwei Mittel, mit denen im Kaufhaus H. B. Jensen der Ladendiebstahl bekämpft wird. Die teilweise verdeckt angebrachte, teils offensichtliche Warensicherung, die ein lautes Piepen an der Ausgangstür auslöst, schrecke viele potenzielle Täter ab. Zeitweise wird auch ein Ladendetektiv eingesetzt. Doch das beste Mittel gegen den Klau sind nach Einschätzung von Geschäftsführer Oliver Boettiger gut geschulte, aufmerksame Mitarbeiter. Ob ein Kunde zum Dieb werden könnte, sei ihm nicht anzusehen. „Wichtig ist es daher, beim Kunden zu sein.“

Für das Personal sei es ständige Herausforderung, sich um die Kunden zu kümmern, erläutert Boettiger. Das schrecke auch Kriminelle ab. Das Verkaufspersonal sei darauf trainiert, die Kunden im Blick zu haben: Wenn eine Person weniger auf die Waren als auf die Standorte der Verkäufer achtet, könnte das unter Umständen jemand sein, der die Lage auskundschaftet. Gefährlich werde es, wenn das Personal abgelenkt ist und ein Langfinger sich unbemerkt fühlt. „Diebe, die sich beobachtet fühlen, gehen wieder raus.“

Für Boettiger ist es oberstes Prinzip, dass Ladendiebe angezeigt werden. Denn: „Wer bei uns klaut, klaut auch woanders.“ Dabei sei es gerade bei professionellen Ladendieben wichtig, dass die Polizei die Täter ins Visier nimmt und ihr Auto oder ihre Wohnung nach weiterem Stehlgut untersucht. Zudem werde mit einer Anzeige klargestellt, dass Ladendiebstahl gesellschaftlich nicht akzeptiert wird. Eigentumsdelikte sind in der Einschätzung von Oliver Boettiger nach wie vor ein Straftatbestand, der auch künftig nicht wie eine Ordnungswidrigkeit behandelt werden sollte.

Kripo sieht kein erhöhtes Aufkommen

Allerdings sei es manchmal frustrierend zu sehen, wenn die Strafverfolgung nicht mit der nötigen Härte gegen notorische Ladendiebe vorgeht. So wie letztes Jahr im Falle einer Dame, die in verschiedenen Westerländer Geschäften geklaut habe und mit Hausverboten belegt worden sei. Das Verfahren sei vor Gericht eingestellt worden, die Frau kam ohne Strafe davon.

Gibt es besonders viele Ladendiebstähle in Westerland? „Nein“, sagt Kripochef Christian Wiege, „ein erhöhtes Aufkommen gibt es nicht, die Zahl der Eigentumsdelikte ist wie anderswo auch.“ Allerdings liege die Dunkelziffer der unbemerkten Diebstähle grundsätzlich sehr hoch. Genauer wollte sich der Kripochef nicht äußern.

Schaut man aber in die Landesstatistik, wurden 2017 12.128 Fälle von Ladendiebstahl registriert, 2,2 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Wie viele es wirklich waren, ist nicht bekannt. Der deutsche Einzelhandelsverband HDE schätzt die Dunkelziffer auf über 98 Prozent.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen