Nachruf : Anerkennung weit über die Insel hinaus

Ernst-Wilhelm Stojan
Ernst-Wilhelm Stojan

Mit Ernst-Wilhelm Stojan verliert Sylt einen hoch geachteten Menschen. Viele werden ihn und sein verbindliches, engagiertes Naturell vermissen.

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23. Juli 2018, 05:30 Uhr

Er war die graue Eminenz der Sylter Politik. Ein wacher, kritischer Geist, ein engagierter Streiter für soziale Gerechtigkeit und Teilhabe. Mit Ernst-Wilhelm Stojan, der im gesegneten Alter von 92 Jahren die Augen schloss, verliert Sylt einen geachteten Menschen, der weit über die Grenzen der Insel Anerkennung genoss.

1944 hatte der Krieg den gebürtigen Schlesier als jungen Soldaten auf das Eiland verschlagen. Hier fand er an der Westerländer Nicolai-Schule Anstellung als Lehrer. Er lernte die Sylterin Sigrid Andersen kennen und lieben; ihr Tod im Jahr 2009 kurz vor der Diamantenen Hochzeit wurde zu einem schweren Schicksalsschlag.

Die Karriere des Politikers Ernst-Wilhelm Stojan begann 1946 mit dem Eintritt in die SPD. Angespornt hatte ihn dazu insbesondere Andreas Nielsen, einer der prägenden Gestalter Westerlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Sozialdemokrat, der aufgrund seiner politischen Überzeugung zeitweilig in einem Konzentrationslager inhaftiert war, wurde später Westerlands Bürgermeister.

Auch Ernst-Wilhelm Stojan ging seinen Weg: Er wurde Stadtvertreter, Vorsitzender der Westerländer SPD, Bürgervorsteher und saß für seine Partei 18 Jahre im Landtag, wo er unter anderem die Funktion des Fremdenverkehrspolitischen Sprechers der SPD bekleidete.

Dass ein Politiker seinem Gewissen verpflichtet sein muss und wenn es ihn das Amt kostet – diese Konsequenz nahm Ernst-Wilhelm Stojan bereitwillig in Kauf, als das Gigantismus-Projekt „Atlantis“ die ganze Insel in Aufruhr versetzte: Das Stuttgarter Unternehmen Bense-Bau plante unweit des Westerländer Kurzentrums den Bau eines 25 Stockwerke hohen Gebäudes mit 750 Appartements.

Obwohl sich die große Mehrheit der Sylter Bevölkerung gegen „Atlantis“ aussprach, stimmte die Stadtvertretung 1971 mehrheitlich zu. Einer der schärfsten Kritiker hingegen: Ernst-Wilhelm Stojan. Das kostete ihn das Amt des Bürgervorstehers, wobei die Abwahl von den eigenen Genossen unterstützt wurde. Doch so, wie „Atlantis“ schließlich dennoch versank –das schleswig-holsteinische Innenministerium versagte dem Bebauungsplan seine Zustimmung –, nahm Ernst-Wilhelm Stojan in seiner Partei später wieder eine führende Position ein.

Sein konsequentes Streiten für eine Sache bewies sich auch in der „Affäre Reinefarth“: Heinz Reinfarth, 1951 bis 1964 Bürgermeister von Westerland und zeitweilig auch Landtagsabgeordneter, war ein Kriegsverbrecher. Gleichwohl ließ man ihn gewähren – nur wenige protestieren, darunter Ernst-Wilhelm Stojan. So war es für diesen eine späte Genugtuung, als 2013 auf polnisches Bestreben hin die Geschichte des „Henkers von Warschau“ endlich aufgearbeitet und am Westerländer Rathaus eine Mahntafel angebracht wird.

Ein 2016 von der Landesregierung in Auftrag gegebenes Gutachten des Instituts für schleswig-holsteinische Zeitgeschichte förderte indes zutage, dass Ernst-Wilhelm Stojan zeitweilig Mitglied der NSDAP war. Er, bei Kriegsende erst 19 Jahre alt, verneinte dies jedoch entschieden; die NSDAP-Mitgliedschaft hatte er auch in seinem Entnazifizierungsfragebogen nicht erwähnt.

Bekanntheit erlangte der engagierte Sylter Ernst-Wilhelm Stojan indes nicht nur als Politiker, sondern auch durch sein soziales Engagement: Er beteiligte sich am Wiederaufbau des Ortsvereins Westerland der Arbeiterwohlfahrt und leitete diesen von 1956 bis 1997 als Vorsitzender.

Zudem hatte Stojan 1974 den Vorsitz der Lebenshilfe Sylt übernommen. Unermüdlich setzte er sich für behinderte Menschen ein – Willensstärke, Ausdauer und, wenn nötig, eine gute Portion Zähigkeit prägten seine Bemühungen. In seine Ägide fiel unter anderem auch der Bau des „Hauses der Lebenshilfe“ in der Westerländer Bastianstraße. Und als Visionär setzte er sich schon vor bald 20 Jahren für eine barrierefreie Insel Sylt ein.

Die vielen Leistungen eines Mannes dokumentieren sich in diversen Auszeichnungen: Ernst-Wilhelm Stojan ist Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse, der Freiherr-vom-Stein-Medaille sowie der Goldenen Ehrennadel des Landesverbands der Lebenshilfe, außerdem Ehrenvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt Westerland und Ehrenmitglied des Fremdenverkehrsvereins Westerland.

Mit Ernst-Wilhelm Stojan ist eine bedeutende Persönlichkeit verstorben. Viele werden ihn und sein verbindliches, engagiertes Naturell vermissen. Sylt hat einen wertvollen Teil seiner Geschichte verloren.

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