Anekdoten und Einsichten

Freundlicher Plausch mit Publikum: Edmund Stoiber und Michael Jürgs. Foto: christiansen
Freundlicher Plausch mit Publikum: Edmund Stoiber und Michael Jürgs. Foto: christiansen

Entspannte Plauderei mit Bayerns Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber beim Kampener Literatursommer

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13. Juli 2013, 03:59 Uhr

Kampen | Ein weiß-blauer Himmel, ein konservatives, gebildetes Publikum und ein freundlicher Fragensteller - das Einzige, was bei Edmund Stoibers einem Heimspiel ähnelnden Auftritt beim Kampener Literatursommer für einen echt-bayrischen Abend fehlt, sind Berge und Blasmusik. Bei der entspannten Plauderei mit Ex-Stern-Chefredakteur Michael Jürgs über sein Buch "Weil die Welt sich ändert", geht es jedoch weniger um bajuwarische Politik, als hauptsächlich um private Anekdoten, altersmilde Einsichten und europäische Ansichten des ehemaligen bayrischen Ministerpräsidenten.

Neben der für Spitzenpolitiker längst unvermeidlichen juvenilen Fußball-Anekdote (Sieg bei der oberbayrischen Schülermeisterschaft durch ein Stoiber-Tor) machen die Schilderung des "heilsamen Erlebnisses" Sitzenbleiben und der materiellen Not in der Nachkriegszeit aus dem Politiker schnell den Menschen Stoiber. Dessen 1971 verfasste Doktorarbeit zum Thema "Der Hausfriedensbruch im Lichte aktueller Probleme" nutzt Jürgs, um nach dessen Einschätzung der NSA-Datenspitzeleien zu fragen. "Das wäre in Deutschland undenkbar, aber die Welt ist bei der persönlichen Freiheit nicht so sensibel, wie wir es wegen unserer Vergangenheit mit Gestapo und Stasi sind", findet Stoiber und sieht nur eine Lösung: "Wenn wir uns in Europa als Wertegemeinschaft begreifen, dann müssen wir diese Werte anderen gegenüber offensiver vertreten."

Zu den womöglich altersmilden Einsichten, die Jürgs dem 71-Jährigen entlockt, gehört zum einen die Rolle der linken 68er für die demokratische Entwicklung Deutschlands und die Bedeutung von Willy Brandts Kniefall in Warschau, "ohne den wir den Aussöhnungsprozess nicht bekommen hätten". Zum anderen billigt Stoiber dem politischen Gegner eine weitere Leistung zu: Gerhard Schröders Agenda 2010 "war die Grundlage, dass es uns heute so gut geht".

Applaus auf offener Szene gibts jedoch erst für den Satz, "der Staat darf wie jeder Privatmann nicht mehr ausgeben als er einnimmt", mit dem er auch auf die zunehmende Unfähigkeit der Politik zu Reformen hinweist. Zwar sei das Image von Politikern heute so schlecht wie nie, "doch ohne geht es auch nicht". Zu deren größten Leistungen gehört es nach Stoibers Ansicht, aus einem "auch geistig zerstörten und in der Welt verfemt Land" ein tolerantes und wirtschaftlich erfolgreiches gemacht zu haben. Was er jedoch vor allem bedauere, ist die verloren gegangene Lust an grundsätzlichen intellektuellen Diskussionen. "Wir leben heute in einer Konsensdemokratie, in der Grundsätzliches dem Bohren an der Oberfläche gewichen ist." Angela Merkel stellt er dennoch ein gutes Zeugnis als Kanzlerin aus. Vor allem wegen ihrer Fähigkeit, in Europa voranzugehes ohne zu führen. "Selbstbewusste Machos vom Schlage eines Helmut Schmidt, Gerhard Schröder wären derzeit - wie ich sicherlich auch - wohl nicht so gut."

So kurzweilig das Frage-Antwort-Spiel zwischen dem nur selten ironischen Journalisten und dem plaudernden Politiker auch ist - als anstrengend erweist sich die Neigung Stoibers zu unvollendeten Sätzen. Vielleicht so unvollendet wie seine politische Karriere bei seinem Rücktritt 2007. "Ich wäre gerne noch in die Wahl 2008 gegangen..."

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