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„An der alten Minden hängen viele Erinnerungen“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Interview mit Claus Dethlefs, Vormann der DGzRS-Station List auf Sylt

shz.de von
erstellt am 14.Dez.2013 | 00:31 Uhr

Claus Dethlefs (Jahrgang 1957) ist seit 1988, also seit 25 Jahren, Seenotretter bei der DGzRS. Seine Familie lebt seit Generationen auf der Insel Sylt.

Herr Dethlefs, Sie sind Vormann – was macht ein Vormann?

Bei den Seenotrettern heißen die Kapitäne seit der Zeit der Ruderrettungsboote vor rund 150 Jahren Vormann. Sie sind verantwortlich für Schiff und Besatzung. Der Vormann trifft die Entscheidungen – verantwortungsvoll und mit seiner Erfahrung.

Welche Ausbildung braucht ein Vormann?

Vor allem Seefahrtserfahrung. Ich habe eine Matrosen-Ausbildung und später mein Kapitänspatent gemacht. Meine Fahrenszeit habe ich auf Fracht- und Fahrgastschiffen in Nord- und Ostsee, aber auch auf anderen Weltmeeren verbracht. Die spezielle Weiterbildung für den Such- und Rettungsdienst bekommt man von der DGzRS.

Warum sind Sie Seenotretter geworden?

Irgendwann wollte ich wieder nach Hause. Und helfen zu können ist eine tolle Sache. Wenn wir etwa einen Verletzten sicher an Land bringen und er alles gut übersteht, sieht man die dankbaren Augen noch lange vor sich. Dafür lohnt es sich, immer wieder aufs Meer hinauszufahren.

Wie viele Seenotretter gibt es auf ihrer Station?

Mit unserem Seenotkreuzer sind rund um die Uhr stets drei Kollegen einsatzbereit. Jeder hat 14 Tage Dienst und anschließend genauso lange frei, immer im Wechsel. Fünf Freiwillige engagieren sich auf unserer Station, darunter ein Seenotarzt, der bei Bedarf mitfährt. Weitere zehn Freiwillige sind in Hörnum auf dem Seenotrettungsboot Horst Heiner Kneten im Einsatz.

Ist Ihr Revier ein schwieriges Einsatzgebiet? Was sind die Herausforderungen?

Unser Revier sind die Watten zwischen Sylt und Rømø, aber auch die offene See bis Helgoland und zum dänischen Horns Riff. Nahe der Küste liegen viele gefährliche Untiefen. Oft entsteht hier sehr schnell eine hohe See. Einsätze für manövrierunfähige oder festgekommene Fischkutter, verletzte Besatzungsmitglieder, hin und wieder Brandbekämpfung auf See, aber auch Einsätze für Wassersportler gehören zu unserem Alltag.

Hat sich Ihre Arbeit durchden neuen Seenotkreuzer verändert?

Wir sehen das mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Denn natürlich hängen an der alten Minden viele Erinnerungen. Sie wurde 1985 gebaut und war seit 1989 in List stationiert, fast ihre gesamte Einsatzdauer. Andererseits haben wir jetzt ein hochmodernes Schiff mit fast 30 Jahren technischem Fortschritt bekommen. Das Seegangsverhalten ist hervorragend. Alle Erprobungen haben uns sehr zufrieden gemacht. Noch etwas hat sich geändert: Aufgrund der kompakten Bauweise gibt es an Bord kein Wohndeck mehr. Das verringert den Tiefgang und macht den Seenotkreuzer leichter und wendiger. Wir schlafen jetzt im Stationsgebäude nahe am Liegeplatz. Im Einsatzfall sind wir dennoch wie bisher innerhalb weniger Minuten auf See.

Gibt es Einsatzgrenzen für Seenotretter? Wann fahren Sie nicht mehr raus?

Seenotkreuzer sind außerordentlich seetüchtig. Sie sind für den Einsatz im Küstengebiet und auf hoher See bestimmt – bei jedem Wetter, rund um die Uhr. Sie sind als Selbstaufrichter konstruiert, das heißt: Egal wie hoch eine See ist, die sie auf die Seite werfen sollte, sie richten sich stets selbst wieder auf. Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem wir nicht ausgelaufen sind, als man uns gerufen hat.

Ihr bisher schwerster Einsatz?

Jeder Einsatz ist anders. „Den“ schwersten gibt es eigentlich nicht. Aus der jüngsten Zeit kommt mir ein Fall in Erinnerung, an den wir uns sicherlich länger erinnern als an andere: ein Nachteinsatz für einen brennenden Kutter im Frühjahr 2012. Die beiden Fischer hatten sich bereits in eine Rettungsinsel geflüchtet. Wir haben sie sicher an Land gebracht.

Haben Sie auch manchmal Angst?

Wir vertrauen auf unsere sicheren Schiffe und unsere sehr gute Ausrüstung. Ich persönlich denke nicht daran, dass mir draußen vielleicht etwas zustoßen könnte. Die Technik hilft uns, die Risiken so gering wie möglich zu halten, aber sie macht uns nicht blind: Wir sind stets umsichtig und gehen mit viel seemännischer Erfahrung vor. Der Respekt vor den Gewalten der See fährt immer mit.

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