"Am Sonntag gab es frische Wäsche"

Die kleine Lovise  (links unten) trägt das umgenähte Hochzeitskleid ihrer Mutter.
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Die kleine Lovise (links unten) trägt das umgenähte Hochzeitskleid ihrer Mutter.

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15. Mai 2010, 03:59 Uhr

Westerland | Als Ernst Jacobsen ein kleiner Junge war, fingen die Sonntage sonnabends an. Der weißhaarige Herr, der das 80. Lebensjahr überschritten hat, dessen Blick klar und dessen Tonfall resolut ist, wendet sich seinen Zuhörern zu. "Ich musste jeden Samstag um sechs Uhr abends die Glocken der evangelischen Kirche läuten", erinnert sich der Sohn eines Westerländer Kirchendieners. Das war das Zeichen, dass der Sonntag vor der Tür stand. Einmal, im Jahre 1940, warteten zwei Gestapo-Männer auf ihn. "Ich hatte trotz Fliegeralarm geläutet", erinnert sich Jacobsen. Erst nach langem Verhör hätten Hitlers-Helfer ihn frei gelassen.

Pastor Christoffer Sach klingelt mit seinem Messingglöckchen - und verschafft sich so Gehör. Denn beim Erzähl-Café, das jeden zweiten Mittwoch im Monat im Gemeindezentrum Westerland stattfindet, plappern die Teilnehmer auch mal durcheinander. Wenn von früher erzählt wird, kommen Erinnerungen über Erinnerungen hoch, ein Wort gibt das andere. Besonders heute: das Thema ist Sonntagsgeschichten. "Bei uns fing Sonntag mit dem Bad am Vorabend an", sagt Lovise Jacobsen. Gleich stimmen andere Teilnehmer hörbar zu. Sonntag war der Tag, als die ganze - meist große - Familie sauber zum gemeinsamen Mittagessen erschien, Mädels und Jungs mit frisch gezogenem Scheitel und frischer Wäsche. Denn die wurde, vor der Einführung von Baumwollhöschen, auch nur sonntags gewechselt.

Das Sonntagsgeld, das Eltern einmal in der Woche ihren Kindern gaben, war ein feststehender Begriff, genauso wie Sonntagsspaziergänge und Sonntagskleider, Sonntagsbraten und - natürlich - sonntäglicher Kirchenbesuch. "Erst war Kindergottesdienst, im Anschluss hielt der Pastor die Predigt für Erwachsene", erinnert sich eine der Anwesenden.

Während beim Erzähl-Café der belegte Apfelkuchen und Kaffee und Tee serviert werden, erinnert sich Frauke Greite an die "bunten Platten", die vor dem Krieg sonntags verzehrt wurden. "Bunte Platte, das waren Teilchen und Törtchen aus der Bäckerei", sagt Frau Greite. Die alte Dame, die während des Kaffeetrinkens und in den Redepausen Volkslieder auf ihrem Akkordeon spielt, wuchs in einem musikalischen Haushalt auf. Der Vater spielte sonntags Klavier und ihre Freundinnen, die zu Besuch kommen durften, um die bunte Platte zu verspeisen, hörten zu. Es gab kein Fernsehen, selten Radio, stattdessen wurde Halma oder Zwickern gespielt. "Wir spielten um eine Tüte Bonsche", sagt die Musikerin und meint Bonbons. Die Mutter achtete darauf, dass keines der Kinder leer ausging.

Nach dem Krieg war es mit vielen Sonntagsannehmlichkeiten erstmal vorbei. "Wir arbeiteten auch sonntags im Garten oder im Geschäft", erinnern sich die Sylter. Doch irgendwie sei die Arbeit nicht so hektisch gewesen. Sonntagsladenöffnung hätte es nach dem Krieg in Westerland auch gegeben, weiß eine Dame mit weißem Haarknoten. Mehr Gehalt oder Freizeitausgleich dagegen nicht. Es galt anzupacken, um die Wirtschaft hoch zu bringen. Eine Aussage, die bei Pastor Sach verständnisvolles Nicken auslöst. Obwohl er anfangs predigte, dass der Mensch an einem Tag der Woche - am Sonntag eben - ruhen solle und die Politik das beachten müsse. Wieder Nicken, aber die Gesichter der weisen Zuhörer zeigen, dass das Leben manchmal Anderes erfordert, als Normen verlangt.

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